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Und es werden immer mehr: Die ehemalige Kugelstoßerin Nadine Kleinert zeigt stolz ihre Medaillen.

Nadine Kleinert

„Die letzte Medaille hole ich mit dem Rollator ab“

Ein Vierteljahrhundert lang gibt sich Nadine Kleinert die Kugel. Zur nächste Woche beginnenden Leichtathletik-WM in Doha ist sie eingeladen, um sich nachträglich eine Medaille abzuholen - wieder mal.

Vom nahen Kyffhäusergebirge grüßt Kaiser Barbarossa, über dem idyllischen Stausee Kelbra lacht die Sonne, im Vogelparadies proben hunderte Kraniche schon mal für den Formationsflug gen Süden. Nadine Kleinert genießt dieses Panorama. Sie hat heute einen freien Tag, und zum See kommt die ehemalige Weltklasse-Kugelstoßerin immer wieder gern. „Ich habe mein kleines Peloponnes wiedergefunden, hier in Thüringen am Stausee“, sagt die gebürtige Magdeburgerin der Deutschen Presse-Agentur und deutet auf die weitläufigen Wiesenflächen und das kleine Amphitheater mittendrin.

Peloponnes? Muss sie erklären. Rückblende: Im antiken Olympia erlebt sie am 18. August 2004 einen der schönsten Erfolge und emotionalsten Momente ihrer Karriere, die immerhin ein Vierteljahrhundert währt: Beide Kugelstoßfinals gehen an der Geburtsstätte Olympias über die grüne Bühne, auf der Halbinsel Peloponnes im Süden Griechenlands.

„Da kriege ich heute noch Gänsehaut“, gesteht die 43-Jährige. „Wer hat schon mal 160-Kilo-Mannsbilder gesehen, die geheult haben, als sie durch diesen Torbogen gegangen sind?“ Über Bronze jubelte die Leichtathletin damals ausgelassen, und schon wenige Tage später weiß Kleinert, dass sie sogar Silber hat.

Wegen Dopings verliert die Russin Irina Korschanenko Gold, Kleinert rückt auf und bekommt ein halbes Jahr später die Silberplakette. Unglaublich: Bronze ist bis heute – mehr als 15 Jahre nach Olympia in Olympia – nicht wieder vergeben worden. Rund ein dutzendmal wird Kleinert nach Dopingfällen ihrer Konkurrentinnen bis heute hochgestuft; zum ersten Mal 1999.

Hammerwerferin Betty Heidler bekommt im Vorjahr nachträglich Olympia- Silber von den Sommerspielen 2012 in London; elf Jahre nach den Spielen 2008 in Peking wird auch der früheren Speerwurf-Weltmeisterin Christina Obergföll Silber nachgereicht.

„Die olympische Medaille habe ich damals beim Neujahrsempfang des NOK bekommen. Da durfte ich extra noch auf eigene Kosten nach Frankfurt reisen“, grummelt Kleinert. Bronze von der Hallen-EM 2004 in Budapest hat sie „irgendwann mal mit der Post bekommen“. Ihr Trainer Klaus Schneider hat dann „noch ‚ne Flasche Sekt gekauft und sie mir beim Training überreicht“.

Sie führt eine Liste, in einer gelben DIN-A4-Mappe, „wo das Gröbste draufsteht. Aber ich hab‘ aufgehört zu zählen.“ Sie schreibt an den ehemaligen Sportminister Thomas de Maizière. „Das war kein Hilfeschrei, ich wollte ihn nur mal auf das Problem aufmerksam machen“, berichtet Kleinert.

Gerade habe sie erfahren, dass sie schon wieder mal eine Plakette mit Verspätung bekommt: Silber statt Bronze von der WM 2007 in Osaka. „Zwölf Jahre später!“ Der Weltverband IAAF hat sie zur WM nach Doha eingeladen, die am 27. September startet. „Das ist eine Geste, ja, aber ‚tschuldigung: Die arbeitende Bevölkerung hat keine Zeit.“

Ergebnislisten sind für sie heute nur noch „schwarze Tinte auf weißem Papier. Und Papier ist geduldig.“ Und außerdem: „Ich kann mich über nachgereichte Ehrungen überhaupt nicht mehr freuen. Aus Spaß habe ich schon mal gesagt, obwohl ich es wirklich ernst meine: Die letzte Medaille werde ich wahrscheinlich mit dem Rollator abholen.“ Oder sich den Brief mit den Dokumenten selbst zustellen. „Gut möglich“, sagt Kleinert, „wenn ich diese Tour habe.“

Vor drei Jahren zieht die dreimalige WM-Zweite aus Magdeburg in ein Dorf im Kyffhäuserkreis. Der Liebe wegen. „Ich habe jetzt eine kleine Familie. Ich bin gesund, habe ein Dach über Kopf, und ich habe ein glückliches Leben – das ist mein Luxus“, versichert sie. „Die Leichtathletik, mein Partner und Babsi – dies ist mir wichtig im Leben. Ich habe meinen Ruhepol heute zu Hause“, erzählt Kleinert und schmunzelt. Babsi? Ihre Hündin „ist ‚ne Diva“.

Meist macht ihr die Arbeit Freude, die Kollegen haben sie gut aufgenommen. „Das ist ein Job, wie ich ihn immer wollte.“ Er macht ihr Spaß, selbst zur Weihnachtszeit, wenn die 14-malige deutsche Meisterin wieder in Rekordform sein muss. „Knapp über 200 Pakete in acht Stunden“ fährt sie dann aus – früher stieß sie die Kugel sechsmal möglichst weit – 24 Kilo Eisen in einer Stunde. „Ich bin ja an schwere Gewichte gewöhnt. Und ein Paket wiegt bis zu 31,5 Kilo.“ Fast achtmal so viel wie die Kugel.

Vier Olympische Spiele (von 2000 bis 2012) erlebt sie, bei acht Weltmeisterschaften (von 1997 bis 2011) steht sie im Ring. Ihre Bestleistung packt sie bei der Heim-WM 2009 in Berlin aus – für 20,20 Meter gibt‘s in Spreeathen Silber. Erst am 15. September 2013 hört Nadine Kleinert mit dem Leistungssport auf – mit 37 Jahren. Und noch einmal wird es Silber, bei der Militär-Europameisterschaft. Die dpa schreibt: „Im westfälischen Warendorf geht an diesem Sonntag eine der längsten, erfolgreichsten und vor allem beständigsten Karrieren der deutschen Leichtathletik zu Ende.“

Diesen Satz kann Clemens Prokop im Rückblick nur dick unterstreichen. Der langjährige DLV-Präsident kennt und schätzt Nadine Kleinert. „Sie war immer authentisch und ehrlich. Nicht stromlinienförmig, nicht Social-Media-weichgespült. Sie hat ihr Ding gemacht – und das konsequent“, sagt der Jurist Prokop der dpa.

„Sie hat sich auf jeden Fall zu den Großen der Leichtathletik hochgearbeitet. Zur Crème de la Crème“, bekräftigt Prokop, von 2001 bis 2017 Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes. „EM-Gold 2012 in Helsinki war ein versöhnliches Ende. Aber der Ruhm von gestern brachte ihr wirtschaftlich nicht das, was sie durch ihre Leistung eigentlich verdient hätte.“

Christina Schwanitz, seit Jahren die deutsche Nummer eins im Ring, erinnert sich an einen der „emotionalsten Momente“, den sie im Sport erlebt hat. „Als Nadine bei Olympia 2012 in London das Finale knapp verpasste, Mensch, das war so hart für sie. Da habe ich sie in den Arm genommen und getröstet“, erzählt die frühere Welt- Und Europameisterin.

„Das hat mich damals sehr bewegt, dass ich als jüngere Athletin gesehen habe, wie diese Powerfrau ihren Frust raus heult“, erzählt die zehn Jahre jüngere Schwanitz, die großen Respekt vor „Kleini“ hat. „Sie war sehr charakterstark, ist oft angeeckt, hat aber mit Leistung überzeugt“, meint die 33-Jährige vom LV 90 Erzgebirge.

Kleinert liebt ihren Sport noch heute, gerade deshalb beäugt sie ihn wohl besonders kritisch. „Wenn es so weitergeht, dann ist die Leichtathletik in zehn Jahren tot – und den DLV gibt‘s nicht mehr“, sagt Kleinert. „Es ist nicht mehr meine Leichtathletik!“ Die Zuschauer „gehen doch lieber zu einem Fußballspiel der F-Jugend“.

Leistungssport, Schule, Studium, Arbeit – dies sei heute für viele Athleten eine Schicksalsfrage. „Und auf dem freien Markt heute mit über 30 noch einmal einen Beruf lernen? Dann ist man 34, 35, bis man fertig ist“, erklärt Kleinert. „Wer nimmt einen dann noch? Es ist wirklich so hart. Ich hab‘s am eigenen Leib erfahren.“

Nach ihrer Karriere hatte die dreimalige WM-Zweite zunächst als Trainerin gearbeitet. Bei ihrem Ex-Verein SC Magdeburg sei sie „als Übungsleiter abgestempelt“ worden, für 200 Euro netto im Monat. „Wer will‘s denn heute noch für‘n Appel und ‚n Ei machen? Sich von acht Uhr früh bis abends 20 Uhr in die Halle stellen und ein paar aufmüpfige Teenager trainieren, die auf nichts Bock haben?“

War sie, die vom Sportbetrug anderer letztendlich profitiert hat, denn selber immer sauber? Die Frage kommt direkt, die Antwort eher indirekt. „Ich bin mit mir im Reinen. Wer etwas anderes behauptet, kann gerne kommen und mir das Gegenteil beweisen“, sagte sie. „Und wenn er es schwarz auf weiß hat, dann sage ich auch gerne: Ja, es stimmt.“ In einer einzigen Saison sei sie „von Mai bis Oktober 45 Mal kontrolliert worden“. (dpa)

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