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Fordert 150000 Euro Schadenersatz: Manfred Amerell. dapd
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Fordert 150000 Euro Schadenersatz: Manfred Amerell. dapd

Schiedsrichter-Affäre

Küsse und Pfiffe

Ein Jahr nachdem die FR die Schiedsrichter-Affäre öffentlich gemacht hat, treffen vor dem Landgericht Hechingen Manfred Amerell und Michael Kempter in einem Zivilprozess aufeinander. Eines ist sicher: es wird unappetitlich werden.

Von Wolfgang Hettfleisch und Jan Christian Müller

Es wird, das gilt als sicher, unappetitlich werden am 10. Februar vor dem Landgericht Hechingen. Genau ein Jahr, nachdem die Frankfurter Rundschau die Schiedsrichter-Affäre unter der Überschrift „Vorwürfe gegen Amerell“ öffentlich gemacht hat, treffen dort, am westlichen Rand der Schwäbischen Alb, Manfred Amerell und Michael Kempter in einem Zivilprozess aufeinander.

Die Rollen haben sie vertauscht. Der langjährige Schiedsrichterfunktionär Amerell war nach Kempters Vorwürfen, vom 63-Jährigen sexuell belästigt worden zu sein, von allen Ämter zurückgetreten, hatte aber stets beteuert, zu Zärtlichkeiten sei es nur in gegenseitigem Einvernehmen gekommen. Er fordert nun vom 28-jährigen Bundesliga-Schiedsrichter, der auf Geheiß des Deutschen Fußball-Bundes seit Saisonbeginn nicht mehr eingesetzt wird, 150000 Euro Schadenersatz. Ob zu Recht, soll die erste Zivilkammer des Landgerichts unter dem Vorsitz von Richter Alexander Meinhoff im mündlichen Verfahren klären, das am kommenden Donnerstag in Saal 168 des Hechinger Gerichtsgebäudes beginnen wird.

Strafrechtlich hat Amerell die Affäre unbeschadet überstanden. Am 26. Mai 2010 hatte die Staatsanwaltschaft an seinem Wohnort Augsburg das Verfahren gegen ihn wegen sexueller Nötigung mangels eines hinreichenden Tatverdachts eingestellt – so wie umgekehrt das im Zuge einer Klage des Augsburger Hoteliers eingeleitete Verfahren gegen seinen einstigen Protégé Kempter und drei weitere ihn belastende Schiedsrichter wegen Verleumdung und weiterer Tatbestände. Es steht, wenn man so will, unentschieden.

Amerell, vertreten vom Münchner Anwalt Jürgen Langer, prozessiert allerdings auch in der Strafrechtssache weiter. Er legte Beschwerde gegen die Einstellung des Verfahrens gegen Kempter und die drei anderen ein, die eidesstattlich versichert hatten, der Schiedsrichter-Betreuer sei ihnen gegen ihren Willen zu nahe getreten. Während die Beschwerde gegen das anonym gebliebene Schiedsrichter-Trio später zurückgezogen wurde, erhielt Amerell den Einspruch gegen die Einstellung des Verfahrens gegen Kempter aufrecht. Darüber muss nun die Münchner Generalstaatsanwaltschaft befinden. „Die beantragte Akteneinsicht wird noch ausgeführt“, sagt deren Sprecher Alfons Obermeier. Sprich: Amerell-Anwalt Langer ist am Zug und darf die Unterlagen sichten. Anschließend wird ihm laut Obermeier „eine Frist zur Stellungnahme eingeräumt“. Erst danach werden die Münchner entscheiden, ob die von den Augsburger Kollegen verfügte Einstellung des Verfahrens Bestand hat. Unklar ist, ob Amerell zudem der Weg zu einem so genannten Klageerzwingungsverfahren beim Oberlandesgericht offensteht. Der Vorwurf der Verleumdung genügt dafür nicht. Doch Amerells Beschwerde bezieht sich Obermeier zufolge auf „verschiedene Tatvorwürfe“.

Erwartet wird ein Scharmützel in Höhe der Gürtellinie

Das anstehende Zivilverfahren in Hechingen zu Füßen des mächtigen Stammsitzes der im 19. Jahrhundert zum deutschen Kaisergeschlecht aufgestiegenen Hohenzollern muss von den strafrechtlichen Fragen getrennt betrachtet werden. Im Zollernalbkreis wird es im Kern um Kempters Glaubwürdigkeit gehen. Der Sparkassen-Kundenberater aus Sauldorf-Krumbach hatte vorigen Februar im Frankfurter Airport Hotel der FR, dem Deutschen Sportfernsehen und der Bild aufeinanderfolgende Interviews gegeben. Der Frankfurter Rundschau erzählte er, Amerell sei gegen seinen Willen zudringlich geworden, und schilderte entsprechende Szenen („Nachts um drei klopfte es bei mir im Hotelzimmer an der Tür“, FR vom 23. Februar 2010). Der langjährige Schiedsrichterbetreuer schlug kurz darauf in der Fernseh-Talkshow „Kerner“ zurück. Er zitierte aus Textbotschaften fürs Handy und E-Mails, die Kempter ihm geschickt hatte. Die veröffentlichten Passagen deuten auf eine einvernehmliche Liebesbeziehung, die in bitterem Trennungsknatsch endete.

Das Verhalten des DFB legt den Verdacht nahe, dass man der Darstellung Kempters dort nicht mehr uneingeschränkt Glauben schenkt. Dessen Rückkehr auf den Fußballplatz blieb eine Episode. Kempter pfiff am 10. April die Drittliga-Begegnung Sandhausen gegen Kiel und hoffte damals, dass seine Leistung als Unparteiischer „mit weiteren Spielansetzungen abgefragt wird“. Tatsächlich wollte Herbert Fandel, der neue Leiter der DFB-Schiedsrichterkommission, den Sauldorfer am 31. Juli erneut in Sandhausen einsetzen – in der Drittliga-Begegnung zwischen den Kurpfälzern und Kickers Offenbach.

Doch das DFB-Präsidium kippte die Ansetzung und verfügte, Kempter werde bis auf Weiteres kein Spiel mehr pfeifen. Hintergrund: Manfred Amerell hatte den DFB-Bossen umfangreichen E-Mail-Schriftverkehr mit Kempter zukommen lassen. Das Material untermauert Amerells Version von einvernehmlichen Intimitäten und war für den Verband auch deshalb brisant, weil sich dessen Präsident Theo Zwanziger in der Affäre von Anfang an Kempters Darstellung zu eigen gemacht und den jungen Schiedsrichter gestützt hatte. „Das muss jetzt sauber aufgearbeitet werden“, forderte Rolf Hocke, Präsident des Süddeutschen und Hessischen Fußballverbands und einer der DFB-Vizepräsidenten, im Sommer angesichts der neuen Einblicke. Die Aufklärer beim DFB sind seitdem nicht erkennbar weitergekommen. Die Erfolgsmeldung vom Dienstag kann das nur notdürftig übertünchen. Das Oberlandesgericht München hat in letzter Instanz eine Beschwerde Amerells abgewiesen, der Zwanziger gerichtlich die Behauptung untersagen lassen wollte, er, Amerell, habe als Schiedsrichterbetreuer seine Amtspflichten verletzt. Ein Nebenstrang der gerichtlichen Kabale. Über den Wahrheitsgehalt von Kempters Einlassungen sagt das nichts.

DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach fügte seinem Kommentar zum juristischen Erfolg denn auch diesen bemerkenswerten Satz hinzu: „Für den DFB konnte es nie um eine Bewertung der persönlichen Situation zwischen Manfred Amerell und Michael Kempter gehen.“ Das ist insofern seltsam, als das DFB-Präsidium Ende Juli noch öffentlichkeitswirksam verfügt hatte, „den gesamten Sachverhalt noch einmal durch den Kontrollausschuss und die Schiedsrichterkommission intensiv prüfen zu lassen“. Hans-Dieter Drewitz, Präsident des Südwestdeutschen Fußballverbandes und DFB-Vizepräsident, wurde die Leitung dieser Untersuchung übertragen. Doch der Jurist aus Haßloch, der lange die Abteilung Medien in der rheinland-pfälzischen Staatskanzlei in Mainz leitete, kann ein halbes Jahr später keine neuen Erkenntnisse verkünden. Er verweist stattdessen auf das nach München gewanderte Strafverfahren von Augsburg: „Im Augenblick warten wir auf den abschließenden Bescheid der Generalstaatsanwaltschaft. So lange ist Kempter im Bereich des DFB nicht einsetzbar.“ Sollte das Strafverfahren endgültig eingestellt werden, müsse die DFB-Schiedsrichter-Kommission entscheiden, „ob sie Kempter für sportlich geeignet hält, wieder pfeifen zu dürfen“.

In den Chaostagen klang das noch anders

Das klang in den Chaostagen im Frühling 2010, als die DFB-Spitze in ihrer Sorge um den Zustand des Schiedsrichterwesens sogar einen Sonderparteitag des Verbands einberufen hatte, noch ganz anders. Inzwischen sollte sich Michael Kempter, jüngster Schiedsrichter, der je in der Bundesliga pfiff, und vor gut einem Jahr noch auf dem Weg zum jüngsten deutschen Fifa-Referee, besser auf seine Laufbahn als Bankkaufmann konzentrieren. Für Amerell und Kempter kann das nun anstehende Zivilverfahren beim Landgericht Hechingen zum Spießrutenlauf werden. Mit beider Präsenz ist zu rechnen, denn die Zivilkammer hat das persönliche Erscheinen beider Parteien angeordnet. Nur mittels einer besonderen Vollmacht könnten Jürgen Langer und Kempters Anwalt, der Ludwigsburger Sportrechtsexperte Christoph Schickhardt, ohne ihren Mandanten auftreten. Allein 40 Plätze im Gerichtssaal 168 sind für die Medienleute reserviert.

„Wir haben nun die Situation, dass zwei Menschen intimste Details offenbaren und sich gegenseitig mit Dreck beschmeißen müssen“, sagt einer, der nah dran ist am Justizdrama um Küsse und Pfiffe und ungenannt bleiben möchte. Richter Meinhoff wird viel Feingefühl brauchen. Denn er muss Fragen nachgehen, deren Erörterung die niederen Instinkte der Öffentlichkeit bedienen könnte: Legte der Kläger die Hand auf den Oberschenkel des Beklagten? Kam es zu einer Berührung unter der Hose? Küssten sie sich auf den Mund? Es sind Dinge, die zwei erwachsene Menschen, da keine Gewalt im Spiel war, eigentlich unter sich klären sollten. Doch aus der Sicht von Kempter, der nach Bekanntwerden der Affäre psychologische Hilfe in Anspruch nahm, war da ja auch das, was später das „System Amerell“ genannt wurde – das Ausnutzen einer einflussreichen Position zur Befriedigung des eigenen sexuellen Verlangens. Amerell, der Kläger, könnte in Hechingen mitunter wie ein Angeklagter dastehen. Auch die Gegenseite schießt scharf, kann mit der Schilderung von Szenen wie jener aufwarten, in der der Schiedsrichterfunktionär einen jungen Referee ungeniert gefragt haben soll: „Darf ich dich Schatzi nennen?“

Dass der drohende Schlagabtausch in Höhe der Gürtellinie – und gelegentlich wohl auch mal drunter – der Wahrheitsfindung dienen wird, ist fraglich. Und so klingt die Bilanz des Insiders, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen mag, knapp ein Jahr nach der Veröffentlichung der Vorwürfe gegen Amerell durch die FR denn auch trostlos: „Egal wie das Zivilverfahren ausgeht: Eigentlich gibt es nur Verlierer.“

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