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Bundesaussenminister Joschka Fischer tänzelt zu seinem Platz vor dem Empfang des spanischen Ministerpräsidenten Jose Maria Aznar im Berliner Bundeskanzleramt am Dienstag, 4. November 2003.

Klasse sehen sie aus!

Balsam für gepeinigte Männer-Seelen und -Körper: Im Schlosshotel Teschow werden müde Karrieristen wieder fit gepäppelt. Golfkurs inklusive.

Von STEPHAN BRÜNJES

Joschka war auch schon hier. Angeblich ohne Bodyguards. Die hätten ihn zwar ins Schloss gelassen, nicht aber in die Beauty-Farm im zweiten Stock. "Viel zu gefährlich", hätten sie gesagt, "ein einziges Sicherheitsrisiko, diese Oberarme", hätten sie entschieden beim Anblick von Arne Völkers Popeye-Muskelpaketen. Doch Joschka, der Unbewachte, hat gleich erkannt: Arne, der Muskelprotz, ist nicht nur harmlos, sondern hilfreich. Und so kam es, dass Physiotherapeut Völker auf Schloss Teschow den Bundesaußenminister mal so richtig durchkneten durfte, von der Furchenstirn bis zur Joggersohle.

Nein, viel erzählt habe der Minister dabei nicht, berichtet Arne Völker, "Herr Fischer wollte nur seine Ruhe". Die hat er auch gleich gefunden in diesem klassizistischen Fünf-Sterne-Haus mitten in der mecklenburgischen Schweiz, 50 Kilometer südöstlich von Rostock, umgeben von 120 Hektar Bilderbuch-Hügellandschaft samt Golfplatz und See. Das Ganze geadelt als Naturschutzgebiet, Landschaftsschutzgebiet und Europäisches Vogelschutzgebiet. Da konnte sich Joschka mal unbeschwert als Grüner fühlen.

Wie er machen es viele Männer, die sich ähnlich gestresst fühlen. Zum Beispiel der Frankfurter Börsenmakler, den Arne Völker gleichfalls in die Finger gekriegt hat. Richtig fertig sei der gewesen, ein typischer Kandidat für eines der Aufpäppel-Programme des Hauses, vom "Business Treatment" über "Men Power" bis zum allumfassenden "Wellfit"-Angebot - Golfen inklusive. Mancher landet dabei erstmal auf Arnes Pritsche. Und macht dort Bekanntschaft mit zweifelhaften Freunden. Teres minor und teres maior zum Beispiel. Zwei Schulter-Muskeln, die eigentlich für reibungslose Oberarm-Bewegungen zuständig sind, aber von Zeit zu Zeit gern mal in den Warnstreik treten. Bis Physiotherapeut Völker durchgreift. So muss sich ein Kuchenteig fühlen, wenn der Bäcker zupackt. Doch nach einer knappen Stunde merkt man: Die Power kehrt zurück. Zunächst als Schwachstrom, aber immerhin: Der von dauernder PC-Arbeit zickig gewordene Trapezius im Nacken ist wieder locker wie ein Gummiband, sein Kumpel erectus spinae an der Wirbelsäule auch - tolles Gefühl, mal wieder lässig und ohne Schiss vorm Hexenschuss durch den Park zu schlendern. Mädels, Augen rechts!

Der Körper ist willig, der Geist vieler gestresster Business-Typen hingegen bleibt noch schwach. Der vom Börsenbroker zum Beispiel. Kaum aus der Beauty-Farm ausgebüxt, hatte er das Handy am Ohr und gestikulierte so wild, dass man für Teres minor und Teres maior das Schlimmste befürchten musste. Dabei ist Abschalten auf Schloss Teschow so einfach. Dafür sorgen zum Beispiel Unterwassermassagen und die "Erlebnisdusche" im Schwimmbad, das Tecaldarium mit seinen wohlig-warmen Ruhebänken oder die Rhassoulbäder mit Kräuterdampf und marokkanischer Tonerde. Und damit fangen die Lockerungs-Übungen erst an.

Klar, dass viele Patienten vor ihrem Besuch auf Teschow unter starkem Gesichtsverlust im Job leiden und deshalb dringend zur Fassaden-Renovierung müssen. Also in die aprilfrischen, mitfühlenden Hände von Manuela Kagel. Sie verpasst Männern eine halbe Stunde lang das, was diese gemeinhin nur dem Lack ihres Autos, nicht aber ihrem Teint gönnen: Zuerst eine Peeling-Abreibung zur Reinigung der Gesichtshaut. Dann wird der Blick durch Wasserdampf vernebelt. Er soll Poren öffnen, damit die Visagistin anschließend hingebungsvoll Mitesser und Milien ausdrücken kann. Durchaus keine Pein, aber zu peinlich für einige Power-Männer. Jovial ziehen sie die Notbremse: "Lassen Sie man, Frau Kagel, die anderen drücke ich selbst aus." Na schön, denkt sich Frau Kagel und lässt Mann und Mitesser unter einer Gesichtsmaske verschwinden, inklusive weißer Wattepads auf den Augen. Der totale Gesichtsverlust, das Stadium finaler Wehrlosigkeit ist erreicht, denkt Mann, begraben unter Jogurt-Kleister. Fühlt sich an wie früher auf dem Schulhof, wenn man von einer Horde Mitschüler mit Schnee eingeseift wurde. Dafür ist die Befreiung von der Maske um so schöner: Manuela Kagel umschmeichelt erst die Business-Sorgenfalten südlich der Geheimratsecken mit einer Gesichtscreme und dann die Mannes-Ohren mit dem einen, dem entscheidenden Satz: "Klasse sehen Sie aus!"

Äußerlich cool, aber mit geballter Boris-Becker-Faust in der Hosentasche federt der nun schon gehörig gepäppelte Mann ins Freie. Jetzt sofort etwas anpacken, und sei es nur den Griff eines Golfschlägers! Anspruchsvoll soll der 18-Loch-Meisterschaftskurs sein, steht im Hotelprospekt. Par 72. Na ja, werden wir ja sehen. Auf den ersten drei Bahnen läuft alles bestens. Doch dann das Drama: Der Abschlag bei Bahn 4 startet wie ein Airbus, wird vom Seitenwind erfasst und schmiert nach rechts ab wie ein Lenkdrachen im Sturm. Genau in diesem Moment ertönt von hinten ein hämisch-wieherndes Geräusch: Es stammt von einem Esel, der die Golfer aus seinem angrenzenden Gehege genau beobachtet.

Nach solchem Frust am besten erstmal gut essen - pardon: gediegen speisen. Aber in welchem der drei fabelhaften Restaurants unterm Schlossdach? Im "Chéz Lisa", dem französischen Gourmet-Lokal? Oder soll's deftige mecklenburgische Küche sein, im Restaurant "Blücher"? Nein, zu unserem Päppel-Programm passt am besten thailändische Küche, rät Hoteldirektor Karsten Urspruch. Leichte Kost, viel frisches Gemüse und das Ganze in der eigens für Mitteleuropäer entschärften Variante. Also ins "Sukhothai" ("Schönes Haus"). Die Namen auf der Speisekarte klingen mal bedrohlich (Nür dead deau) mal ulkig (Po pie gung), aber alles was Miss O. und ihre ebenfalls thailändische Tante zaubern, schmeckt großartig. Fand Joschka übrigens auch. Herr Kutscher hingegen nicht. Der Gast aus Sachsen wollte im "Sukhothai" nichts von Thai-Food wissen und ließ sich eine Kohlroulade kommen. Doch das lässt Alfred Rüßel, Schlossherr und Investor, nur einmal durchgehen. Er machte den zunächst beratungsresistenten Herrn Kutscher erstens zum Stammgast und zweitens zum Thai-Fan.

Nach königlichem Schlaf in fürstlichen Gemächern steht die Besteigung des Frottee-Thrones auf dem Programm. Ein mit Handtüchern ausgeschlagener Hochstuhl, auf dem so mancher Mann nur auf Druck der Gattin Platz nimmt. Zwecks Pediküre. Viele würden ihren großen Onkel mit dem eingewachsenen, gelben Nagel gerne im grauen Socken lassen. Auch angesichts von Zangen, Hobeln und anderen Folterwerkzeugen, die Fußpflegerin Katja Hartmann bereitgelegt hat. Der Blick auf 350 Jahre alte Eichen im Schlosspark und meditative Sitar-Klänge sollen von den Heimwerkerarbeiten ablenken, die Frau Hartmann gut 20 Minuten lang an Hornhaut und Nagelbett vollführt. Das klappt so lange, bis sie den Fräser ansetzt, eine Art elektrische Zahnbürste mit aufgepflanztem Schleifkopf. "Ja", gesteht die Fußpflegerin, "das kitzelt einige Herrschaften so doll, da sind mir schon Füße außer Kontrolle geraten."

Deutlich bedächtiger geht's da schon beim hauseigenen Doc zu. Arnulf Preusler will in seiner Schlosspraxis beim Programmpunkt "Gesundheits-Checkup" wissen, ob der Gast einen gesunden Blutdruck hat und welche psychischen Probleme ihn möglicherweise plagen. Der Internist mit Faible für Naturheilverfahren versucht in solchen Fällen, mit gezieltem "Coaching" zu helfen. Klingt wie lockeres Aufwärmtraining bei Rudi Völler, doch dahinter verbirgt sich eine fundierte Aufarbeitung von Stressursachen. Wenn diese bekannt sind, empfiehlt Dr. Preusler seinen Patienten oft eine radikale Ernährungs-Umstellung, denn er weiß: "Viele Manager essen bei der Arbeit und dazu noch viel zu fett und ungesund." Klar, dass die sich dann wundern, wenn Preusler zu sechs Mal Obst pro Tag rät. Für manche Patienten lässt er von einem schweizerischen Institut komplette Speisepläne erstellen - für 1200 Euro pro Stück. Eines aber gibt Preusler allen Männern am Ende ihrer Wellness-Tage in Teschow mit auf den Weg: Nach drei Tagen ist der Akku wieder aufgeladen. Wer jetzt jedoch im Job weitermacht wie bisher, der powert ihn fix wieder leer und braucht dazu garantiert weniger als drei Tage. Stimmt's, Joschka?

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