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Kurz vor dem Gipfel gestoppt

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Von: Frank Hellmann

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Eine kämpferisch starke, aber fußballerisch nur mittelprächtige deutsche Nationalmannschaft verliert das EM-Finale gegen spielerisch deutlich bessere Spanier. Fotostrecke: Deutschland verpasst Sieg Fotostrecke: Die deutsche Elf in der Einzelkritik

Der Besitzer des neuesten Schmuckstückes der Europäischen Fußball-Union (Uefa) ist gefunden: Die spanische Nationalmannschaft hat nach einem 1:0 (1:0) in einem hochspannenden EM-Finale gegen Deutschland die Europameisterschaft 2008 gewonnen und durfte den 18 Zentimeter größeren und zwei Kilogramm schwereren Nachfolger des Henry-Delaunay-Pokals in der gestrigen Nacht unter dem tosenden Jubel seiner mehr als 10 000 Anhänger im Wiener Ernst-Happel-Stadion in Empfang nehmen. Die alte silberne Trophäe, die sicher in einer Vitrine in der Residenz der europäischen Konföderation Nyon steht, hatte Spanien bekanntlich schon 1964 in seinen Besitz gebracht, die Deutschen schauten nach 1976 und 1992 bei der Pokal-Übergabe eines EM-Endspiels ein drittes Male nur zu.

Das allerdings nach einer achtbaren Leistung. Gleichwohl war der avisierte Gipfelsturm von Joachim Löw jedoch kurz vor dem Ziel gestoppt worden. Zu den ersten entrückten Gratulanten der Sieger, für den Fernando Torres das entscheidende Tor erzielte (33.), zählte König Juan Carlos und Ministerpräsident José Luis Rodriguez Zapatero. Der erste Titelgewinn nach 44 Jahren löste für die von der "Selección" nicht gerade verwöhnten Spanier einen unglaublichen Jubelsturm aus, während sich der deutsche Anhang wie schon nach der Begeisterung um das weltmeisterliche Sommermärchen vor zwei Jahren mit einem Trostpreis abzufinden hatte.

Doch im Grunde hat das Turnier mit den Spaniern einen logischen Triumphator gefunden. Anders als die DFB-Auswahl war das Ensemble des schrulligen Nationaltrainers Luis Aragonés nicht rätselhaften Schwankungen unterworfen, und anders als die Deutschen hat der neue Europameister mit seinem Kurzpass-Kombinationsspiel, kurz "Tiqui-Taca" genannt, tatsächlich stilprägende Elemente über das gesamte Turnier offenbart.

Es war auch der Weg, um ein letztes Mal bei dieser EM auf die Erfolgsstraße einzubiegen. Gewiss, die forschen Deutschen, bis auf Thomas Hitzlsperger übrigens exakt mit der Mannschaft angetreten, die das Viertelfinale der WM 2006 gegen Argentinien bestritten hatte, erwischten den besseren Start. Spaniens Rechtsverteidiger Sergio Ramos demonstrierte eine gewisse Verunsicherung, als sein Fehlpass beim zu unentschlossenen Miroslav Klose landete (3.). Und dann war es Hitzlsperger, der Torwart Iker Casillas prüfte (9.). Doch dann war es mit der schwarz-rot-goldenen Herrlichkeit auch schon vorbei. Mehr und mehr gewannen die Spanier die Ballkontrolle und damit die Dominanz in dieser intensiven Auseinandersetzung.

Hochkarätige Chancen blieben danach nicht aus: Jens Lehmann verhinderte mit einem Klassereflex nach Iniesta-Hereingabe ein Eigentor von Christoph Metzelder (20.), dann war der Pfosten im Weg, als Torres bei seinem Kopfball nicht zum ersten Male den 16 Zentimeter größeren Gegenspieler Per Mertesacker übersprang (23.). Zehn Minuten später kam, was kommen musste: Wieder einmal sah das deutsche Mittelfeld dem spanischen Kombinationsfluss nur zu, Andres Iniesta spielte gekonnt in die Nahtstelle zwischen Philipp Lahm und dem schlecht postierten Metzelder und Torres lupfte den Ball fast lässig über Lehmann ins Tor. Ein Klassetor des nie zu bremsenden 24-jährigen Starstürmers vom FC Liverpool. Es offenbarte indes abermals die Defizite, die der Bankdrücker oder Dauerverletzte von Real Madrid in dieses Turnier getragen hat. Denn es gab in Offensive wie in Defensive schlicht zu viele Szenen, in denen der Bartträger verdammt alt aussah.

Die zweite Halbzeit begann in der Donaumetropole ohne den mit einer blutenden Fleischwunde ausgeschiedenen Philipp Lahm, für den Marcell Jansen verteidigte. Erwartungsgemäß änderte sich aber ansonsten nicht viel: Vor allem Michael Ballack und Torsten Frings schafften es lange nicht, die Hoheit gegen das flexible, wendige spanische Mittelfeld zu erringen. Mit der Hereinnahme von Kevin Kuranyi für Hitzlsperger als zweiten Stürmer neben dem zu sehr isolierten Klose versuchte Löw, eine Sturm-und-Drang-Phase einzuleiten (58.). Und siehe da: Plötzlich ergaben sich auch wieder Möglichkeiten. Ballack schoss nach Jansen-Vorarbeit ans Außennetz (60.), Kuranyi stiftete mit seiner Präsenz Verwirrung - mehr aber auch nicht.

Doch ein Manko blieb in dieser nun hitzigen Begegnung: Die deutschen Standards waren alles andere als titelverdächtig. Zur Freude des zahlenmäßig klar überlegenen deutschen Anhangs, das zur Unterstützung noch einmal die Nationalhymne schmetterte, erkämpften sich die DFB-Recken nun die späten Sympathien in einem am Ende völlig ausgeglichenen Spiel, das an Torszenen so reich war wie selten ein Finale solcher Güte. Iniesta (68.) oder Senna (82.) verpassten nur knapp das entscheidende 2:0. Löws letzte Reaktion blieb ein bisschen unverständlich und ohne Wirkung: Mario Gomez ersetzte Klose. Doch vom europäischen Fußball-Thron ließen sich die stolzen Spanier so oder so an diesem Abend im Prater nicht mehr stoßen.

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