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Zeit, ein neues Kapitel aufzuschlagen: Dennis Seidenberg.

Eishockey

Der leise Abschied des Dennis Seidenberg

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Eishockeyprofi Dennis Seidenberg macht nach 928 NHL-Spielen Schluss.

Die Geschichte, die so viel über Dennis Seidenberg erzählt, ist diese. Vor einem Jahr bekam er, der langjährige Profi in der NHL, der Stanley-Cup-Gewinner, das Konditionswunder der Liga, keinen Vertrag mehr. Er ging bei den New York Islanders, für die er zuletzt gespielt hatte, dennoch weiter zum Training. Schuftete, stellte sich zur Verfügung. Nach Monaten der Gratis-Arbeit verpflichteten die Islanders ihn für die Playoffs 2019.

Eine Vorsichtsmaßnahme, falls zu viele Spieler verletzt sein würden. Das geschah nicht, Dennis Seidenberg aus Villingen-Schwenningen, blieb ohne Einsatz. Der neue Vertrag lief auch wieder aus, die Islanders unterbreiteten aber ein Angebot: Seidenberg solle doch mit Spielern in der Reha arbeiten und eine Art Entwicklungshelfer innerhalb der Organisation werden. Das nahm er an.

Wodurch seine Karriere als Spieler mit 38 Jahren nun aber definitiv beendet ist, wie er der „SZ“ erklärte. Ein leiser Abschied. „Körperlich geht es nicht mehr“, sagt er. „Meine Schulter und meine Handgelenke sind nach 15 Jahren NHL fertig.“ Dafür sind die Zähne, wie er stolz anfügt, noch alle echt. „Nur die beiden oberen Schneidezähne sind etwas abgesplittert.“

Sein letztes Spiel war somit eines für die deutsche Nationalmannschaft, vor fast eineinhalb Jahren, am 15. Mai 2018 im dänischen Herning. Ein 0:3 gegen Kanada. Nicht untypisch: Dennis Seidenberg hatte die meiste Eiszeit, exakt 23 Minuten. Er konnte was aushalten. Marco Sturm, damals noch Bundestrainer, hatte ihn für die WM 2018 auch zum Kapitän gemacht.

Dennis Seidenberg, Verteidiger, war nach Uwe Krupp der zweite Deutsche, der in einem Team stand, das den Stanley Cup gewann, 2011 mit den Boston Bruins (nach den beiden kam noch Tom Kühnhackl mit Pittsburgh). Die USA wurden sein Lebensmittelpunkt, der jüngere Bruder Yannic, der beim EHC München spielt, flog im Sommer immer rüber, um sich mit Dennis und dessen Privattrainer auf die neue Saison vorzubereiten. Zu den Übungen gehörte es, etwa einen Liegestütz bis zu fünf Minuten zu halten.

Einer, der Dennis Seidenbergs Weg in der Phase des Übertritts zum Erwachsenenalter begleitete, ist Franz Fritzmeier senior aus Bad Tölz. Vor 20 Jahren reiste er mit einem Team aus deutschen Talenten, das er „European Pioneers“ nannte, nach Nordamerika, um dort ein Jahr lang von einem College aus am Spielbetrieb teilzunehmen. Seidenberg war dabei – doch Fritzmeier musste ihm die Teilnahme schmackhaft machen: „Dennis wollte Tennisprofi werden. Ich habe ihn damit gelockt, dass ich mich darum kümmere, dass er am College Tennis spielen kann. Zweimal hat er das getan, dann war es erledigt.“

In der Hierarchie der Pioneers-Truppe stand Seidenberg ganz oben (Fritzmeier: „Er hatte eine hohe Sozialkompetenz, war diszipliniert und fleißig“), in der Außenwahrnehmung war der Rosenheimer Rainer Köttstorfer der Star. Auf ihn blickten die Scouts, weil er mit fast zwei Metern und über 100 Kilogramm die damals für die NHL gefragten Gardemaße mitbrachte. Köttstorfer spielte bis 2013 in der DEL, mit Hannover wurde er Meister, das Interesse der NHL aber löste sich auf. Hingegen wurde Seidenberg nach seiner ersten WM 2001 von Philadelphia gedraftet.

„Ein Musterschüler, ein Musterprofi, für den Trainer leicht zu handeln“, sagt er. Auch Hans Zach, der als Bundestrainer den jungen Seidenberg 2001 berief, war angetan vom natürlichen Eifer des Spielers: Während des WM-Turniers schrieb er Abiturprüfungen. „Der Wille hat ihn weit gebracht“, sagt Förderer Fritzmeier. Er hat 928 NHL-Spiele gemacht. „Hut ab.“

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