+
Bundestrainer Leipold hofft, dass Bolaghi vielleicht ähnliche Erfolge wie er in seiner aktiven Zeit erzielen kann. (Archiv)

Ringen: Europameisterschaft in Dortmund

Mit Leidenschaft und Respekt

  • schließen

Ringertalent Saba Bolaghi zählt zu den jungen Wilden in der Mannschaft von EM-Gastgeber Deutschland. Der 21-Jährige sammelt in der Bundesliga für den RWG Mömbris Königshofen Punkte.

Ringen, sagt Saba Bolaghi, das bringe den Abgehobenen wieder auf den Boden zurück. Wenn der Gegner einen im Griff hat, durch die Luft schleudert und man sich einfach hilf- und wehrlos fühlt, dann werden Verhältnisse schnell zurechtgerückt. „Da lernst du Respekt vor anderen.“

Ringen, sagt der 21-Jährige aber auch, stärke das Selbstbewusstsein. Es macht nicht nur den Kämpfer mit der eigenen Kraft bekannt und lehrt ihn, sie richtig einzusetzen. Das „Raufen nach Regeln“ verändere den ganzen Menschen.

Er könnte wohl noch lange so von der Sportart seines Herzens schwärmen, der gebürtige Frankfurter, der in der Bundesliga für den deutschen Vizemeister RWG Mömbris Königshofen Punkte sammelt. Die Leidenschaft verleiht seinen dunklen Augen dabei einen besonderen Glanz. Er würde sie gerne mit vielen in seiner Heimatstadt teilen, vor allem mit jungen Leuten, die er damit von der Straße holen, mit Schülern, die er stark machen will. In Projektwochen hat er als Schüler der Carl-von-Weinberg-Schule seine Mission schon begonnen, in einer Hausarbeit auch theoretisch erörtert. Doch jetzt muss sich der Student der Sportwissenschaften und Pädagogik erst einmal auf ganz andere Ziele konzentrieren.

Im Iran „ein Held“

Als erst vor zwei Wochen gekürter nationaler Meister in der Klasse bis 66 Kilogramm gehört der 1,68 Meter große Athlet zum 20-köpfigen Kader, der den Deutschen Ringer-Bund (DRB) bei der am heutigen Dienstag beginnenden Europameisterschaft in Dortmund vertritt. Vor eigenem Publikum sollen, anders als etwa bei der Weltmeisterschaft im Vorjahr in Moskau, Medaillen für die hiesigen Vertreter herausspringen. Bolaghi selbst, der zu den vier jungen Wilden im Freistil-Team von Bundestrainer Alexander Leipold gehört und in der Liga zuletzt einige Topleute besiegte, macht sich keinen Druck: „Ich sehe zu, dass es so gut läuft wie möglich.“ Doch das Feld sei sehr dicht, „da entscheiden Tagesform und Los“.

Bei der EM 2010 in Aserbaidschan, wo der DRB dreimal Edelmetall gewann, belegte Bolaghi Rang neun. Ein Bluterguss im Bizeps schwächte ihn beim letzten Kampf, der denn auch verloren ging. Auf die WM verzichtete er. Zu hoch war über Monate hinweg die Belastung gewesen, da der Dritte der Junioren-WM 2009 in seinem letzten Nachwuchsjahr schon bei den Männern mitgekämpft hatte. „Das ging voll an die Substanz“, sagt Bolaghi.

Um das Burn-out zu überwinden, gönnte er sich „einen schönen Sommer“ ? ohne Training oder Wettkämpfe. Dann war die Lust wieder da, die Gegner niederzuringen und sich so für internationale Starts zu empfehlen. Die EM, bei der er am Mittwoch startet, soll nur einer davon sein; schließlich werden bei der WM im September in Istanbul die ersten sechs Olympiatickets pro Gewichtsklasse vergeben, je zwei weitere bei drei europäischen Qualifikationsturnieren. Bolaghi hofft, schon in der Türkei die Reise nach London buchen zu können: „Europa ist sehr stark.“

Im familiären Umfeld würde ihm das besonders viel Hochachtung einbringen. Bolaghis Vater und Trainer stammt aus dem Iran, wo das Ringen eine ganz andere Aufmerksamkeit genießt als hierzulande. „Dort bin ich ein Held“, erzählt Bolaghi, in Deutschland ein Randsportler. Doch trotz doppelter Staatsbürgerschaft habe er nie daran gedacht, für den Iran, aus dem sein Vater 1979 geflüchtet war, zu starten. „Ich bin stolz auf den Adler auf der Brust“, sagt der Hesse, der eigentlich gar nicht in die Fußstapfen seines ebenfalls um Erfolge ringenden Vaters treten wollte. Zwar fing er mit sieben beim KSV Neu-Isenburg an, doch erst Jahre später, nach dem Wechsel zum ASV Griesheim, „ergaben die Griffe einen Sinn“ und der Ehrgeiz wurde geweckt in dem von klein auf quirligen Athleten.

Dass die Duelle Mann gegen Mann nicht ohne Spuren an ihm vorbeigehen, stört ihn nicht. Ein Kampf ohne Kratzer stellt ihn nicht zufrieden, ein blaues Auge sieht er als Trophäe. Und die ringertypischen Blumenkohlohren? Die, sagt Bolaghi, weisen ihn als Kampfsportler und Kämpfer aus. Sie zeigen, dass er dazugehört zu dieser besonderen Menschengruppe. Und wenn ihn die Knubbelohren nach seiner Karriere doch stören sollten? „Dann kann man sie operieren oder ich lasse mir die Haare wachsen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion