1. Startseite
  2. Sport
  3. Sport A-Z

„Das lasse ich mir nicht verderben“

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Kathrin Marchand (3.v.l.): "Das ist scheiße"
Kathrin Marchand (3.v.l.): "Das ist scheiße" © dapd

Die Ruderin Kathrin Marchand über den letzten Platz ihres Achters und die Schlagzeilen um ihre Kollegin Nadja Drygalla .

Das Hockey-Halbfinale war hochklassig. Deutschland gewann nach packenden 70 Minuten gegen Australien. Die Zuschauer standen auf, unter ihnen viele Athleten der deutschen Olympiamannschaft – zum Beispiel die Kölner Medizinstudentin Kathrin Marchand, 21, aus dem Deutschlandachter.

Frau Marchand, Sie waren gerade beim Hockeyhalbfinale, wie war es?

Die Stimmung war toll. Das ist ein bisschen anders als Rudern, aber wenn die deutsche Mannschaft spielt, feuert man einfach an. Wir sind hier ja eine Mannschaft.

Erleben Sie das deutsche Team wirklich als eine große Mannschaft?

Ich kenne natürlich nicht alle deutschen Athleten. Aber klar, wenn Deutschland Hochsprung macht oder was auch immer, dann fiebert man mit. Dann gratuliert man sich gegenseitig. Man grüßt sich im Dorf und quatscht mal kurz.

Wie ist das Olympische Dorf? Geht es Ihnen da gut?

Ich habe mir ja schon einiges vorgestellt, aber die Realität hat meine Erwartungen noch übertroffen. Wir Athleten werden hier auf Händen getragen. Allein die Mensa, die ist einfach riesig. Wenn man sich alles anguckt, was es so gibt, das geht gar nicht. Man sollte vorher wissen, ob man Pizza oder Sushi will. Inzwischen ist auch der riesige Mc Donalds immer total überfüllt, weil sich alle die Burger reinstopfen. Am Anfang, als für viele die Wettkämpfe noch bevor standen, war das nicht so. Was für ein Lotterleben, sagen manche, denen ich das erzähle. Aber wir haben uns das verdient. Das ist unser Lohn, den wir uns jetzt abholen. Leistungssport ist nicht immer Zuckerschlecken.

"Vielleicht wird es beim nächsten Mal besser"

Sie sind mit dem deutschen Frauenachter früh ausgeschieden.

Wir waren natürlich enttäuscht, es ist einfach doof, Letzter zu werden. Aber es war nicht ganz unwahrscheinlich, dass das passieren würde. Wir können nicht mitreden bei den großen Nationen, das ist ein anderes Niveau. Wir sind im Hoffnungslauf wirklich ein ganz gutes Rennen gefahren, aber wir haben da einfach nichts zu melden. Wir sind nicht gut genug, noch nicht. Wir sind ja eine junge Mannschaft, vielleicht wird es beim nächsten Mal besser.

Der Frauenachter ist in London in die Schlagzeilen geraten, weil bekannt wurde, dass Ihre Kollegin Nadja Drygalla einen Freund aus der rechtsextremen Szene hat. Wie sehr hat Sie der Fall überrascht?

Nadja schafft es ganz gut, Sport und Privatleben zu trennen. Ich bin mit ihr sportlich befreundet, im Privatleben habe ich gar nichts mit ihr zu tun. Sie gibt davon auch nicht so viel preis. Insofern hat uns das alles schon überrascht. Es ist doof, wenn die einzige Schlagzeile, die der Frauenachter schafft, so eine Geschichte ist. Wenn ich gefragt werde, was ich rudere, und sage, dass ich im Frauenachter sitze, dann kommt nicht als Erstes: Oh, Ihr wart ja bei Olympia. Sondern: Ach, da war ja das mit der Nazigeschichte. Das ist scheiße.

Keine politischen Diskussionen

Wussten Sie von Drygallas Kontakten?

Es ist ja so, dass sie bei der Polizei rausgeflogen ist. Das ist sie ja nicht ohne Grund, das war schon bei uns im Hinterkopf. Ich weiß aber nicht, was sie für eine politische Einstellung hat. Sie schreibt sich nicht auf die Stirn, dass sie so einen Freund hat. Sportlich gesehen gehört sie in unser Boot, wir sind eine Mannschaft. Ich will ja mit ihr Sport machen und nicht politische Diskussionen führen.

Sprechen Sie darüber, ob jemand, der einen Freund mit rechtsextremer Gesinnung hat, im Boot sitzen sollte?

Natürlich, das beschäftigt uns alle. Es war für uns alle unerwartet, dass da einen Tag nach unserem Hoffnungslauf so eine Geschichte ausgekramt wird. Wir waren in der Tagesschau, in jeglichen Nachrichten, auf der Titelseite der Bild, natürlich spricht man dann darüber.

War es im Vorfeld schon ein Thema?

Nein.

Finden Sie es richtig, dass jemand, der einen rechtsradikalen Partner hat, nicht in der deutschen Olympiamannschaft erwünscht ist?

Es ist falsch, verurteilt zu werden, weil man den falschen Freund hat. Nadja sitzt im Achter, nicht ihr Freund. Aber es stellt sich die Frage, welche Einstellung sie hat. Wenn man mit jemandem von der NPD zusammen ist, liegt es nahe, dass man eine ähnliche politische Ansicht hat. Aber das weiß ich nicht. Wenn es so ist, hat sie im Achter nichts zu suchen. Die Ansichten der NPD lassen sich nicht mit der olympischen Charta vereinbaren. Aber es geht um den Freund, nicht um sie.

"Ich bin hier, um Olympia zu genießen"

Können Sie verstehen, dass sie ihren Beruf aufgibt und ihre sportliche Karriere für diesen Freund riskiert?

Die beiden sind schon sehr lange zusammen, und am Anfang war ihr Freund wohl noch nicht so. Das wächst dann wahrscheinlich mit, es ist vielleicht schwer, sich dann noch zu trennen. Ich denke, wenn sie sich jetzt kennenlernen würden, würden sie gar nicht zusammenkommen.

Konnten Sie das Thema abhaken?

Natürlich hat man das im Hinterkopf. Aber ich bin nicht hier, um mich mit solchen Dingen zu beschäftigen. Ich bin hier, um Olympia zu genießen, das lasse ich mir nicht verderben.

Wie sehen denn die Tage eines Olympiateilnehmers aus, der seinen Wettkampf hinter sich hat?

Ich stehe morgens auf, oder mittags, wenn ich halt wach werde. Dann gucke ich, ob ich Karten für eine Sportveranstaltung bekomme. Dann gucke ich mir Sport an, oder etwas in London. Gestern war ich sogar im British Museum, da bin ich ein bisschen stolz, ich habe Kultur gemacht. Abends trifft man sich im Deutschen Haus, danach gehen wir in London feiern und tanzen. Schlafen tue ich zu Hause wieder.

Das Gespräch führte Susanne Rohlfing.

Auch interessant

Kommentare