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Land der Pummelchen

Sechs bis acht Millionen Deutsche sind Diabetiker - Tendenz steigend / Hauptursachen sind Trägheit und falsche Ernährung

Von NICOLA SIEGMUND-SCHULTZE

Antje M. war ein Teenager, als sie erfuhr, dass sie zuckerkrank ist. Sie hatte plötzlich Sehstörungen bekommen und fühlte sich müde und kraftlos. "Ich musste sofort nach der Diagnose beginnen, Insulin zu spritzen, also mit 14 Jahren", sagt die heute erwachsene Frau. Und sie erinnert sich an die Panikattacken, die sie befielen, wenn sie unterzuckert war. "Ich zitterte und schwitzte. Solche Unterzuckerungen waren nicht selten, weil sich die Krankheit nicht gut behandeln ließ", sagt Antje M.

Beim Diabetes mellitus, wie die Zuckerkrankheit genannt wird, kann der Körper nicht adäquat auf ein Über- oder Unterangebot an Zucker aus der Nahrung reagieren. Insulin, ein Hormon aus der Bauchspeicheldrüse, ist eines der wichtigsten Regulatoren des Zuckerstoffwechsels, inklusive des Hunger- und Sättigungsgefühls. Insulin wird nach einer Mahlzeit ausgeschüttet und fördert die Aufnahme von Glukose aus dem Blut in die Zellen verschiedener Gewebe. Der Muskel zum Beispiel verwendet Glukose als Energiequelle für Bewegung. Ein Überschuss an Zucker wird in Fett umgewandelt und deponiert.

Beim Typ-1-Diabetes, der sich in jungen Jahren - meist bis zum 20. Lebensjahr - entwickelt, produzieren die Langerhans-Zellen der Bauchspeicheldrüse nicht genug Insulin. Das Immunsystem bildet Antikörper gegen die Insulin produzierenden Zellen und zerstört sie. Die Symptome des Typ-1-Diabetes treten meist plötzlich auf.

Anders beim Typ-2-Diabetes. Er entwickelt sich schleichend, meist bei Menschen, die zu dick sind und selten vor dem 40. Lebensjahr. Bei Typ-2-Diabetikern reagieren die Körperzellen als Folge eines ständigen Überangebots an Glukose nicht mehr empfindlich genug auf ein Insulin-Signal aus der Bauchspeicheldrüse. Zucker wird nicht effektiv genug aus dem Blut in die Zelle transportiert (Insulinresistenz). Auch die Bauchspeicheldrüse, die beim Gesunden wie ein Seismograph ständig den Blutzuckerspiegel misst und darauf ihre Insulinproduktion ausrichtet, reagiert bei Typ-2-Diabetikern nicht adäquat auf die Glukosezufuhr mit der Nahrung. Der Zuckerstoffwechsel gerät aus den Fugen und es kann, im Wechsel, zu Über- und Unterzuckerungen kommen.

Halten die Schwankungen längere Zeit an, verändern sich die Blutgefäße, und Organe werden geschädigt. Antje M. ist mit 32 Jahren auf einem Auge blind geworden. Weitere Langzeitfolgen sind Nierenschäden, Nervenfunktionsstörungen, Störungen der Blutzirkulation, die zu Geschwüren an Beinen und Füßen führen und unter Umständen eine Amputation erfordern. Außerdem steigt das Risiko für Herz- und Hirninfarkte.

"Die Folgeschäden, die Diabetes hervorruft, sind dramatisch", sagt Christoph Rosak, Chefarzt der Abteilung für Stoffwechselkrankheiten am Krankenhaus Sachsenhausen in Frankfurt. 6000 Diabetiker erblinden jährlich neu in Deutschland, 8000 pro Jahr kommen neu an die Blutwäsche, werden zu potenziellen Kandidaten für eine Nierentransplantation. Und 28 000 Amputationen, 27 000 Herzinfarkte und 44 000 Schlaganfälle gehen Rosak zufolge jährlich auf das Konto Diabetes.

Allein in den vergangenen 15 Jahren hat sich die Zahl der Diabetiker in Deutschland verdoppelt und wird heute auf sechs bis acht Millionen geschätzt, darunter circa 20 000 Kinder unter 16 Jahren - Tendenz: steigend. 90 Prozent der Diabetes-Kranken leiden am Typ 2, und von ihnen sind 90 Prozent zu dick. "Die Evolution frisst ihre Kinder", könnte man, in Anlehnung an ein Büchner-Zitat, sagen. Denn Biologen und Physiologen erklären mit der Evolution, warum Homo sapiens immer runder wird: "Der Stoffwechsel des Menschen und seine Regulationsmechanismen sind auf Nahrungsknappheit eingestellt, denn er musste sich in grauer Vorzeit seine Nahrung hart erarbeiten, zum Beispiel mit der Jagd", sagt Andreas Pfeiffer, der am Universitätsklinikum Benjamin Franklin in Berlin die Abteilung für Stoffwechselkrankheiten leitet. "Früher wechselten Perioden des Überangebots an Nahrung mit denen des Mangels ab."

Diese Zeiten sind in unseren Breiten vorbei, geblieben ist die Biologie. Zunehmende Motorisierung und ein Überangebot an billigen Nahrungsmitteln machen Homo sapiens das Leben schwer - im doppelten Sinne. Übergewicht kombiniert mit Diabetes kann das Leben um bis zu 15 Jahren verkürzen.

Bereits jeder zweite Deutsche ist zu dick, 15 Prozent sind fett (adipös). Alarmierend für die Kinder- und Jugendärzte: Schon bei Jugendlichen entdecken sie die Zuckerkrankheit vom Typ 2, früher "Altersdiabetes" genannt. Bei sechs Prozent von 500 dicken Kindern, die der Ulmer Professor für Pädiatrie Eberhard Heinze kürzlich untersuchte, stellte er bereits Störungen des Zuckerstoffwechsels fest, 1,5 Prozent der Pummelchen hatten bereits eine manifeste Zuckerkrankheit. "Den Typ-2-Diabetes hat man bei Kindern noch vor einigen Jahrzehnten praktisch nicht gesehen", sagt Heinze.

Ein Grund für die Trendwende: Bewegungsmangel. Selbst auf dem Dorf kicken die Jungens nach der Schule nicht mehr regelmäßig, hat eine Landärztin beobachtet. Fußball, Seilspringen und Gummitwist werden durch Joystick, Fernsehen und Shoppen ersetzt. Manche Eltern kutschieren ihre Kinder mit dem Auto schon in die Grundschule. In Deutschland ist, je nach Region, bereits jedes dritte bis vierte Kind zu dick. Haben Vater und Mutter zu viel Speck, trifft dies statistisch auch auf 75 Prozent der Nachkommen zu, so Heinze.

Einem Teil der Kinder ist das Übergewicht regelrecht in die Wiege gelegt. Rund fünf Prozent der werdenden Mütter haben eine Schwangerschafts-Diabetes (Gestationsdiabetes). Ein erhöhtes Risiko haben Frauen mit Übergewicht oder Diabetes in der Familie. Bleibt der Gestationsdiabetes unerkannt, steigt die Gefahr für eine Frühgeburt oder einen geburtsnahen Kindstod. Die geborenen Kinder sind oft zu dick, haben eine unreife Lunge oder ein vergrößertes Herz. Denn die Glukose im Blut der Mutter geht durch die Plazenta in das Blut des Kindes über. Dessen Bauchspeicheldrüse produziert nun vermehrt Insulin, das Fettgewebe wächst überproportional, die Reifung der Organe aber bleibt zurück. Außerdem verändert ein stetes Zuckerbombardement im Mutterleib die Regulation von Hunger- und Sättigungsgefühl im Gehirn. Dem Nachwuchs bleibt im späteren Leben ein ungesund starker Appetit, der Typ-2-Diabetes ist vorprogrammiert.

Noch aber überwiegt bei zuckerkranken Kindern und Jugendlichen der Typ-1-Diabetes, sagt Heinze. Aber selbst der wird häufiger. In den letzten zehn Jahren hat die Zahl der Typ-1-Diabetiker um fünfzig Prozent zugenommen. "Es gibt zwar für alle Formen der Zuckerkrankheit erbliche Dispositionen, die unter ungünstigen Bedingungen den Ausbruch der Krankheit fördern", sagt Heinze. "Aber der Genpool hat sich vermutlich nicht geändert. Wahrscheinlich begünstigen Umweltfaktoren den Typ-1-Diabetes, zum Beispiel übertriebene Hygiene, die auch Allergien fördern kann. Wir wissen heute: Ein bisschen Dreck schadet nicht."

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