+
Vielen  Franzosen ist die Tour de France geradezu heilig.

Radsport

Tour de France: Die heilige Rundfahrt wird keine Tour der Hoffnung

  • schließen

Die Verschiebung der Tour de France trifft die Veranstalter hart - zumal eine endgültige Absage her wahrscheinlich erscheint. Der Kommentar.

Für die einen ist es nur Spritzensport. Drei Wochen Radfahren. Schöne Bilder im Fernsehen. Und viel Tamtam drumherum. Die Tour de France, mit all ihren Risiken und Nebenwirkungen.

Für die anderen jedoch, vornehmlich jene, die mit einem Pass der Grande Nation ausgestattet sind, ist die große Schleife durch Frankreich viel, viel mehr: eine Frage nationaler Identität, gleichermaßen Kultur- und Erbgut. Die Rundfahrt ist den Franzosen heilig, sie trägt mitunter sogar religiöse Züge. Mehr als zwölf Millionen Menschen pilgern Sommer für Sommer an die Strecke. Die Menschen huldigen ihren Idolen, sie vergöttern die kleinen Männer auf ihren Hightechrädern wie junge Popstars. Die Anstiege hinauf nach Alpe d’Huez, auf den Mont Ventoux, den Galibier oder den Tourmalet - allesamt Pilgerstätten des Radsports. Perfekt inszeniert über Jahrzehnte vom Veranstalter Amaury Sport Organisation (ASO).

Tour de France: Marketinginstrument des Radsports

Die Tour de France ist das Marketinginstrument des Radsports. Sponsoren, Teams und deren Profis - sie alle hängen am Tropf dieses Goldenen Kalbs, das jedes Jahr binnen drei Wochen mehr als 150 Millionen Euro umsetzt.

Auch und gerade deshalb hat sich ASO-Chef Christian Prudhomme so schwer damit getan, den angedachten Start der diesjährigen Prozession des Radsport am 27. Juni in Nizza ob der Corona-Pandemie frühzeitig abzusagen. Es geht also mal wieder ums Geld - und um Ausfallbürgschaften und Versicherungen, die nur greifen, sollte höhere Gewalt im Spiel sein. Unzählige Verträge mit den Start- und Zielorten, aber auch mit internationalen Großkonzernen hätten im Falle einer einseitig ausgesprochenen Absage bedient werden müssen. Dessen war sich Prudhomme natürlich bewusst. Es brauchte also erst das österliche „Non“ aus dem Élysées Palast, Emanuel Macrons Dekret, dass „Veranstaltungen mit großem Publikum frühestens Mitte Juli abgehalten werden“ könnten, bevor der ASO-Boss die Verschiebung des Tourstarts auf den 29. August auch öffentlich verkünden konnte.

Tour de France: Teameigner atmen auf

Die Teameigner und ihre Stars atmen erstmal auf. Es sei „die Nachricht, auf die viele von uns gewartet haben. Ein bisschen Licht am Ende des Tunnels“, twitterte beispielsweise der viermalige Toursieger Christopher Froome.

Aber wer weiß jetzt schon, ob der neue Termin überhaupt zu halten ist? Das Coronavirus orientiert sich nicht an Terminplänen. In viereinhalb Monaten dürfte es - Stand heute - noch keinen Impfstoff geben. Aus derTour de France wird auch deshalb eine Tour der Hoffnung - ein endgültiges Aus für die Auflage 2020 ist gewiss nicht ausgeschlossen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare