+
Kevin Kranz bei der EM 2018.

Leichtathletik-EM

Kevin Kranz fährt ganz entspannt nach Glasgow

  • schließen

Der Frankfurter Kevin Kranz kann als Zweitschnellster über 60 Meter bei der Hallen-Leichtathletik-Europameisterschaft vorne mitlaufen.

Ein bisschen hat sich Kevin Kranz geärgert. Hätte er diesen Vorlauf bei den Deutschen Hallenmeisterschaften durchgezogen und nicht auf den letzten Metern das Tempo rausgenommen, dann wäre er zwei, vielleicht drei Hundertstel schneller gewesen. „Ich wusste nicht, dass die Zeit so schnell ist“, sagt der 20-Jährige. Nach 60 Metern standen 6,56 Sekunden auf der Anzeigetafel. Neue persönliche Bestleistung. Vier Hundertstel über dem Deutschen Rekord von Julian Reus (LAC Erfurt Top Team).

Ziemlich locker habe sich der Lauf angefühlt, fand Kranz. Und wenn der 1,80-Meter-Mann locker ist, dann schwingt er sich zu Bestleistungen auf. So war das im vergangenen Jahr in Nürnberg, als der Frankfurter vom Sprintteam Wetzlar bei den Deutschen Meisterschaften völlig überraschend den Vorzeigeläufer Reus über 100 Meter entthronte. Genauso war es vor eineinhalb Wochen in Leipzig, wo er „mit einer gewissen Entspanntheit“ als haushoher Favorit angereist war und im Finale in 6,59 Sekunden der Konkurrenz keine Chance ließ.

Die wird am Samstag ohne Zweifel deutlich besser sein, wenn der erste Vorlauf über die 60 Meter bei der Halleneuropameisterschaft in Glasgow ansteht. „Ich will auf jeden Fall ins Finale kommen“, sagt der Senkrechtstarter der deutschen Sprintszene, der mit der zweitbesten Zeit nach Schottland reist. Nur der für die Türkei startende Jamaikaner Emre Zafer Barnes (30) ist von den gemeldeten Sprintern mit 6,55 Sekunden schneller. Der schnellste Europäer in dieser Saison, Reece Prescod aus Großbritannien (6,53 Sekunden), hat freiwillig auf die EM verzichtet, um sich voll auf die Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Doha im Oktober zu konzentrieren. Andere Spitzenläufer wie Jimmy Vicault (Frankreich), Chijindu Ujah (Großbritannien) oder Filippo Tortu (Italien) fehlen ebenso. Eine Medaille ist für Kranz also durchaus im Bereich des Möglichen.

Wie weit ihn die Füße in Glasgow tragen, will er ganz entspannt auf sich zukommen lassen. Für die Freiluftsaison hat sich Kranz, der ein duales Studium in der Sportfördergruppe der Polizei in Wiesbaden macht, viel vorgenommen. „Unter 10,20 muss es dieses Jahr auf jeden Fall werden“, sagt Kranz, dessen persönliche Bestleistung über die 100 Meter bei 10,24 Sekunden steht.

Mitte April fliegt er als Teil der 4x100-Meter-Staffel nach Japan ins Trainingslager, um sich auf die inoffizielle Staffel-Weltmeisterschaft in Yokohama (11. und 12. Mai) vorzubereiten. Die ersten zehn Staffeln haben einen Platz in Doha sicher. „Das ist das große Ziel“, sagt Kranz. Eine Einzelteilnahme in Katar wird bei der WM-Norm von 10,10 Sekunden „nicht einfach.“ Im Juli steht die U23-Weltmeisterschaft im schwedischen Gälve an, im August die Deutsche Meisterschaft in Berlin.

Lesen Sie auch: Deutschland statt USA

In der Hauptstadt war Kranz im vergangenen Sommer bei der EM und seinem ersten großen internationalen Start im Vorlauf mit 10,43 Sekunden gescheitert. „Da war die Puste einfach raus“, sagt er. In der 4x-100-Meter-Staffel musste er als Startläufer mitansehen, wie Lucas Jakubczyk und Julian Reus schwer stürzten. „Die EM war eine gute Erfahrung für mich“, findet Kranz. Nur seinen Zeitplan für die neue Saison hat sie durcheinandergewirbelt.

Nach nicht einmal vier Wochen Pause ging es gleich los, die Tempoläufe kamen früher als geplant. Wegen einer Zwischenprüfung konnte er vor Weihnachten mit dem DLV-Kader nicht in ein Trainingslager nach Südafrika fahren. Eine Woche vor den Deutschen Meisterschaften in Leipzig machten ihn ein paar blockierte Wirbel bewegungsunfähig. „Da es aber nur in der Rotation wehgetan hat, war das im Lauf kein Problem“, sagt Kranz. Vor dem Auftritt in Glasgow fühlt er sich jedenfalls topfit.

Trainer David Corell ist sehr gespannt, wie sein Schützling die Reifeprüfung meistern wird. „Es ist schon geil, wenn du vorne wegläufst. Aber bei der EM können die anderen auch rennen. Und wenn sie auf gleicher Höhe sind, zeigt sich, ob du ein Killer bist oder einbrichst“, sagt der hessische Landestrainer für Kurzsprint am Stützpunkt Frankfurt.

Corell ist als DLV-Trainer für den Männersprint mit in Schottland. Da Kranz der einzige deutsche Sprinter im 31-köpfigen Kader des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) ist, kann Corell sich voll und ganz auf den derzeit schnellsten Mann im Land konzentrieren, den er seit knapp zwei Jahren betreut. Trotz der guten Leistungen von Kranz sieht der Sportwissenschaftler noch jede Menge Steigerungspotenzial.

„Es gefällt mir immer noch nicht, was er macht. Klar, es ist gut, aber es ist immer noch viel zu verbessern“, sagt Corell. Die Hüfte müsse noch einen Ticken höher, der Übergang von den 30 in die 40 Metern sei noch ausbaufähig. Zudem ist die Schrittlänge von links auf rechts länger, als die von rechts auf links. „Der Mensch ist eben nicht symmetrisch“, sagt Corell. Um auch hier die letzten Prozent rauszukitzeln, hat der 25-Jährige ein paar Neuroathletikübungen mit ins Programm aufgenommen. „Gina Lückenkemper leckt zum Beispiel an einer Batterie“, berichtet Kranz über die Vorbereitungsmethoden der schnellsten deutschen Sprinterin. So wird wenige Sekunden vor einer Lernsituation ein Schock ausgelöst, um gewisse Areale im Hirn zu aktivieren.

An einer Batterie lutscht Kranz zwar nicht, aber mit ein paar anderen Übungen hat er es hinbekommen, dass sein linkes Knie jetzt genauso oder fast genauso hoch wie sein rechtes kommt – was vorher nicht der Fall war. „Wir haben auch rausgefunden, dass ich Schwierigkeiten habe, die Fußspitzen beim Kniehebellauf anzuziehen“, berichtet Kranz. Mit den neuroathletischen Übungen hat er das in den Griff bekommen. „Das ist keine Magie“, sagt Kranz, aber es hilft ihm offenbar.

Vielleicht so sehr, um in Glasgow zu einer Medaille zu sprinten.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion