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Auf die Plätze, fertig, los! David Corell (rechts) leitet seine Sprintgruppe an.

Leichtathletik 

Der Schnellermacher

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David Corell, hessischer Landestrainer Kurzsprint, ist der jüngste Trainer im Verband und hat mit neuen Trainingsmethoden Kevin Kranz zum Deutschen Meister über 100 Meter geformt. 

Vor knapp vier Jahren hat David Corell vor Sprinttrainerkollegen einen Vortrag gehalten. Er, der junge Spund, gerade einmal 22 Jahre alt, Honorarkraft beim Hessischen Leichtathletikverband (HLV), sprach auf der Fortbildung über das Thema Blockperiodisierung. „Da hat mich keiner ernst genommen“, erinnert sich Corell. Er erzählte davon, sich auf einzelne motorische Fähigkeiten zu konzentrieren und die Trainingsmethoden nicht zu vermischen. Und als er auch noch davon sprach, dass ausschließlich kurze, aber intensive Einheiten und nicht lange, kraftraubende Ausdauereinheiten zum Erfolg führen können, merkte Corell, dass er nicht zum Auditorium durchdrang. Das sei vielleicht etwas für den absoluten Spitzenbereich, hörte er dann, aber damit müsse man sich jetzt nicht beschäftigen. „Jetzt kommen sie zu mir und fragen, wie geht das? Wie wird das gemacht?“, sagt er

Der Grund für das gestiegene Interesse ist einfach: David Corell ist der Trainer des amtierenden Deutschen Meisters über die 60 Meter und 100 Meter Kevin Kranz (20) vom Sprintteam Wetzlar. Und auch seine anderen Schützlinge wie Michael Pohl (29/Sprintteam Wetzlar) oder Daniel Regenfuß (18/LG Langen) gehören zur deutschen Spitze beziehungsweise sind auf dem Weg dahin.

Genugtuung verspürt Corell nicht. Er wusste ja, dass er als junger Trainer erst einmal in Vorleistung treten musste. Innerhalb von 18 Monaten hat der heute 26-Jährige nicht nur die Karriere von Kranz gerettet, der wegen ständiger Wadenprobleme ans Aufhören gedacht hatte. Corell hat die Trainingspläne für den gebürtigen Frankfurter umgeschrieben, hat die Sprungübungen komplett rausgenommen, um die Wade nicht mehr unnötig zu belasten. Kranz hat auch innerhalb dieser 18 Monate seine Bestzeit über die 100 Meter von 10,96 Sekunden auf 10,24 Sekunden (Juni 2018) verbessert. Das sind Welten im Sprint.

Kranz‘ Steigerung und der Deutsche Meistertitel im vergangenen Jahr waren für Corell die Bestätigung, dass seine Trainingsmethoden fruchten. „Wir machen maximal sechs Einheiten die Woche, davon sind vier richtig anstrengend“, sagt Corell, der an der Universität Mainz seinen Bachelor in Sport gemacht. Thema der Bachelorarbeit: Blockperiodisierung im Sprint. Seine Ursprünge hat diese Methodik in Russland, in den 90er Jahren übernahmen auch die US-Amerikaner sie weitestgehend. „Wir Deutsche haben zehn bis 15 weitere Jahre gebraucht, bis es zu uns rübergeschwappt ist“, so Corell.

Er selbst ist mit 13 Jahren zur Leichtathletik gekommen und hat sich über 100, 200, 400 und 800 Meter ausprobiert, war „aber ziemlich talentfrei“. Der damalige Landestrainer Kurzsprint, Georg Schmidt, heute Mittelstreckenbundestrainer, hat jedoch Corells Talent zum Coachen entdeckt und ihn früh als Trainer miteinbezogen. Beim Wiesbadener Leichtathletik-Verein (WLV) übernahm er mit 18 seine ersten Gruppen. In der Zeit hat er auch überlegt zur Polizei zu gehen. Wegen seiner Lese- und Rechtschreibschwäche ist er damals aber durch den Rechtschreibetest durchgefallen und hat angefangen Sport zu studieren. Nebenbei arbeitete der 1,88-Meter-Mann als Honorarkraft für den HLV, ehe er im Oktober 2015 eine halbe feste Stelle bekam.

Mit 23 im Oktober 2017 wurde Corell Kurzsprinttrainer und damit der jüngste hauptamtliche Trainer des Verbandes. Durch seine Einblicke bei Mentor Schmidt hat Corell von Anfang an klare Vorstellungen gehabt, wie er das Training strukturieren will. „Der Georg hat schon einiges falsch gemacht, was ich auch falsch gemacht hätte“, sagt Corell. Es sei sehr umfangreich trainiert, sehr viel Krafttraining gemacht und oft gesprintet worden. „Dadurch waren die Athleten oft müde und dem Talent nicht der Freiraum gegeben, um sich zu entfalten.“

Viele Tempoläufe oder acht Mal die Stadionrunde laufen, darin sieht Corell wenig Sinn. „Das macht mich ja nicht schneller.“ Sein Credo lautet: Viel Qualität, wenig Umfang. Natürlich weiß Corell auch, dass seine Methode nicht das Richtige für jeden Sprintertyp ist. „Es muss ein Gepard sein, der nicht unbedingt viel Training braucht“, sagt Corell. Diese Metapher hat er von einem US-Collegetrainer übernommen. „Ich brauche Jungs, die schnell ermüden, die ein, zwei Mal richtig Gas geben und dann platt sind.“ Wie die Raubtiere, die den ganzen Tag herumliegen, bis sie Hunger bekommen und dann ihre Beute jagen.

Trainiert wird bei Corell vor allem die Schnellzugmuskulatur, der Po und der Beuger, also die Oberschenkelrückseite, die nicht viel Trainingsumfang abhaben können. „Wir machen sehr viel bewegungsnahe Übungen“, erklärt er. Vor allem einbeinig. Höchstens fünf Wiederholungen, weil nur mit Maximalkraft oder mit hohen Geschwindigkeiten trainiert wird. „Die Sehnen sollen möglichst viel Energie speichern und wieder abgeben können“, erklärt Corell. Effektiv seien das drei bis vier Übungen, die zweimal die Woche gemacht werden.

Die meiste Trainingszeit verwendet Corell auf die richtige Technik und wie seine Schützlinge möglichst ökonomisch laufen. „Dafür brauche ich nicht so viel Kraft“, erklärt er. Kevin Kranz sei mit 1,80 Meter und nur knapp 70 Kilogramm ein schmaler Typ, aber mit den richtigen Bewegungen eben verdammt schnell. „Im ersten Jahr“, hat Corell jedoch festgestellt, „schmeißen alle Athleten die Technik im Wettkampf über den Haufen.“ Es brauche viele Wiederholungen unter Wettkampfbedingungen, bis die Technik richtig sitzt.

Immer mehr Athleten wollen von dieser Technik und den Übungen profitieren. Siebenkampf-Vizeweltmeisterin Carolin Schäfer (LG Eintracht Frankfurt) trainiert in dieser Saison mit den Trainingsplänen von Corell. Auch andere Athleten hatten schon angefragt, aber dafür reichen seine Kapazitäten nicht. Sechs Mal die Woche steht er am Tag zweimal zwei bis zweieinhalb Stunden in der Halle in Kalbach oder draußen am Landesstützpunkt in der Hahnstraße und leitet seine Athleten an. Täglich trainiert er rund zehn Athleten. „Bei 20 bis 25 habe ich meine Finger im Spiel.“

Vor fünf Wochen ist Corell zum Nachwuchsbundestrainer für die U20 Männer ernannt worden. Seine aktuellen Aufgaben sieht er jedoch nur als Zwischenstation an. Die Nachwuchsarbeit mache ihm momentan sehr viel Spaß, „aber ich würde gerne in den absoluten Topbereich“, sagt Corell. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis er sein Ziel erreicht.

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