Die letzte Messe in der Kathedrale der Leichtathletik

Noch einmal wird am Wochenende im Stuttgarter Stadion gelaufen, geworfen und gesprungen / Eine Tradition wird zu Grabe getragen: Erinnerungen an sagenhafte Wettkämpfe

Von REINHARD SOGL

Hätte Manfred Rommel den "Orden wider den tierischen Ernst" nicht schon 1982 erhalten, für seinen Kommentar zur großartigsten Sportveranstaltung in seiner Stadt hätte der Stuttgarter Oberbürgermeister bestimmt elf Jahre später den Ritterschlag durch den Aachener Karnevalsverein erhalten. "Für die Olympischen Winterspiele werden wir uns nicht bewerben", bewies der schwäbische Westentaschenphilosoph mal wieder hintergründigen Humor, als er die sportpolitischen Folgen einer Leichtathletik-WM der Superlative für die damals selbsternannte Hauptstadt des deutschen Sports umreißen sollte. 15 Jahre und eine eher kuriose Kandidatur um den Platz als deutscher Vertreter fürs Rennen um den Austragungsort der Sommerspiele 2012 später wird es nicht einmal mehr zu einer Bewerbung um Leichtathletikmeisterschaften der Region Mittlerer Neckar kommen - jedenfalls nicht mit dem WM-Stadion für 55 000 Zuschauer.

Denn nach 75 Jahren ist für die Läufer, Springer und Werfer in der 1933 errichteten und mit -zig Millionen Euro mehrfach modernisierten Arena Schluss. Mit dem dritten Weltfinale wird an diesem Wochenende die Tradition zu Grabe getragen. 2009 rücken die Bagger an, um aus der Leichtathletikkathedrale einen Fußballtempel zu machen.

Am 24. April dieses Jahres gab der Gemeinderat dem langjährigen Drängen des VfB Stuttgart nach und definierte damit das Adjektiv mittelfristig mit drei Jahren. "Mittelfristig", hatte Rommel-Nachfolger Wolfgang Schuster 2005 nach dem Zuschlag des World Athletics Final für die Jahre 2006 bis 2008 gesagt, werde die just für 400 000 Euro neu verlegte grüne Laufbahn erhalten bleiben. Insgesamt wohl rund eine Million Euro Verlust bei den drei Auflagen des hochkarätigen Saisonabschlusses, bei dem das Stadion meist nur zur Hälfte gefüllt war und auch heute und morgen wohl nur sein wird, dienten den Fußballern aber als Totschlagargument. Und genüsslich ließen sie den selbstgefälligen Satz des früheren Leichtathletik-Weltverbandspräsidenten Primo Nebiolo aufleben, der nach Abschluss der WM 1993 geprollt hatte: "Be happy and pay the deficit." 5,9 Millionen Mark hatte Stuttgart das Spektakel gekostet, dafür aber allerbestes Stadtmarketing betrieben. Nicht nur die französische Sportzeitung L'Equipe war total begeistert: "Die Welt sah große Leistungen und eine phantastische Atmosphäre."

Eine Stimmung freilich, die danach allenfalls noch bei Fußballspielen aufkommen sollte. Alle Versuche, die tollen Tage der Leichtathletik wieder aufleben zu lassen, schlugen fehl. Die Zeiten für Zeiten und Weiten scheinen vorbei. Und so bleibt nur die Erinnerung an großen Sport und ein fantastisches Publikum bei der WM 1993, der Europameisterschaft 1986, Länderkämpfen und deutschen Meisterschaften.

Für eine, wenn nicht die Sternstunde auf der ersten deutschen Kunststoffbahn sorgte bei den nationalen Titelkämpfen 1971 Hildegard Falck, die ein Jahr vor ihrem Olympiasieg als erste Frau der Welt über 800 Meter in 1:58,5 unter zwei Minuten blieb. Klar, dass sie die künftige Monokultur im Stuttgarter Stadion bedauert. Sie fragt arglos: "Warum können nicht zwei Sportarten nebeneinander ein Stadion benutzen?" Weil Geld auch die Sportwelt regiert und die benachbarte Autoschmiede ihr Herz an den Fußball verloren hat. Dass das Gottlieb-Daimler-Stadion jetzt Mercedes-Benz-Arena heißt, ließ sich der Konzern 23 Millionen Euro kosten. Ohne dieses Geld, das einen guten Teil des rund 60 Millionen Euro teuren Umbaus abdeckt, wären die Leichtathleten wohl doch nicht aus ihrem Paradies vertrieben worden.

"Aus Sicht der Leichtathletik, aber auch aus Sicht vieler Bürger ist es eine Schande, dass man ein hochmodernes Stadion zerstört", zetert der Schwabe und frühere DLV-Präsident Helmut Digel. In Deutschland, wo jetzt selten mehr als 20 000 Zuschauer zur Leichtathletik kommen, wird es damit nur noch drei große Arenen mit einer Laufbahn geben, in Nürnberg, München und Berlin, wo 2009 die WM stattfindet. Zumindest die beiden Olympiastadien scheinen vor dem Schleifen sicher. Sie stehen unter Denkmalschutz.

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