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Gewann Gold im Weitsprung bei den Paralympics 2016 in Rio: Heinrich Popow.

Paralympics

Der letzte Sprung der Lichtgestalt

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Heinrich Popow beendet bei der EM seine Karriere: "Unsere Bewegung muss breiter werden".

Vor fünf Jahren hatte Vinicius Rodrigues einen Unfall mit seinem Motorrad, sein linkes Bein musste amputiert werden. Er lag in einem Krankenhaus in São Paulo, starrte an die Decke, fürchtete sich vor einer Zukunft mit Hindernissen. Im Internet stieß Rodrigues auf den erfahrenen Paralympier Heinrich Popow, der eine Reise nach Brasilien plante. Sie schrieben sich, bald schaute Popow im Krankenhaus vorbei. Er sagte ihm, dass eine Amputation auch ein Anfang sein könnte: mit der richtigen Prothese, mit Sport und Hingabe.

Rodrigues entwickelte eine Leidenschaft für die paralympische Leichtathletik, vor allem für den Sprint. Beim nächsten Treffen brachte der gelernte Orthopädietechniker Popow ihm ein Kniegelenk für die Prothese mit. Er gab ihm Tipps fürs Training, munterte ihn auf, sie wurden Freunde. Vinicius Rodrigues wurde kräftiger und schneller, vor wenigen Wochen stellte er in der Klasse T42 über die Distanz von 100 Metern einen Weltrekord auf. Der Rekordhalter bis dahin hieß Heinrich Popow.

Am Dienstag wird Heinrich Popow, 35, seine Laufbahn als Leistungssportler im Berliner Jahn-Sportpark beenden. Bei den Europameisterschaften der Para-Leichtathleten tritt er im Weitsprung an. Wenn man ihn nach den Höhepunkten der vergangenen 18 Jahre fragt, dann geht er zunächst nicht auf seine 29 internationalen Medaillen ein. Er spricht lieber über die Menschen, die er selbst zum Sport gebracht hat. Denen er half, wieder einen festen Halt zu finden, nach Unfällen, Tumoren und Amputationen. Vinicius Rodrigues motiviert in Brasilien inzwischen selbst Jugendliche für den Sport. „Wir müssen unser Wissen weitergeben“, sagt Popow. „Unsere Bewegung muss breiter werden.“

Er hat sich das Wissen nicht angelesen, er hat er durchlebt. Nach einem Tumor wurde ihm mit neun Jahren das linke Bein bis zum Oberschenkel amputiert. Im Krankenhaus kam er mit einem Behindertensportler ins Gespräch, Popow entwickelte ehrgeizige Ziele, aber die Paralympics waren noch klein. Er hatte noch keinen Zugriff auf teure Hightech-Prothesen. Also stand er mit seinem Vater stundenlang in der Garage, sie schraubten, frästen und schliffen an den Alltagsmodellen herum. Vor seinen ersten Paralympics 2004 ging die Prothese kaputt. Sie montierten die Schnallen von Inline-Skates an und schon ging es weiter.

Es begann eine Zeit, in der sich die Weltspiele des Behindertensports rasant entwickelten, die Vermarktung, die Trainingskonzepte, die technischen Geräte. Popow schlug ein Millionenangebot aus seinem Geburtsland Kasachstan aus, denn er wollte weiter für Deutschland starten. Er wurde Botschafter des Prothetikherstellers Ottobock.

Karbonfedern, Hydraulikgelenke, Sprungwinkel – mit Technikern analysierte er jedes Detail. Das faszinierte ihn, nahm ihm manchmal aber auch die Leichtigkeit. Popow erinnert sich gut an die Unterhaltung mit einem amerikanischen Sprinter, der ihm sinngemäß sagte: Ihr Deutschen müsst alles ganz genau planen. Uns ist das egal, wir wollen einfach nur schnell laufen. In diesem Spannungsfeld, zwischen Professionalität und Spontaneität, reifte Popow zu einer Instanz, die Orientierung weit über den Behindertensport hinaus gibt.

Er gewann acht paralympische Medaillen in Sprint und Weitsprung, zwei davon in Gold. Er ist sicher, dass er auch in Tokio 2020 noch an der Spitze mithalten könnte. „Aber die Bereitschaft für den Egoismus des Leistungssports ist nicht mehr da“, sagt er. „Ich möchte nicht mehr nur an mich denken müssen.“ In seinem Verein Bayer Leverkusen ist Popow für die Medaillenhoffnungen der Zukunft längst einer der wichtigsten Ansprechpartner, für Felix Streng, Johannes Floors, Leon Schäfer. Mit Markus Rehm bespricht er nur hingegen noch das Nötigste.

Popow hatte ihn einst auf einer Messe kennengelernt und zum Verein gebracht. Doch bald gingen ihre Meinungen auseinander. Der unterhalb des Knies amputierte Weitspringer Rehm kämpfte jahrelang vergeblich für einen Olympiastart. „Inklusion im Leistungssport kann es nicht geben“, sagt Popow. „Wir müssen erstmal im paralympischen Sport sinnvolle Wettkampfklassen schaffen und dadurch eine bessere Vergleichbarkeit herstellen.“

Vor einigen Wochen war Popow in Kiel und gab einen Workshop. Er lernte ein 17 Jahre altes Mädchen kennen, ein großes Leichtathletik-Talent, wie er glaubt. Aber er wusste nicht, welchen Trainingsstützpunkt er im Umkreis empfehlen könnte. Popow, aufgewachsen im Westerwald, wurde im nicht allzu fernen Leverkusen gefördert. In Vorpommern, Niederbayern oder in der Sächsischen Schweiz hätte er sich vermutlich nicht so entfalten können. Popow sagt: „So lange wir keine verlässlichen Strukturen haben und Talente durch Zufall entdeckt werden, steckt unser Sport noch in den Kinderschuhen.“

Popow spricht wie ein Trainer, aber möchte kein Trainer sein. „Ich glaube, ich wäre zu böse und zu fordernd“, sagt er. „Ich möchte weiter ein Quertreiber bleiben.“ Er gilt als Kandidat für das Kuratorium des Deutschen Behindertensportverbandes.

„Aber ich würde mich da nicht rein setzen, um Kaffee zu trinken und Tagesordnungspunkte abzunicken. Wenn ich da nichts bewegen kann, wäre ich schnell wieder draußen.“ Popow berät unter anderem die Japaner vor ihren Paralympics 2020.

Zwei Mal war sein Vater bei internationalen Wettbewerben dabei, in Peking 2008 ist er vor Aufregung ohnmächtig geworden. Am Dienstag in Berlin wird er auf der Tribüne sitzen. „Ich bin aufgeregt“, sagt Popow. „Aber danach wird es weiter gehen.“

Den Rest der Woche wird er mit jungen Sportlern aus ganz Europa verbringen. Er wird ihnen die Feinheiten einer Prothese erklären. Er hat das schon hunderte Mal gemacht, überall auf der Welt, doch in diesem Punkt kann von einem Karriere-Ende keine Rede sein.

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