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Von: Frank Hellmann

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Sorgt bei vielen nicht für gute Laune: Michel Platini.
Sorgt bei vielen nicht für gute Laune: Michel Platini. © dapd

Michel Platini will 2020 eine EM in ganz Europa und lässt seine TV-Produzenten mal wieder nach Uefa-Gusto die Fußballwelt inszenieren

Es ist ein Witz gewesen, gewiss. Mehr als eine geschlagene Stunde hatte Michel Platini am Tag vor dem EM-Finale im Kiewer Olympiastadion schon parliert, als dem Patron der Europäischen Fußball-Union (Uefa) die Frage gestellt wurde, wie er denn zuletzt seine Zeit verbracht habe. „Ich habe viel Wodka getrunken“, rief der Franzose und erntete Gelächter. Um dann ernsthaft zu beteuern, wie viele Meetings er abhalten musste: „Ich habe viel Stress gehabt.“ Offenbar scheint dem 57-Jährigen weder das eine noch das andere gut zu bekommen. Anders ist die fixe Idee kaum zu erklären, die das Uefa-Oberhaupt präsentierte. Eine EM in ganz Europa.

„Wir können für die EM 2020 in zwölf Städte überall in Europa gehen. Wir bräuchten keine Stadien oder Flughäfen zu bauen.“ Platini beansprucht die Urheberschaft für den Einfall, dem lebhafte Debatten bei der Sitzung des Uefa-Exekutivkomitees folgten. Nun geht der Vorschlag an die Nationalverbände, im Januar 2013 soll eine Entscheidung folgen. Er habe bei seinen Trips in Polen und der Ukraine selbst die Erfahrung gemacht, „dass es einfacher ist, von London nach Paris und Berlin zu kommen, als von Danzig nach Donezk.“ Und die Fans könnten doch einfach eine Billig-Airline buchen. Nebenbei hat der Uefa-Chef nonchalant die Bewerbungen der Türkei sowie der Zusammenschlüsse aus Wales/Schottland/Irland und Georgien/Aserbaidschan für 2020 geschwächt.

Bei den Fans erntet der Vorstoß Kritik. „Ganz offensichtlich stehen auch bei diesem Vorschlag wieder einmal die Vermarktungsinteressen im Vordergrund“, sagte Michael Gabriel, Leiter der deutschen Koordinationsstelle Fanprojekte. Fantastische Erfahrungen vieler Fans wie bei der EM 2012 in Lemberg, Charkow oder Danzig „würden dann der Vergangenheit angehören“, sagte Gabriel: „Wer will denn schon zum hundertsten Mal nach Mailand, Manchester oder Paris?“

Es gibt einige Kritiker, die bei dem einst überragenden Spielmacher schon geistige Umnachtung vermuteten, als er die EM 2016 in seiner Heimat auf 24 Mannschaften aufstocken ließ. Platini verteidigte die Erweiterung erneut mit der Aussicht, „dass Norwegen, Belgien oder Schottland auch gut für eine EM sind“. Der Uefa-Chef konnte schlecht den wahren Grund nennen. Mit der Aufblähung sichert er sich den Rückhalt unter den 53 Mitgliedsverbänden. Dass künftig Abstellungsgebühren von 100 Millionen Euro an 580 Klubs ausgeschüttet werden, ist auch so ein Zugeständnis.

Abermals bestärkte Platini seine Haltung zur Torlinien-Technologie. „Ich bin absolut dagegen. Was ist, wenn es ein Handspiel auf der Linie gibt, dann sieht das keine Technik der Welt.“ Der Konflikt mit Weltverbandspräsident Joseph Blatter spielt sich dabei längst in aller Öffentlichkeit ab. „Blatter weiß, was ich darüber denke.“ Die Fifa und das Regelboard wollen am 5. Juli über die Einführung elektronischer Hilfsmittel entscheiden.

Dabei bedient sich seine Institution ja gerade in manipulativer Form technischer Möglichkeiten, denn abermals hat die für das Fernseh-Weltbild zuständige Uefa-Produktionsleitung mitten im Spiel Deutschland gegen Italien getrickst – die Frau, die eine Träne beim italienischen Gegentor verdrückte, hatte in Wahrheit beim Abspielen der Nationalhymne geweint.

Am fragwürdigsten bei dem selbstgefälligen Auftritt wirkte, dass der angeblich unpolitische Platini am Final-Wochenende Doppelpass mit der ukrainischen Regierung spielte. Seinen Kompagnon aus der Uefa-Exekutive und Vater der EM-Bewerbung, den ukrainischen Fußballpräsident Grigorij Surkis, lobte der Präsident überschwänglich. Surkis sprach sogleich dem umstrittenen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch Dank aus, der wiederum zum Finale den europaweit geächteten weißrussischen Diktator Alexander Lukaschenko einlud. Ein Schurkenstück auf der Ehrentribüne – und mittendrin die Uefa-Obrigkeit. (mit sid)

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