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Kronzeuge Tygart

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Zu Gast im Sportausschuss des Bundestags: Travis Tygart.
Zu Gast im Sportausschuss des Bundestags: Travis Tygart. © afp/ADAM BERRY

Travis Tygart ist Chef der US-Antidoping-Agentur und der Mann, der Lance Armstrong zu Fall brachte. Durch seine Ausführungen hilft er jetzt im Sportausschuss den Gegnern eines Antidopinggesetzes.

Von Wolfgang Hettfleisch

Der Star der Sitzung des Sportausschusses des Deutschen Bundestags am Mittwoch nahm den Trubel um seine Person gelassen hin. Freundlich blinzelte Travis Tygart in die vielen Kameras. Der schmächtige Mann aus Colorado Springs ist Aufmerksamkeit inzwischen gewöhnt. Er ist Vorstandsvorsitzender der US-Antidoping-Agentur (Usada) und seit drei Monaten eine Berühmtheit: Tygart, 41, ist der Mann, der Lance Armstrong zur Strecke brachte.

Stolz auf den Gast

Es darf als Coup gelten, dass es der Sportausschussvorsitzenden Dagmar Freitag (SPD) gelang, den Juristen über den Atlantik zu lotsen. Der Deutsche Olympische Sportbund etwa wurde vom Besuch des Juristen an der Usada-Spitze kalt erwischt und erwirkte in eiliger Diplomatie noch ein Treffen Tygarts mit DOSB-Präsident Thomas Bach und Generaldirektor Michael Vesper. Tygart ist sich seines frisch erworbenen Ruhms bewusst. „Ich verstehe es so, dass ich zum Teil wegen des Berichts in Sachen Lance Armstrong hierher eingeladen worden bin“, sagte der Usada-Chef.

Da lag er richtig. Praktisch jedem der Ausschussmitglieder im Sitzungssaal 4800 des Paul-Löbe-Hauses stand der Stolz auf den Gast aus Übersee ins Gesicht geschrieben. Nun galt es zu klären, wer aus dessen Ausführungen die schönsten parteipolitischen Funken würde schlagen können. Tygart muss die Gefahr der Vereinnahmung gespürt haben, denn in seiner Antwort auf die ersten Fragerunde der Parlamentarier fanden sich auch diese mahnenden Worte zum Antidopingkampf: „Ehrlich gesagt, es sollte ein apolitisches Thema sein. Alle Seiten sollten dasselbe Interesse haben.“ Haben sie aber nicht. Die Abgeordneten der Regierungskoalition aus CDU/CSU und FDP wurden sichtlich munter, als Tygart im Fall Armstrong eine konkrete Zusammenarbeit mit dem Strafverfolgungsbehörden verneinte und hervorhob, man habe für die umfangreiche Akte „keine Dokumente oder andere Beweismittel erhalten“. Das war nach dem Geschmack des bürgerlichen Lagers, das sich gegen ein schärferes Antidopinggesetz in Deutschland stemmt. Lässt sich Tygarts Hinweis doch so auslegen, dass es selbst für spektakuläre Erfolge bei der Überführung von Dopern keiner Zubringerdienste der Strafverfolgungsbehörden bedarf.

Tygart weicht aus

Für die Ausschussmitglieder der SPD, der Grünen und der Linken, die eine bessere staatliche Handhabe etwa durch die Strafbarkeit des Besitzes auch geringer Mengen von Dopingmitteln befürworten, hatte Tygart noch eine Enttäuschung parat. Er wollte auf Nachfrage auch keinen Informationsaustausch mit Jeff Novitzky bestätigen. Das ist jener Ermittler der US-Behörde für die Zulassung von Lebens- und Arzneimitten (FDA), der großen Anteil an der Aufdeckung des Balko-Skandals hatte und Armstrongs dunklen Machenschaften auch auf der Spur war. Tygart wich einer klaren Antwort aus: Er kenne Novitzky seit 2003, dieser habe „große Wirkung“ im Kampf gegen Doping erzielt. Ende der Durchsage.

Der Mann, den nun alle Armstrong-Jäger nennen, hatte eine verblüffende Erklärung für den durchschlagenden Erfolg bei den Ermittlungen gegen Armstrong und Co.: Um wichtige Aussagen zu erwirken, sei es entscheidend, „ehrliche Gespräche mit Athleten zu führen, in einer angenehmen Atmosphäre. Das sind nicht notwendigerweise harte Kriminelle. Man muss ihr natürliches Verlangen nutzen, den jungen Athleten und dem Sport zu helfen.“ Statt harter Verhöre halfen offenbar verkappte Therapiesitzungen mit bereits überführten Dopingsündern wie Tyler Hamilton und Floyd Landis entscheidend weiter.

Unabhängige Instanzen gefordert

Damit stand es 3:0 für Klaus Riegert, den Kapitän des FC Bundestag und sportpolitischen Sprecher von CDU/CSU, und seine politischen Freunde. Sie sind überzeugt, dass die Sportgerichtsbarkeit mit dem Sanktionsmittel der Dopingsperre viel mehr bewirken kann als eine womöglich leere Strafandrohung. Werde jeder Besitz von Dopingpräparaten unter Strafe gestellt, würden viele Verfahren wegen der Geringfügigkeit des Vergehens ohnehin eingestellt, glaubt das Regierungslager.

Zum Ehrentreffer hat es für die Opposition, die sich auch gern an der Rolle des organisierten Sports reibt, dann doch noch gereicht. „Der Kampf gegen Doping muss durch wirklich unabhängige Instanzen geführt werden“, forderte Tygart und verwies auf strikte Usada-Richtlinien zur Vermeidung von Interessenkonflikten. Einen Sportfunktionär sucht man im Vorstand der US-Agentur vergeblich. Im Aufsichtsrat und in den Kommissionen der Nada tummeln sich hingegen diverse Verbandsvertreter. Das ist dem Mut, den Tygart forderte, „um die Drecksarbeit zu tun, die für einen sauberen Sport unverzichtbar ist“, eher nicht zuträglich.

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