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"Lattek, machen Sie das mal"

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Udo Lattek im August 2008 bei der Verleihung der "Sport Bild"-Awards.
Udo Lattek im August 2008 bei der Verleihung der "Sport Bild"-Awards. © ddp

Der Bundesliga-Meistertrainer erzählt der Frankfurter Rundschau zum 75. Geburtstag von seinem bewegten und oft sehr schwierigen Leben.

Herr Lattek, einer Ihrer Kernsätze als Experte im DSF-Stammtisch Doppelpass lautet: "Die Spieler sind Egoisten". Gilt das auch für die alten Weggefährten wie Paul Breitner, Bernd Schuster, Matthias Sammer, Uli Hoeneß und Franz Beckenbauer, die am Sonntag in die Sondersendung eingeladen sind?
Ich habe nie gesagt, dass alle Spieler Egoisten sind. Das wäre vermessen. Aber als Fußballprofis musst du auch Egoist sein, sonst kannst du dich nicht durchsetzen.   Warum?   Wenn du die Ellbogen nicht ausfährst, wirst du nicht ernst genommen. Große Spieler zeichnet natürlich auch ihr Mannschaftsgeist aus.  

Wer waren die größten Spieler, die Sie trainiert haben?
Diego Maradona, Franz Beckenbauer, Bernd Schuster, Gerd Müller - ach, ich würde vier Tage brauchen, bis ich alle aufgezählt und dann doch einige vergessen hätte. Das wäre nicht fair.

Welcher Spieler hat Sie als Trainer am meisten gefordert?
Das war Paul Breitner. Präsident Neudecker und Manager Schwan haben mir anfangs vorgeworfen, ich würde bei den Bayern nur Abiturienten in der Mannschaft haben wollen. So war es ja nicht. Ich wollte durchaus aber mündige Spieler haben, mit denen ich mich auseinandersetzen kann. Die waren mir immer lieber als Befehlsempfänger.  

Wenn man Sie im DSF reden hört, könnte man annehmen, Sie seien als Trainer ein knüppelharter Hund gewesen...
...nein, nein, nein. Ich habe immer versucht, einen Spieler durch Überzeugung dahin zu bekommen, wo ich ihn hin haben wollte. Die Spieler mussten damals wie heute wissen, dass du es ehrlich meinst und auch Verständnis für sie hast. Wenn einer Probleme hatte, gab es bei mir  auch mal einen Tag frei.  

Trainerteams arbeiten inzwischen mit bis zu einem halben Dutzend Mann gleichzeitig auf dem Übungsplatz. Ist das zur Leistungsoptimierung angemessen?
Nein, diese überintellektuelle Aufbauarbeit führt zur Überversorgung Allerdings war es bei mir andersherum auch zu wenig. Als ich bei den Bayern anfing, hatte ich noch nicht einmal einen Assistenten. Ich war gleichzeitig Torwarttrainer, Abwehrtrainer, Mittelfeld- und Sturmtrainer. Ich habe alles allein machen müssen, und das war nicht gut. Aber unser Kader war auch kleiner: Wir sind in der ersten und zweiten Saison bei den Bayern mit 13 Spielern ausgekommen. Rotation gab es doch gar nicht.

Das Trainingszentrum an der Säbener Straße gehört inzwischen zu den weltweit modernsten seiner Art. Wie haben Sie die Verhältnisse vorgefunden, als Sie damals die jungen Beckenbauer, Breitner, Müller und Hoeneß trainiert haben?
Es war wunderbar. Unser Umkleideraum war eine Holzbaracke mit einem Ofen, in den wir regelmäßig Kohle nachwerfen mussten. Der Schuhputzer und Schuster war mit im selben Raum. Unvorstellbar heutzutage. Ich hatte auch für mich keinen separaten Bereich. Wer das jetzt noch einmal sehen würde, würde sagen: Das kann niemals wahr gewesen sein.   Und jetzt geht es den Spielern zu gut?   Wenn einer viele Millionen verdient und keinen guten Charakter hat, dann geht er vielleicht nicht mehr voll in die Zweikämpfe rein, weil er sich später noch ein schönes Leben machen und Ski fahren gehen will. Anderseits sollen die wirklich guten Spieler ruhig viele Millionen verdienen, wenn sie entsprechende Leistungen abliefern. Da klafft mir eine allzu große Lücke, wenn ich mitunter die magere Hausmannskost betrachte, die uns geliefert wird.

Einige Bundesligatrainer wie Felix Magath und Ralf Rangnick plädieren dafür, dass der Trainer  derjenige sein muss, der das höchste Gehalt bezieht, mehr auch als der beste Spieler. Haben sie nicht Recht?
Das ist eigentlich logisch. Ich habe seinerzeit als Trainer auch nicht schlecht verdient für die damaligen Verhältnisse. Aber wenn du einen Franz Beckenbauer oder einen Diego Maradona in deiner Mannschaft hast, ist das nicht machbar.

Sie wussten also, dass die Top-Spieler mehr verdienen als Sie selbst?
Ja natürlich. An die großen Stars kommst du als Trainer nicht ran.

Moment. Sie haben eines der bis zum heutigen Tag höchsten Tagesgehälter bezogen, das je ein Fußballtrainer überwiesen bekommen hat: Zwei Millionen Mark für sechs Wochen vor knapp zehn Jahren bei Borussia Dortmund. Waren Sie als damals schon 65-Jähriger trotz des Klassenerhalts nicht schamlos überbezahlt?
Nein. Dr. Niebaum (damaliger BVB-Chef, die Red.) hat später zu mir gesagt, ich sei unterbezahlt gewesen, denn der Abstieg hätte dem Klub viel, viel mehr Geld gekostet. Da war mein Gehalt für fünf Spiele doch Peanuts.

Matthias Sammer, der die Borussia an ihrer Seite dann rettete, wollte danach auch gern mit Ihnen weiter zusammenarbeiten. Warum lehnten Sie ab?
Der Matthes wollte, dass ich die Journalisten abhalte, damit er sich auf seine Arbeit konzentrieren kann. Er glaubte, allein noch nicht so weit zu sein. Ich konnte ihn verstehen, weil ich früher auch mit Scheuklappen durch die Gegend gelaufen bin und nicht nach Hüh und nach Hott gefragt habe. Das musste ich erst lernen, und das musste der Matthias auch lernen.  

Sie haben trotzdem abgelehnt...
... weil ich gespürt habe, dass es nicht mehr meine Welt war. Das Feuer in mir war schon etwas verloschen. Ich wollte mich nicht selbst betrügen. Und außerdem  wären  wir beiden Alphatiere nach einer gewissen Zeit bestimmt aneinandergerasselt. Das musste nun wirklich nicht mehr sein. Es hatte schon vorher so viel Häme gegeben, als ich angefangen habe. Ich wollte nicht noch mehr auf die Fresse kriegen, obwohl ich auch sagen muss, dass sich einige Journalisten bei mir entschuldigt haben, nachdem wir den Abstieg verhindert hatten. Das hatten sie mir nicht zugetraut.

Herr Lattek, es gab in Ihrem Leben auch schwierigere Zeiten. Im Krieg flüchteten Sie gemeinsam mit ihrer Mutter auf dem Seeweg aus Ostpreußen. Wie haben Sie das damals erlebt?
Da war ich zehn Jahre alt. Ich erinnere mich noch: Als die russischen Tiefflieger kamen und mit Bordkanonen auf uns schossen, hat meine Mutter sich über mich geworfen, um mich zu schützen. Es ging ihr nicht um ihr Leben, sondern um meines. Wir sind über die Ostsee bis nach Aalborg in Dänemark gekommen und haben dort zweieinhalb Jahre in einem Gefangenenlager verbracht.  Das war für mich wunderbar.

Wie bitte?
Ich brauchte nicht zur Schule zu gehen und den ganzen Tag Fußball spielen. Na ja, so schön war es doch nicht. Denn wir hatten nie genug zu essen. Dann wurde uns über das Rote Kreuz mitgeteilt, dass mein Vater uns sucht. Er war aus russischer Gefangenschaft gekommen und hatte in Wipperfürth in der Nähe von Köln einen Hof gepachtet. Dort bin ich groß geworden bis zu meinem 20. Lebensjahr. Mein Vater hätte es ohne meine Hilfe nicht geschafft. Ich war praktisch sein Knecht und sollte deshalb vorzeitig von der Schule abgehen.

Da haben sie sich gewehrt?
Ja, ich bin zu meinem Klassenlehrer gegangen und habe ihm erklärt, dass mein Vater mich zur Landwirtschaftsschule schicken wollte. Mein Lehrer hat dann meinen Vater überzeugen können, dass ich besser das Abitur mache. Das habe ich dann auch durchgezogen.

Gab es damals nicht auch den Traum, Fußballprofi zu werden?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe nicht im Entferntesten daran gedacht. Ich war ein Jahr nach Martin Lauer Mittelrheinmeister im Fünfkampf  und habe mehr Leichtathletik betrieben als Fußball zu spielen.

Die Ausbildung zum Fußballlehrer sollen Sie später nicht mit dem nötigen Ernst vorangetrieben haben?
Das stimmt. Es war sehr schönes Wetter, also bin ich gemeinsam mit einem Freund lieber zum Schwimmen gegangen, statt im Seminarraum zu hocken. Da bin ich dann nach dem Schwimmen lustig pfeifend Hennes Weisweiler in die Arme gelaufen. Er kam mit seiner Borgward Isabella daher gefahren und hat mit mir geschimpft. Ich habe ihm auf gut deutsch gesagt: "Leck mich mal am Allerwertesten". Das war es dann erst mal für mich.  

Und später?
Habe ich nach sieben Jahren den Lehrgang nachgeholt. Weisweiler hat sich an mich erinnert und mich drei Wochen lang versucht zu provozieren. Das hat er nicht geschafft, und als er das gemerkt hat, lief es bestens mit uns beiden. Wenn er mal keine Lust hatte, hat er gesagt: "Lattek, machen Sie das mal. Sie sind zwar kein Profi, aber Sie können das."

Hat Weisweiler Ihr Trainertalent also früh erkannt?
Er hat mich jedenfalls bei Helmut Schön, dem damaligen Bundestrainer, empfohlen. Ich war dann fünf Jahre lang beim DFB und dort nicht nur Schöns Assistent, sondern auch verantwortlich für die Schülernationalmannschaft, Jugendnationalmannschaft, Amateurnationalmannschaft und die Bundeswehrauswahl -  was ich allein gemacht habe, machen heutzutage zehn DFB-Trainer. Ich bin damals nur zum Wäschewechseln kurz nach Hause gekommen, ehe Franz Beckenbauer den Kontakt zu Bayern München hergestellt hat.

Später haben Sie und Ihre Frau haben einen großen Schicksalsschlag erleben müssen, als vor fast 30 Jahren Ihr einziger Sohn im Alter von 15 Jahren an Krebs starb?  
Was wir erlitten haben, kann niemand nachvollziehen, der es nicht selbst erleben musste. Ich war zu dem Zeitpunkt bei Borussia Dortmund Trainer und hatte im Jahr zuvor ein Angebot vom FC Barcelona  abgelehnt. Als unser Sohn gestorben war, musste aber was passieren. Mir war klar: Ich musste raus.  Ich habe es nicht mehr ausgehalten.

War es wie eine Flucht nach Barcelona?
Es war eine Flucht und eine Herausforderung. Der schwierigste Verein auf der Welt hat mich bis zur Grenze gefordert. Ich habe mich von morgens bis abends voll reingekniet. Durch den Tod meines Sohnes haben wir dann nach vielen Untersuchungen entschieden, noch eine Tochter zu bekommen. Das war gerade für mich sehr wichtig, ich habe eine viel größere Nähe zu meiner jüngeren Tochter gehabt, als zur älteren Tochter und zu unserem Sohn, weil ich anfangs so viel unterwegs war.  

Ihre Töchter sind jetzt 46 und 27 Jahre alt. Wie ist das Verhältnis?
Sehr eng. Wir essen jede Woche ein- oder zweimal zusammen. Die jüngere Tochter schreibt gerade ihre Diplomarbeit zum Thema Salary Cap im Profifußball. Ich bin auf beide Töchter sehr stolz.

Sie haben ja jetzt auch viel mehr Zeit für die beiden. Was tun Sie noch, wenn Sie nicht sonntags beim DSF-Talk Doppelpass in München sitzen?
Ich spiele jede Woche Tennis, aber nur Doppel. Ab und zu findet man mich auf dem Golfplatz, Fahrradfahren ist mir inzwischen zu gefährlich geworden, das habe ich auch immer gern gemacht. Wir haben außerdem ein Haus in Spanien in der Nähe von Barcelona. Dort sind wir im Sommer sehr gerne.

Den Doppelpass, den Sie entscheidend mitgeprägt haben, gucken regelmäßig jeden Sonntagmorgen eine Million Fußballfans. Wird Ihnen etwas fehlen, wenn Sie einmal nicht mehr als Experte dort sitzen?
Ich glaube schon. Ich bin ja der einzige Überlebende aus den Gründerzeiten des DSF. Im Doppelpass lerne ich immer wieder neue Menschen kennen und werde vor neue Herausforderungen gestellt. Das hält mich alten Sack noch richtig jung. So lange ich noch mit Freude morgens um sechs aufstehe und mit Freude zur Sendung nach München fliege, würde ich sehr gern weiter machen.

Interview: Jan Christian Müller 

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