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Schon länger in der Fußballfamilie: Klaus Kinkel zwei Reihen vor Bierhoff, Flick, Schweinsteiger, Mustafi und Mertesacker im August 2014 in der Düsseldorfer Arena.

DFB-Ethikkommission

Klaus Kinkel fordert Aufsichtsrat

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Vorsitzender der DFB-Ethikkommission rügt "Interessenkollision durch Ämterhäufung" und spricht Klartext in Richtung der Fifa: "Total konfuse Zustände".

Klaus Kinkel kam verspätet. Der Schnee hatte seine Bahn aufgehalten. Der 81-jährige ehemalige Justiz- und Außenminister ist Vorsitzender der am 1. Januar 2017 neu gegründeten Ethikkommission des Deutschen Fußball-Bundes. Jetzt stellte sich das fünfköpfige Gremium mit seiner zumeist im verborgenen geleisteten Arbeit erstmals vor. Um zu dokumentieren, dass es sich laut Satzung um eine unabhängige Instanz handelt, fand der Termin nicht in der DFB-Zentrale statt, sondern zwei Abschläge entfernt in einem Tagungshotel am Waldrand. 

Kinkel und Kollegen haben sich inzwischen ein noch recht diffuses Bild sowohl vom Weltverband Fifa als auch, deutlich konkreter, vom DFB gemacht. Kaum hatte Kinkel im Frühjahr seinen Antrittsbesuch bei den Kollegen der Fifa-Ethikkommission absolviert, hatte die Fifa die beiden Ethik-Chefs, den deutschen Richter Hans-Joachim Eckert und den Schweizer Cornel Borbely, schon schnöde entlassen. Kinkel rügt „total konfuse Zustände“ beim Weltverband, die er als „unglückselig“ für den Fußball bezeichnet. 

Der Führung des DFB attestiert der FDP-Mann, sie gebe sich „gewaltige Mühe“. Gleichwohl fordert der den Verband auf, seine Kontrollmechanismen zu verbessern. Denn: „Der DFB ist zwar ein Verein, aber in der Praxis ein Unternehmen.“ Kinkel diagnostiziert sowohl eine „Interessenkollision durch Ämterhäufung“ als auch das „Fehlen eines effektiven Aufsichtsorgans“. Die Ethikkommission fordert den Verband deshalb auf, einen „Aufsichtsrat mit unabhängigen Experten“ zu installieren. Gehörigen Druck macht sie dabei aber nicht, Kinkel reicht es vorerst, wenn „Ansätze erkennbar sind, wohin die Reise geht“. 

Der ehemalige Präsident des Bundesnachrichtendienstes (BND) wies ausdrücklich darauf hin, sein Gremium sei, anders als die entsprechende Fifa-Kommission, „nicht polizeilich oder staatsanwaltschaftlich“ unterwegs: „Wir sind nicht befugt, selber Sanktionen zu verhängen.“ Man sehe sich auch als Moderator, um Streitigkeiten beizulegen. Im ersten Jahr seines Bestehens hat die neue DFB-Werte-Instanz 30 Fälle vorgelegt bekommen, zum Teil anonym, wovon 14 abschließend behandelt wurden, in keinem Fall kam es zur Anklage vor dem DFB-Sportgericht, 16 Akten sind noch offen. Unter anderem das von der Initiative „Rettet die Amateurvereine“ vorgetragene Ansinnen, die Finanzströme zwischen DFB und kleinen Klubs im Sinne der Basis zu entwickeln und eine geheime Zusatzvereinbarung mit der Deutschen Fußball-Liga zu streichen. Diese Vereinbarung kostet laut dem Initiator der Initiative, Engelbert Kupka, dem DFB jedes Jahr eine zweistelligen Millionenbetrag. Kupka, Ehrenpräsident des Drittligisten SpVgg. Unterhaching, hatte die Ethikkommission bereits Anfang August schriftlich um Klärung gebeten, ohne dass diese bisher zu einem Urteil gekommen wäre.

Inzwischen haben die Delegierten beim DFB-Bundestag am vorvergangenen Freitag in Frankfurt alle vorher geheimen Zusatzvereinbarungen ohne Gegenstimme angenommen, Kupka wurde in verschiedenen Redebeiträgen wie ein Aussätziger dargestellt und hat sich danach in einem Offenen Brief an den DFB gewandt. Tenor: Der reiche Profifußball habe seine Interessen gegen die Basis durchgesetzt, der DFB habe sich nicht ausreichend für seine Amateure eingesetzt. 

Kinkel berichtete gestern, Kritiker Kupka werde zeitnah zu einem Gespräch mit der Ethikkommission geladen. „Wir müssen uns noch ausführlich mit dem Thema befassen“, dies sei nicht schneller möglich gewesen, weil alle Beteiligten gehört werden müssten, der Fall sei gleichwohl „sehr wichtig“. Vor einigen Wochen habe man sich auf Vorschlag der Deutschen Fußball-Liga mit 20 Amateurklubvertretern getroffen. Fazit: „Die fühlen sich vom DFB und DFL nicht schlecht behandelt.“ Das Meeting dauert fast den ganzen Tag und fand in der DFB-Zentrale statt. Klingt ganz danach, als dürfte der unbequeme Kupka nicht auf besonders große Rückendeckung durch die unabhängige Ethikkommission setzen, deren Arbeit vollumfänglich durch den DFB finanziert wird. In dem Gremium sieht man es schon als Erfolg an, dass die 2016 beim Bundestag in Erfurt den Delegierten nicht vorgestellte Geheimklausel ein Jahr später vorgestellt wurde – freilich keinesfalls aus innerem Antrieb der Top-Funktionäre heraus als vielmehr auf Druck der Medien. 

Gleichfalls über die Medien war auch das zerrüttete Verhältnis unter Schiedsrichtern und deren Führungsleuten bekannt geworden. Die Rede war von Mobbing, Vetternwirtschaft, Manipulation und Spionage. Die Ethikkommission nahm sich der „Schiedsrichter-Kiste“ (Kinkel) auf Bitten des DFB nur ungern an und spürte in den Gesprächen bald, dass es vor allem um persönliche Animositäten und gekränkte Eitelkeiten ging. „Das Gesamtproblem“, so Kinkel, könne eine Ethikkommission nicht lösen, es sei vielmehr Aufgabe des DFB, das Thema organisatorisch anzugehen. „Sportpolitisch muss der DFB deutlich durchgreifen.“ 

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