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Der Leuchtturm strahlt bis Berlin

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Von: Frank Hellmann

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Schulterschluss: Fußballer von RB Leipzig feiern mit den Fans.
Schulterschluss: Fußballer von RB Leipzig feiern mit den Fans. © AFP

Vor dem ersten Bundesliga-Duell RB Leipzig gegen Hertha BSC gilt, dass der Emporkömmling den Hauptstadtklub nicht nur in der Tabelle überflügelt hat.

Einfach mal zum Trainingsgelände spazieren und einen Blick ins Innenleben werfen – so einfach ist das bei RB Leipzig nicht. „Vorsicht, freilaufende Bullen!“ steht auf dem elektrisch verschlossenen Zufahrtstor. Und wer den Eingangsbereich der Red-Bull-Fußball-Akademie am Cottaweg betritt, der kommt nur weiter, wenn er offizielle Termine bei dem Bundesligisten verabredet hat, der sich in jeder Hinsicht anders aufgestellt hat. Sportlich wie wirtschaftlich, organisatorisch und strukturell. 80 der rund 300 Mitarbeiter sind allerdings drei Kilometer Luftlinie direkt in der Innenstadt untergebracht.

Aus dem dritten Stock eines Gebäudes am Neumarkt wird das operative Geschäft geleitet. Hier sitzen Geschäftsführung, Marketing- und Medienabteilung, um die übergeordneten Leitlinien beim Überflieger der Liga auszugeben. Mit Stadtvertretern, Partnern und auch Fans will die deutsche Filiale des Brauseimperiums am Puls der lebendigen Metropole zusammenzukommen. Im Erdgeschoss ist ein Fanshop angesiedelt, der nur mit einem kurz vor dem Fest nicht dienen kann: mit Tickets für das letzte Heimspiel des Jahres.

RB Leipzig gegen Hertha BSC (Samstag 15.30 Uhr) ist der nächste Auftritt der roten Bullen vor vollem Haus. Zweiter gegen Dritter, das erste Aufeinandertreffen der beiden Vereine überhaupt. „Im Norden gibt es Bremen oder Hamburg, im Westen Schalke oder Dortmund, im Süden die Bayern – und im Osten gibt es jetzt uns. Es ist schön, dass diese Region hier nun wieder Bundesliga-Fußball erleben darf“, sagt der Vorstandsvorsitzende Oliver Mintzlaff. Von einem Derby reden die meisten Sachsen nicht: Die Hertha gilt als West-Berliner Verein. Sicherlich mehr als eine regionale, aber gewiss keine nationale Marke, zumal es die Hertha nachweislich bis heute schwer hat, in die Herzen der gesamten Hauptstadt vorzudringen.

Trotz des Aufschwungs in jüngerer Vergangenheit wirkt die bundesweite Strahlkraft der „alten Dame“ limitiert. Oft sind Zehntausende der grauen Sitzschalen im weiten Olympiastadion leer, der Besucherschnitt (aktuell 50 036, Vorsaison 46 846) ist zwar ordentlich, aber schon der langjährige Manager Dieter Hoeneß versuchte vergeblich, den Zuschauerzuspruch auf das Bayern-Schalke-Dortmund-Level zu heben. Die historische Chance nach der Wiedervereinigung blieb ungenutzt.

Wie das mit der raschen Verankerung in Region und Stadt funktioniert – das macht der fußballerisch erfrischende Emporkömmling dem arrivierten Erstligisten gerade vor. „Mit dem Aufstieg in die zweite Liga haben wir unser Einzugsgebiet noch einmal deutlich erweitert. Bei uns kommt jetzt ungefähr die Hälfte der Zuschauer aus dem Umland in einem Radius von 100 Kilometern“, erläutert Mintzlaff. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis der 100. Fanklub entsteht.

Auffällig viele Familien pilgern in die Red-Bull-Arena, wo Schmähungen der Gäste noch auf dem Index stehen. Der Vorstandschef: „Wir haben bei uns eine sehr respektvolle Atmosphäre im Stadion. Wir wollen für eine friedliche, gewaltfreie Fankultur stehen.“

Das Ziel, so Mintzlaff: „RB Leipzig soll ein starker Standort für Bundesliga-Fußball in Mittel- und Ostdeutschland werden. Die bundesweite Akzeptanz steigt stetig, was auch unsere wachsenden Imagewerte verdeutlichen.“ Warum mittlerweile auch viele Menschen älteren Semesters aus Erfurt, Eisenach und Gotha, Jena, Gera oder Halle regelmäßig zu RB-Partien pilgern, ist nicht nur damit erklärt, dass manche Vereine von der Profifußball-Landkarte verschwanden. Selbst einzelne Businesskunden aus Berlin haben sich seit dieser Saison lieber in Leipzig eingebucht, weil ihnen der Eventcharakter bei diesem Leuchtturmprojekt besser gefällt. Der forsche Stil der RB-Profis tut sein Übriges.

Die 1800 Hospitality-Plätze werden auf Dauer bei anhaltendem Erfolg ebenso wenig reichen wie die für die WM 2006 an Stelle des alten Zentralstadions erbaute und im Besitz von Michael Kölmel befindliche Arena mit ihrer Kapazität für 42 258 Zuschauer. „Bis auf Augsburg war bislang jedes Heimspiel ausverkauft, und vermutlich werden die ersten Partien im neuen Jahr gegen Frankfurt, Hoffenheim und den HSV auch ausverkauft sein“, erläutert Mintzlaff. Daher sei es völlig legitim, sich über die für die Zukunft passende Spielstätte Gedanken zu machen.

„Ein größeres Stadion ist wichtig“, sagte zuletzt Sportdirektor Ralf Rangnick, „gegen Schalke hätten wir 70 000 bis 80 000 Karten verkaufen können.“ Zwei Varianten werden diskutiert: eine Erweiterung auf 57 000 Plätze am bisherigen Standort direkt am Elsterbecken, wofür eine Machbarkeitsstudie vorliegt und die meisten Fans wären. Oder es wird ein bis zu 70 000 Besucher fassendes neues Stadion am Stadtrand errichtet. Noch vor der Jahreswende soll es eine Tendenz geben. Klar scheint: Das Wachstum des RB-Gebildes in einer Stadt, die seit 2014 mehr Geburten als Sterbefälle vermeldet und sich über hohe Zuzugsraten junger Menschen freut, ist kaum aufzuhalten.

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