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Alle mal zugehört: Leipziger Fußballspieler vor dem neuen Funktionsgebäude.

RB Leipzig

Kurs auf die Bundesliga

Zweitligist RB Leipzig hat unter Führung von Ralf Rangnick 35 Millionen Euro verbaut und ist in der Infrastruktur für den Nachwuchsbereich schon ein Spitzenklub.

Von Jan Christian Müller

Zweite Liga versus Champions League. Eigentlich ist der Ausgang klar. Aber die Gewichte verschieben sich. Im Herbst 2015 mehr denn je. Der VfL Wolfsburg hat infolge der Krise der Muttergesellschaft Volkswagen gerade erst entschieden, eine geplante 40-Millionen-Euro-Investition für den Bau einer neuen Talentschmiede zurückzustellen. 200 Kilometer weiter südostwärts sind bereits Fakten aus Beton geschaffen worden: In dieser Woche hat der Zweitligist RB Leipzig seine binnen anderthalb Jahren fertiggestellte Akademie präsentiert. Reporter, die den Eingangsbereich des just eröffneten Leistungszentrums zum Medientermin mit Trainer und Sportchef Ralf Rangnick betraten, waren sogleich doppelt beeindruckt: von der Anmut der sechs Hostessen, die den Weg wiesen, damit sich niemand auf den 13 500 Quadratmetern Bruttogeschossfläche verläuft, und von der Anmut des neuen Imperiums des Red-Bull-Flaggschiffs, das unbeirrt Kurs auf die Bundesliga nimmt und dazu am Sonntag im Spitzenspiel beim VfL Bochum eine hohe Klippe umschiffen will.

Wenn die Brausemixer aus Österreich nicht heimlich im Labor Mischungen anrühren, die ihnen ähnlichen Ärger einbringen wie derzeit die manipulierten Abgaswerte dem Autobauer VW, dann muss man kein Prophet sein, um vorhersagen zu können: Rasenball wird sein Überholmanöver konsequent und intelligent fortführen. Die neue Sportanlage, die der am 19. Mai 2009 als strategisches Investment gegründete Retortenklub gegenüber der Arena für gut und gerne 35 Millionen Euro ans andere Ufer des Elsterbeckens gesetzt hat, braucht weltweit keinen Vergleich zu scheuen.

Als da wären: vier Rasenplätze, zwei Kunstrasenplätze, zwei kleine ummauerte Speedfußballfelder mit eingelassenen Toren, 50 Einzelzimmer für junge Internatsspieler (48 sind derzeit besetzt), 26 Zimmer für die Profis, eine 40 mal 20 Meter große Mehrzweckhalle mit Parkettboden, zwei Speisesäle (sieben Köche bereiten zu), drei Saunen, zwei Whirlpools, absenkbares Bewegungsbecken mit Gegenstromanlage, Kaltwassertauchpool, Lauftunnel mit drei elektronsich überwachten 50-Meter-Bahnen, Kraftraum sowie mehrere Schulungs- und Aufenthaltsräume und Büros für 70 Mitarbeiter.

Es ist so ziemlich an alles gedacht bei dem derzeit ambitioniertesten Projekt des deutschen Profifußballs. Ein Beispiel: Führerscheinbesitzer unter den Spielern müssen einmal monatlich ihre mit einem fingernagelgroßen Chip versehene Fahrerlaubnis vor einen Kartenleser halten. Wer das vergisst, wird auffällig. „Dann bekomme ich automatisch eine SMS und frage nach“, erläutert Ulrich Wolter, der als Director Operation im Klub firmiert. Die Leipziger wollen so einen Fall Marco Reus ausschließen. Der Dortmunder Nationalspieler war jahrelang mit einem gefälschten Führerschein unterwegs gewesen.

Ralf Rangnicks Fahrerlaubnis sowohl für seine Vespa (der Helm mit eingebauten Kopfhörern), seine beiden Mercedes Cabrio Oldtimer (ein 190er, Baujahr 1960, und ein 220er Ponton, Baujahr 1958) sowie den Dienstwagen, einen Porsche Panamera, ist selbstverständlich gültig. Ein recht ansehnlicher persönlicher Fuhrpark. Der 57-Jährige ist ja auch eine Menge unterwegs in seiner Doppelfunktion, die er aber nur bis Saisonende auszufüllen gedenkt. Ohnehin glaubt Rangnick, nach seinem Burnout vor vier Jahren adäquate Konsequenzen gezogen zu haben: „Ich weiß jetzt, dass man nicht zwei Handys braucht und drei Dinge gleichzeitig tun kann.“

Beim Pressebrunch in der Akademie ist der extrem ehrgeizige Schwabe dann aber doch ständig mit Tippen auf dem Smartphone beschäftigt, ehe er verbal zur Sache kommt. Natürlich kennt Rangnick, der Baumeister des Aufstiegs bis zum Herbstmeister 2008 von 1899 Hoffenheim, die Fundamentalkritik am Modell RB Leipzig als Marketingvehikel des milliardenschweren österreichischen Unternehmers Dietrich Mateschitz (71). „Traditionsloses Kunstprodukt“, „größte Wettbewerbsverzerrung“ – Rangnick lässt das kalt, er zieht sich deshalb aber nicht beleidigt ins Schneckenhaus zurück, sondern argumentiert: „Bayer Leverkusen ist jetzt auch nicht gerade nach einem Bundesland benannt, und was beim VfL Wolfsburg los wäre ohne VW, das kann sich jeder vorstellen.“ Oder in Hoffenheim ohne Hopp. Aber das sagt Rangnick lieber nicht.

Ohnehin geht er davon aus, dass „die Entwicklung, wie sie in England stattgefunden hat mit den Investorenmodellen, nicht aufzuhalten“ sei. Ergo glaube er nicht, dass „die Lizenzierung in Deutschland in 30 Jahren noch so laufen wird wie jetzt“. Übersetzt heißt das: Die 50-plus-eins-Regel, die Vereine vor der Übernahme von Investoren schützen soll und durch Leverkusen, Wolfsburg und Hoffenheim, nun auch durch RB Leipzig und alsbald auch durch Hannover 96 bereits ausgehöhlt wurde, wird kippen. Rangnick macht sich ohnehin nichts vor: „Uns muss nicht jeder mögen.“

Und er verteidigt den Plan, mit den Mateschitz-Millionen Spitzenfußball nach Leipzig zu holen: „Wir machen mit dem Geld weitestgehend keinen Blödsinn und wir werden auch nicht größenwahnsinnig. Wenn wir konsequent dran bleiben, werden wir den Aufstieg schaffen. Je eher, desto besser. “ Rangnick verweist darauf, dass RB den mit einem Jahr Abstand jüngsten Kader der zweiten Liga stelle, und er verspricht: „Sollten wir Erstligist sein, werden wir keine 28- und 29-Jährige holen.“ In Hoffenheim war er von diesem Weg abgekommen und hatte den Kroaten Josip ?imunic, damals schon 31, sowie Timo Hildebrand, seinerzeit 30, unbedingt verpflichten wollen. Danach ging es abwärts. Rangnick dürfte also gewarnt sein, nicht zu schnell zu viel zu wollen.

"Balotellifrisuren" auf dem Index

Das Leipziger Nachwuchsleistungszentrum ist ohnehin prall gefüllt mit Talenten. Die meisten Träume werden platzen, denn nur ein Bruchteil jener 48 jungen Kerle, die derzeit in der Akademie wohnen, werden den Durchbruch nach ganz oben schaffen. Rangnick will aber sicherstellen, dass „uns von den begabtesten Spielern hier aus der Region, aus ganz Sachsen und am besten auch aus Thüringen tunlichst keiner durch die Finger geht.“

Weil Rangnick weiß, dass es bei weitem nicht jeder schaffen kann, schwebt ihm mittelfristig ein duales System vor, das nach der Schule auch das Studium mit einschließt. Denn allzu viele Spieler, weiß der kundige Szenekenner, fallen nach ihrer Karriere ins Nichts. „Dem entgegenzuwirken, wird in den nächsten Jahren eine der größten Aufgaben des Profifußballs sein“, sagt Rangnick.

Besondere Bedeutung misst der Mann aus dem Spätzleland einer ausgewogenen Ernährung zu: „Wir achten hier sehr darauf, dass junge Spieler sich gut ernähren und nicht mit irgendwelchem Fastfood-Gedöns.“ Die Kühlschränke in der Akademie sind prall gefüllt mit dem Energizer Red Bull. Womöglich müssen sie nur selten aufgefüllt werden.

Auch Äußerlichkeiten sind den Leipziger Machern alles andere als egal. Typen wie sie einst der jugendliche Ralf Rangnick in seiner Sturm-und-Drangzeit („Ich hatte brutal lange Haare“) repräsentierte, müssen leider draußen bleiben. „Tätowierungen und extravagante Balotellifrisuren“ stehen laut Geschäftsführer Wolter auf dem Index. Und um die Nachtruhe müssen sich besorgte Fußballeltern keine Sorgen machen. Um 22 Uhr wird auf den Fluren das Licht ausgeschaltet.

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