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Der einzige Mensch, der unter 58 und seit Montag unter 57 Sekunden über 100 Meter Brust schwimmt: Der Brite Adam Peaty.

Schwimmen

Der Löwe im Swimmingpool

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Der neue und alte Weltmeister Adam Peaty ist der absolute Dominator über die Bruststrecken und setzt sich abseits des Beckens für bessere Bezahlung der Athleten und gegen Doping ein.

Adam Peaty hatte sich schon bereit gemacht. Es war ein lauer Sommerabend in Uttoxeter im Nordwesten von London, als die Olympischen Spiele in der britischen Hauptstadt liefen. Es ging nur noch darum, wo der damals 17-Jährige mit seinen Freunden hingeht „um sich in einem Feld zu betrinken oder irgendetwas anderes Dummes zu tun.“ Bevor er raus ging, checkte er auf seinem Handy was bei den Spielen so passiert ist. Und siehe da: Sein Kumpel, Craig Benson, nur ein Jahr älter als er, hatte es ins Halbfinale über die 100 Meter Brust geschafft. „In dem Moment habe ich mich gefragt: Was mache ich mit meinem Leben?“

Seit Montag ist der 1,91-Meter-Schrank dreifacher Weltmeister über die 100 Meter Bruststrecke. Tags zuvor pulverisierte er bei der Schwimm-WM im südkoreanischen Gwangju seinen eigenen Weltrekord und schwamm als erster Mensch in 56,88 Sekunden unter 57 Sekunden. Er ist auch der einzige, der die 100 Meter unter 58 Sekunden geschwommen ist. Seit fünf Jahren ist er über seine Paradestrecke ungeschlagen. Über die nichtolympische 50 Meter Bruststrecke steigt er heute im ersten Halbfinale ins Becken, um seinen Titel auch hier zum dritten Mal zu verteidigen. Kurzum: Er ist der absolute Dominator, der die Grenzen des Machbaren immer wieder aufs Neue verschiebt. Sein einziger Gegner ist er selbst.

„Es ist kein Opfer, sondern eine Entscheidung, die man trifft“, erklärte der Brite, warum er sich dem Schwimmsport nach dem Aha-Erlebnis 2012 so sehr verschrieb. „Man trifft zwei Entscheidungen im Leben, die eine macht einen schneller, die andere einen langsamer. Ich habe mich für schneller entschieden.“ Dabei wird er von Melanie Marshall unterstützt. Die einstige Weltklasseschwimmerin über 200 Meter Freistil und Rücken, war anfangs von Peatys Fähigkeiten als Freistilschwimmer wenig angetan, ehe sie sah wie er Brust schwamm. Da habe sie etwas „Spezielles gesehen.“

Und als sich Peaty mit 17 voll und ganz dem harten Trainingsregime von Marshall unterwarf begann der Aufstieg zum Weltklasseschwimmer. „Die alltägliche Unnachgiebigkeit, die Kontinuität in der Härte“, beschreibt Peaty sein Erfolgsgeheimnis. Er schwimmt sechs Tage täglich rund elf Kilometer, nur sonntags nimmt er sich frei. Er isst 8000 Kalorien am Tag, sein Körperfettanteil beträgt sechs Prozent.

Neben der Hingabe sich zu quälen, hat Peaty auch perfekte körperliche Voraussetzungen, um durch das Wasser zu pflügen. Er hat große Hände und Füße, ist super mobil und hat gelenkige Knie und Sprunggelenke. Den Schwimmstil bezeichnete sein Konkurrent Cameron van der Burgh einmal so: „Es ist kein Brustschwimmen mehr. Es ist eine Metamorphose aus Fliegen und Brust.“

„Er ist ein Löwe“, sagt seine Trainerin Marshall. „Du musst Fleisch vor ihn legen damit er auf die Jagd geht.“ Den Löwen hat sich Peaty nach seinem Olympiasieg 2016 in Rio de Janeiro auf den linken Oberarm tätowiert. „Seitdem ich die Wand in Rio berührt habe“, wo er natürlich mit Weltrekord (57,13 Sekunden) zu Gold schwamm, „war ich der Meinung, dass ich schneller sein könnte.“ Fortan starteten Marshall und Peaty das „Projekt 56“ das am Montag erreicht wurde. „Die wichtigste Lektion ist, dass ich immer noch lerne“, sagte er nun nach seinem WM-Triumph in 57,14 Sekunden. „Es ist nicht so, dass ich die 56 geknackt habe und niemals etwas lernen werde.“

Eine Drohung an die Konkurrenz für die kommenden Jahre in denen Peaty neben den Olympischen Spielen in Tokio noch viel vor hat. Er ist Botschafter der International Swimming League, die am 4. Oktober erstmals an den Start geht. Mit der Hilfe des ukrainischen Milliardärs Konstantin Grigorishin wollen die Schwimmer so mehr Aufmerksamkeit abseits von Europa- und Weltmeisterschaften sowie Olympischen Spielen generieren. Peaty war und ist ein harter Kritiker des Weltverbands Fina wenn es um gerechte Bezahlung der Schwimmer geht. Die neu geschaffene Schwimmserie der Fina, die mit ihrer Idee erst auf den Markt gekommen sind, als die Idee der ISL geboren war, lehnt Peaty ab. Er rechnete vor, dass zwischen 2016 und 2017 nur 12,5 Prozent der Fina-Einnahmen (104 Millionen Euro) an die Athleten flossen. Immerhin sei das Vorhaben der Fina ein Schritt in die richtige Richtung.

Mit der Dopingaufarbeitung des Schwimmweltverbands ist der britische Superstar aber weiterhin überhaupt nicht einverstanden. Vor allem der Umgang mit dem Dopingsünder Chinesen Sun Yang, der am Sonntag über 400 Meter Freistil Gold gewann und heute über 200 Meter im Finale steht. „Ich will nicht sehen, dass dieser Typ gegen meine Teamkollegen antritt, die extrem hart arbeiten, um hier zu sein“, sagt Peaty. Dem Chinesen, der 2014 von der Fina nach einem positiven Test nur für drei Monate gesperrt worden war, droht im September eine nachträgliche Strafe. Der Internationale Sportgerichtshof CAS rollt den Fall um eine womöglich durch einen Sun-Gefolgsmann zerstörte Dopingprobe neu auf.„Wir brauchen mehr Athleten, um mehr Druck auf die Verantwortlichen auszuüben, damit diese Typen für immer aus dem Sport verschwinden“, sagt Peaty.

Sarah Kohler startet mit Rekord

Sarah Köhler legte schon mal stark vor. Mit einem deutschen Rekord (15:54,08) hat die Athletin der SG Frankfurt das erste sportliche Ausrufezeichen ihrer Mannschaft im WM-Schwimmbecken von Gwangju gesetzt. Die EM-Zweite machte als Vorlaufdritte Hoffnung auf eine Medaille über 1500 Meter Freistil. Köhler war am Montag der große Lichtblick im deutschen Schwimm-Team. „Massage, ausschwimmen, schlafen“, beschrieb die 25-Jährige aus Hanau ihren Plan bis zum Kräftemessen mit der Crème de la Crème auf der Langstrecke um US-Schwimmstar Katie Ledecky am heutigen Dienstag (ab 13 Uhr/MESZ).

Ihr Partner und Deutschlands größte Gold-Hoffnung, Florian Wellbrock, warnte: „Ohne es böse meinen zu wollen, aber ich glaube, es wird nicht so leicht bei ihr wie bei der EM.“ Anders als bei den Männern ist die nicht-europäische Konkurrenz bei den Schwimmerinnen extrem stark. Köhler, die ihre eigene nationale Bestmarke aus dem vergangenen Jahr um fast vier Sekunden unterbot, erwartet also härtere Gegenwehr als bei der EM in Glasgow, wo sie Silber holte. „Sie muss wirklich gut für eine Medaille kämpfen“, sagte Wellbrock, der heute mit seinem ersten Vorlauf über 800 Meter (3.15 Uhr/MESZ) in die Beckenwettkämpfe startet. (dpa)

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