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Den Konter kontern

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Von: Ingo Durstewitz

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Bei der Europameisterschaft wurde der Fußball sicher nicht neu erfunden, aber immerhin entwickelte er sich stetig weiter.

Vor ziemlich genau dreieinhalb Wochen hat die Frankfurter Rundschau einen Ausblick auf das kontinentale Ballspiel in den Alpen gewagt. Das war natürlich auch irgendwie ein Schuss ins Blaue, eine Prophezeiung ohne Glaskugel, alldieweil ja noch kein einziger Flachpass gespielt war. "Die Revolution fällt aus." Darauf legte sich die FR fest und damit lag sie, das kann man konstatieren, ganz gewiss nicht falsch. Die Fußball-Rebellion ist tatsächlich ausgeblieben, sie war aber auch nicht zu erwarten. Und doch hielt diese Europameisterschaft ein paar nette, kleine und feine Überraschungen bereit. Die vielleicht schönste: Wer auf das Feld ging, um zu zerstören und zu mauern, wer nur antrat, um nicht zu verlieren, der verlor erst recht.

Es war bei den Titelkämpfen tatsächlich so, dass zumeist die Mannschaft reüssierte, die Fußball (im Wortsinne) spielte, die attackierte und ihr Heil in der Offensive suchte. Spanien, Russland, Niederlande, Portugal - sie alle nahmen das Heft des Handelns in die Hand, sie alle boten stellenweise wunderhübschen, rassigen Fußball mit Charme und Esprit. Sie alle hatten, und das ist die vielleicht beste Botschaft für den Fußball, eine klare Idee, eine Philosophie, wie sie zum Erfolg kommen wollten. "Alle Mannschaften, die Fußball mit einer positiven Einstellung gespielt haben, haben gewonnen", sagte Uefa-Boss Michel Platini, der im Überschwang vom "Genuss für die Fans" sprach. Das mag für den Einzelfall gelten, für die gesamte Endrunde sicher nicht.

Die Niederländer boten teilweise ein grandioses Spektakel, sie überraschten mit rasend schnellen, überfallartigen Angriffen. Die Russen kopierten und perfektionierten mit ihrem holländischen Trainer Guus Hiddink dieses Spiel, bis ihnen dann doch die Luft ausging. Dass auch sie menschliche Züge wie Erschöpfung zeigen könnten, war bei den als Robotern betitelten Russen schon ernsthaft bezweifelt worden. Und die Portugiesen mit ihren virtuosen Ausnahmekönnern spielen eh immer mit offenem Visier nach vorne.

Die beständigste Mannschaft des Turniers war sicherlich die spanische, die mit ihrem verwirrenden Kurzpassfeuerwerk eine bemerkenswerte Konstanz auf hohem Niveau ablieferte. Das deutsche Team, bei dem neuerdings wieder der alte Pragmatismus über dem Ideal von bedingungsloser Offensive steht, setzte sicher keine Maßstäbe, es spielte nicht spektakulär oder überragend, aber es war im entscheidenden Moment mental stark und auch eiskalt. Denn was auch auffällt: Auf diesem Niveau und bei dieser Leistungsdichte kann man sich keinen schwarzen Tag erlauben, ohne nicht bitter dafür bestraft zu werden. Da war dann das Abenteuer beendet, bevor es richtig begann. Die Holländer und Portugiesen können ein Lied davon singen. An beide wird man sich aber mit Freuden erinnern bei diesem Turnier, sie haben es bereichert. Das kann man von anderen nicht sagen.

Die Griechen etwa, Europameister angereist, zeigten den altertümlichsten Rumpelfußball - und durften mit null Punkten ganz früh nach Hause fliegen. Nicht viel besser traten die Franzosen und die Italiener auf. Sie bauten noch einmal auf ihre alte Heroen, was sie nicht bedachten: Selbst an Fußballhelden nagt der Zahn der Zeit. Die Equipe Tricolore und die Squadra Azzurra waren zwei völlig überalterte Teams, satt und müde, sie beschmutzten ihr eigenes Erbe. Bei beiden großen Fußballnationen und auch bei den Griechen ist ein Neuaufbau, eine Verjüngungskur zwingend erforderlich und unumgänglich.

Auch andere Länder, Schweden, Tschechien oder Rumänien, haben sich nicht weiter-, sondern zurückentwickelt. Von den Gastgebern Österreich und Schweiz sowie Polen sei hier gar nicht die Rede, sie sind in jeglicher Hinsicht meilenweit von der Weltspitze entfernt. Und wer die elementaren Dinge des schönen Spiels nur rudimentär beherrscht, von dem braucht man keine Innovationen in Sachen Taktik oder Spieltechnik zu erwarten.

Es reicht glücklicherweise nicht mehr aus, sich in der Defensive einzuigeln, zehn Mann hinter den Ball zu bringen und nur kompakt und vielbeinig die Räume zuzulaufen. Man braucht eine Idee, wie man des Opponenten Defensivriegel knacken will. Das geht nur durch schnelles, direktes Spiel - und einem höllisch hohen Tempo. In dieser Hinsicht setzte die EM wirklich Maßstäbe. Und ein neuer Trend ist die Variante, die der schottische Chefinspektor Andy Roxburgh so bezeichnet: Den Konter kontern. "Es gibt jetzt den Konter aus dem Mittelfeld heraus, wo eine Gruppe von Spielern ausbricht und auf die Verteidiger zurennt." Wer nachschauen will: Das 2:0 und 3:0 bei Spanien gegen Russland. Roxburgh muss es wissen, er analysiert gemeinsam mit weiteren hochrangigen Fachkräften für die Uefa die Spiele und sucht Antworten auf die stets junge Frage: Wohin entwickelt sich der moderne Fußball?

Auffällig und wirklich eigenartig ist, dass die stets als so eminent wichtig gepriesenen Standards ein wenig von ihrer Bedeutung verlieren. Laut Roxburgh sind weniger als 25 Prozent der Tore nach ruhenden Bällen gefallen. "Das ist im Vergleich zu früher eher wenig", sagt er. Die Revolution hat auch er nicht ausrufen können beim Kick in den Alpen, aber der Fußball sei auf dem richtigen Weg. Er wird an der Spitze, dort wo die Luft immer dünner wird, offensiver.

Und das ist gut so.

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