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„Ich möchte neue Bestzeiten schwimmen.“ Sarah Köhler.

Sarah Köhler

„Es kommt auf den Tag X an“

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Topschwimmerin Sarah Köhler von der SG Frankfurt über ihre Ziele bei den Olympischen Spielen, den Weg nach Tokio, das Zusammenleben mit ihrem Freund Florian Wellbrock und die Schwierigkeiten einer Technikumstellung.

Frau Köhler, Sie waren 2016 schon in Rio dabei und wurden damals Achte über 800 Meter Freistil. Welche Erinnerungen haben Sie noch an die Olympischen Spiele vor vier Jahren?

Ich wusste was auf mich zukommt, aber irgendwie war ich trotzdem ganz schön überfordert, weil ich beim Einlauf ins Olympische Dorf so aufgeregt war. Nach ein, zwei Tagen hatte ich mich eingefunden, im Olympischen Dorf alles gesehen und konnte mich dann voll auf den Wettkampf konzentrieren.

Damals war der Finaleinzug schon ein Erfolg. Was wollen Sie in Tokio erreichen?

Ich möchte die bestmögliche Leistung abrufen, die ich an dem Tag zeigen kann. Es kommt auf Tag X an. Dafür arbeite ich täglich. Was am Ende rauskommt, muss man dann sehen. Olympische Spiele haben immer ihre eigenen Gesetze. Es kann sein, dass ich nochmal einen riesigen Leistungssprung mache und damit auf Platz vier lande - womit ich dann zufrieden sein muss. Auch wenn es in dem Moment sicher enttäuschend wäre, denn Platz vier hat keiner gerne.

Wollen Sie bei den Olympischen Spielen über alle drei langen Freistildisziplinen antreten?

Ich werde die 400 Meter wahrscheinlich nicht schwimmen, sondern nur die 800 und 1500 Meter.

Liegt das am Zeitplan oder weil Ihnen die längeren Strecken besser liegen?

Ja, die liegen mir besser. Das haben auch die Ergebnisse im vergangenen Jahr gezeigt. Ich möchte alles in die 800 und 1500 Meter stecken und das bestmögliche rausholen. Bei den Spielen ist es auch so, dass die Finals morgens sind und nachmittags die Vorläufe. Das 400-Freistilfinale findet morgens statt und am gleichen Tag sind nachmittags die 1500-Freistil-Vorläufe. Für die, die alle drei Rennen machen, wird das ganz schön hart.

Sie halten alle deutschen Rekorde über die Freistilstrecken. Welche Zeiten peilen Sie im Sommer an?

Das habe ich nicht konkret vor Augen. Ich möchte natürlich neue Bestzeiten vor Ort schwimmen.

Ihr Freund Florian Wellbrock gilt bei den Männern als größte Medaillenhoffnung. Wie sehr hilft es jemanden an seiner Seite zu haben, der wie Sie nach dem maximalen Erfolg strebt?

Wenn morgens der Wecker klingelt und man nicht aus dem Bett kommt, ist es schön, wenn jemand da ist, der mit einem aufsteht und das gleiche Ziel verfolgt. Der sagt: Komm, du weißt doch wofür. Es macht auch das ganze Leben einfacher, weil wir beide in die gleiche Richtung gehen und uns auf das gleiche vorbereiten. Viele Sachen müssen einfach nicht mehr diskutiert werden. Die Frage, ob wir abends weggehen oder nicht, stellt sich bei uns nicht.

Nach der EM in Glasgow und der WM in Gwangju gehören Sie ja zu den Hoffnungsträgerinnen im Deutschen Schwimm-Verband (DSV). Ist das eine Rolle, die ihnen gefällt?

Ich sehe mich nicht als so jemand. Ich freue mich einfach darüber, dass ich die Erfolge erzielen konnte.

Zuletzt hatte der DSV auch dank Ihnen einige kleinere Erfolgserlebnisse. Was wird aus Ihrer Sicht nötig sein, um die Lücke zur internationalen Konkurrenz weiter zu verringern?

Hat Tokio fest im Visier: Sarah Köhler.

Ich glaube, dass jeder Einzelne mit seinen Trainern auf einem guten Weg ist. Sonst hätten wir die Fortschritte nicht gemacht. Das sind ja nicht nur die Athleten, die Medaillen geholt haben, sondern auch in den Reihen dahinter. Wir können nicht erwarten, dass wir vom einen auf das andere Jahr plötzlich mit zehn oder 15 Medaillen nach Hause fahren. Das ist ein Prozess.

Wie sieht Ihr Trainings- und Wettkampfplan bis zum August aus?

Am ersten Februar-Wochenende haben wir Deutsche Mannschafts-Meisterschaften. Die Woche darauf haben wir einen Wettkampf in Magdeburg, der auch für die Qualifikation für Tokio gilt. Da werde ich versuchen, mich über die 800 und 1500 Meter zu qualifizieren.

Zur Person

Sarah Köhlerist im hessischen Bruchköbel geboren und startet für die SG Frankfurt. Seit vergangenem Jahr lebt und trainiert die 25-Jährige in Magdeburg mit ihrem Freund Florian Wellbrock. Die Kurzbahn-Europameisterin von 2017 hält die deutschen Rekorde über 400, 800 und 1500 Meter Freistil. Bei den Kurzbahnmeisterschaften in Berlin ist sie im vergangenen Jahr in 15:18,01 Minuten Weltrekord über die 1500 Meter geschwommen. Bei der vergangenen WM in Südkorea holte Köhler in der 4x1,25 Kilometer Freiwasser-Staffel die Goldmedaille und Silber über die 1500 Meter.

Über 400 Meterliegt ihre Bestzeit bei 4:03, 96 Minuten, über 800 Meter bei 8:16,43 Minuten und über 1500 Meter bei 15:48,83 Minuten. 

Welche Norm müssen Sie erfüllen?

Es gibt zwei Normen, die vom Deutschen Schwimm-Verband und die vom Weltverband Fina. Diejenigen, die bei der WM unter den Top vier waren, müssen die Fina-Normen schwimmen. Für mich ist das eine 8:33 über die 800 Meter und eine 16:32 über die 1500 Meter. Der DSV hat Normen von 8:30 Minuten und 16:16 Minuten.

Wie geht es nach Magdeburg weiter?

Wir sind im Anschluss wieder für vier Wochen im Höhentrainingslager in der Sierra Nevada in Spanien. Drei Wochen später - Anfang April - habe ich einen Wettkampf in Stockholm. In den ersten Tagen im Mai sind die Deutschen Meisterschaften in Berlin. Im Juni und Juli nochmals drei Wochen Höhentrainingslager in der Sierra Nevada, anschließend zwei Wochen in Frankreich, dann bin ich eine Woche zu Hause. Danach geht es schon ins Vorbereitungscamp nach Kumamoto.

Sie trainieren seit September 2018 bei Bernd Berkhahn am Bundesstützpunkt in Magdeburg. Was hat sich seitdem an Ihrem Schwimmstil und Ihrer Technik verändert?

Meine Frequenz ist höher als zuvor. Ich bin vorher ein 1500-Meter-Rennen mit einer Frequenz von 42 geschwommen, mittlerweile bin ich bei 46. Wir haben auch viel an der Technik gearbeitet. Ich bin früher mit gestrecktem Arm über und unter Wasser geschwommen. Wir haben sehr viel daran gearbeitet, dass ich den Arm lockerer über Wasser führe und ihn nicht schleudere.

Wie schwer ist Ihnen die Umstellung gefallen - und wie oft fallen Sie noch in alte Muster zurück?

Manchmal mache ich es immer noch falsch, weil das durch jahrelanges Training so drin ist. Die ersten Monate war die Umstellung sehr anstrengend, vor allem für den Kopf. Das waren eigentlich lockere Einheiten, aber ich war mental trotzdem völlig kaputt, da ich mich zwei Stunden absolut konzentrieren musste.

Hat sich das mittlerweile gelegt oder gibt es immer noch Einheiten, wo sie sagen: das war heute gar nix?

Die gibt es immer noch. Es wäre sehr ungewöhnlich, wenn es die nicht gäbe, sonst würden wir an nichts mehr arbeiten und stagnieren.

Woran arbeiten Sie derzeit besonders?

An meiner Atmung. Ich atme manchmal zu spät, liege dann in Seitenlage und warte, bevor ich weiterschwimme. Dieses kurze Warten versuchen wir abzustellen.

Wie sieht Ihr sonstiges Trainingspensum aus. Welche Umfänge schwimmen Sie?

Ich komme auf ungefähr 80 Kilometer in der Woche. Montag bis Freitag sind es täglich eineinhalb Stunden, die wir Kraft- Ausdauer- und Athletiktraining machen. Morgens vor dem schwimmen, absolvieren wir 30 Minuten Aufwärmtraining, wie Schulterstabilisation, Rumpftraining, Beweglichkeit und Sprünge. Und nach jeder Trainingseinheit ist ein bisschen Dehnung und Beweglichkeit angesagt.

Sie studieren nebenbei noch Jura an der Universität Heidelberg. Ruht das Studium während der Olympia-Vorbereitung?

Ich habe im November die vorläufig letzte Klausur geschrieben. Da ich die bestanden habe, bin ich jetzt zu 95 Prozent mit dem Studium durch. Mir fehlen noch ein, zwei Scheine, die werde ich aber vor Tokio nicht mehr angehen. So ein bisschen werde ich sicher nebenbei etwas machen, damit ich auch was für den Kopf habe - es macht mir ja auch Spaß. Das Staatsexamen würde ich gerne im Frühjahr 2022 angehen.

Abschlussfrage: Was muss passieren damit es mit einer Medaille in Tokio klappt?

Das ist schwierig. Da muss alles zusammenpassen.

Interview: Timur Tinç

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