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Nicht aufzuhalten: Ruslan Rotan (vorne) und Nikola Kalinicic wollen mit Dnipropetrowsk ins Finale marschieren.
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Nicht aufzuhalten: Ruslan Rotan (vorne) und Nikola Kalinicic wollen mit Dnipropetrowsk ins Finale marschieren.

Europa League

Kontrastprogramm aus der Ukraine

  • Frank Hellmann
    VonFrank Hellmann
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Außenseiter Dnipro Dnipropetrowsk hat sich in der Europa League still und heimlich ins Halbfinale geschlichen.

Die Arme ausgebreitet, den Mund geöffnet, die Augen verschlossen: So feierte der eingewechselte Yevhen Shakhov im Kiewer Olympiastadion vor zwei Wochen einen historischen Treffer. Ein abgefälschter Schuss acht Minuten vor dem Spielende im bis dahin torlosen Viertelfinale gegen den FC Brügge war es, der Dnipro Dnipropetrowsk zum ersten Male in seiner Geschichte in ein Halbfinale eines europäischen Vereinswettbewerbs brachte. Heute gastiert der Novize beim SSC Neapel (21.05) als das leibhaftige Kontrastprogramm zu all den hoch gezüchteten Hochglanzprodukten auf der internationalen Bühne. München, Madrid, Turin und Barcelona in der Champions League, Neapel, Florenz und Sevilla in der Europa League – was bitte sucht Dnipropetrowsk in diesem Kreis?

Die Männer in den blau-weißen Trikots treten mal als Außenseiter an, bei dem sich viele bereits mit der Aussprache des Vereinsnamens schwer tun. Die ostukrainische Millionenstadt ist eine frühere Rüstungsmetropole – dort wurden zu Zeiten der Sowjetunion die Atomraketen SS produziert. Das Unternehmen Juschmasch hat immer noch 13 000 Beschäftigte, aber baut heute überwiegend Landwirtschaftsmaschinen für Großbetriebe.

Der Klub hieß zunächst Stal (Stahl) und wurde 1950 getreu des sowjetischen Zeitgeistes in Metallurg (Metallarbeiter) umbenannt, ehe Anfang der 60er Jahre die sowjetischen Unterstützer aus der Raketenfabrik lieber Dnipro verwendeten. Der Verweis auf den Dnjepr, den längsten Fluss der Ukraine, der unter anderem auch durch die Hauptstadt Kiew führt, in der der Tabellenzweite der Premjer-Liga vorübergehend ein Exil fand. Anders als Meister Schachtjor Donezk spielt Dnipro aber zumindest im heimischen Liga-Betrieb längst wieder im Dniprostadion. Europapokalspiele erlaubt die Uefa indes nur im Exil: So wird auch das Rückspiel gegen die Italiener in einer Woche in Kiew ausgetragen.

Oligarch bestimmt den Kurs

Eine zentrale Rolle für die Region Dnipropetrowsk spielt Klubbesitzer Igor Kolomoiskji. Der Oligarch arbeitete während seines Ingenieursstudiums bei Juschmasch und gilt aktuell als der zweitreichste Mann des Landes; knapp hinter Rinat Achmetow, dem Besitzer von Schachtjor Donezk, die im Achtelfinale der Champions League so fürchterlich beim FC Bayern unter die Räder kamen. Zu Kolomoiskijs riesiger Firmengruppe gehören unter anderem die Privatbank, das größte Kreditinstitut der Ukraine, bedeutende Medienunternehmen und drei ukrainische Inland-Airlines.

Der füllige Mann mit dem Bart und der kleinen Goldrandbrille hat im vergangenen Jahr entscheidende Weichen gestellt. Anders als die kriegsgeplagte Region Donezk ist die Heimat Kolomoiskjis dank seiner Unterstützung nicht von pro-russischen Separatisten besetzt worden.

Der Milliardär mit jüdischen Wurzeln, der auch die israelische, die Schweizer und die Staatsbürgerschaft Zyperns besitzt, finanzierte als Gouverneur der Region Dnipropetrowsk im Frühjahr 2014 den Aufbau mehrere Freiwilligen Bataillone, darunter die als Elitetruppe geltenden Verbände „Dnipro I“ und „Dnipro II“. Doch Anfang März dieses Jahres geriet Kolomoiskji mit Präsident Petro Poroschenko aneinander, der ihn als Gouverneur entließ. Streitpunkt war die Regulierung des Ölmarktes: Kolomoiskji musste Anteile seines Aktienpakets der staatlichen Ölgesellschaft verkaufen.

Viele Ukrainer im Team

Sein Verein hat allerdings seit den politischen Ereignissen viele neue Fans aus anderen Teilen des Landes gewonnen. Weil der ukrainische Trainer Myron Markevych nicht – wie in Donezk – überwiegend auf südamerikanische Legionäre setzt, sondern viele Landsleute in die Startelf stellt, die einen körperbetonten, unbequemen Stil pflegen, mit dem sich der gemeine Ukrainer identifizieren kann. Und weil sich der Dnipro-Eigner öffentlich mit Russlands Präsidenten anlegte: Unter anderem unterstellte er Wladimir Putin Minderwertigkeitskomplexe aufgrund seiner geringen Körpergröße. So etwas kommt an beim russlandkritischen Teil der Bevölkerung.

Zudem hat Dnipropetrowsk berühmte Ziehväter: Walerij Lobanowski, der große Schweiger auf der Trainerbank, begann hier seine Karriere. Petr Neustädter, Vater von Schalke-Spieler Roman Neustädter, spielte hier in den 80er Jahren. Und die aktuellen Spieler Denis Boyko, Artem Fedetskiy, Valerij Luchkevych und Serhiy Kravchenko sind alle Söhne von fußballspielenden Väter. Doch allein Yevhen Shakhov senior spielte davon bei Dnipro, der 1998 mit dem Klub Meister wurde. Mit dem Einzug ins Europa-League-Finale am 27. Mai in Warschau würde der Junior in den bewegten Zeiten dieses Landes die noch größere Geschichte schreiben.

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