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Spielte nicht schlecht, aber auch nicht gut genug, um Serena Williams zu besiegen: Julia Görges.

Tennis

Klaffende Lücke

Erstmals seit 2015 findet die zweite Wimbledon-Woche in den Einzelwettbewerben ohne deutsche Beteiligung statt.

Von einer kollektiven Krise des deutschen Tennis wollten Julia Görges und Jan-Lennard Struff nichts wissen. Zu vielfältig seien die Gründe für das frühe Ausscheiden in Wimbledon, zu groß noch immer das Angebot an Topspielern. Nachdem sich auch die letzten beiden Deutschen am Samstag beim Grand-Slam-Klassiker in London verabschiedet hatten, fiel das Licht jedoch einmal mehr auf ein Kernproblem: In Deutschlands Tenniselite klafft eine Generationenlücke.

Erstmals seit 2015 findet die zweite Wimbledon-Woche ohne deutsche Beteiligung statt, die Schlagzeilen gehören anderen. Die Gründe dafür sind tatsächlich zunächst sehr individuell zu betrachten. Bei Topspieler Alexander Zverev etwa waren sie vorwiegend neben dem Platz, bei Titelverteidigerin Angelique Kerber im Kopf und bei Görges auf der anderen Seite des Netzes zu suchen.

Görges hadert mit Auslosung

Die 30-Jährige war bei ihrer Revanche für das Vorjahreshalbfinale gegen Serena Williams schließlich an einer starken Gegnerin abgeprallt. „Es ist eine Sache des Respekts mir gegenüber, dass sie von Anfang an nahe an ihrer Bestform agiert hat“, fand Görges nach der 3:6, 4:6-Niederlage gegen die 23-malige Grand-Slam-Siegerin: „Das zeigt, dass sie mich Ernst nimmt.“

Mit ihrer Sichtweise, „so nah wie noch nie daran, sie zu knacken“ gewesen zu sein, stand Görges dennoch relativ alleine. Ohne einen einzigen Breakball war sie als letzte von ursprünglich sieben deutschen Tennisspielerinnen in Runde drei ausgeschieden. Und haderte anschließend ein wenig mit der ungünstigen Auslosung. „Ich bin mir sicher, dass ich mit dieser Leistung in einer anderen Hälfte des Tableaus noch dabei wäre“, sagte sie.

Ein wenig Pech hatte auch die letzte deutsche Männerhoffnung Struff. Bei seiner kniffligen Drittrundenpartie gegen den Kasachen Michail Kukuschkin war er gerade drauf und dran eine Aufholjagd zu starten, als auf der Zuschauertribüne eine 60-jährige Frau kollabierte und reanimiert werden musste. Das Match wurde über 70 Minuten unterbrochen, in der Fortsetzung verlor Struff letztlich 3:6, 6:7 (5:7), 6:4, 5:7.

Und so musste auch Struff anschließend analysieren, warum die Deutschen im Jahr nach Kerbers Triumph so früh nur noch Zuschauer sind. „Wir haben in Deutschland immer noch sehr viele gute Tennisspieler“, sagte er zwar. Dass er mit immerhin schon 29 Jahren jedoch die einzige Konstante zwischen dem Routinier Philipp Kohlschreiber (35) und dem strauchelnden Jungstar Zverev (22) sowie Toptalent Rudi Molleker (18) ist, bietet durchaus Anlass zur Sorge.

„Talenten geht es zu gut“

Bei den Frauen ist das Loch, das sich hinter der Erfolgsgeneration um Kerber und Görges auftut, sogar noch eklatanter. Die beim Deutschen Tennis-Bund (DTB) für den Frauenbereich verantwortliche Ex-Fedcup-Chefin Barbara Rittner hatte erst vor Turnierstart wieder mit scharfen Worten kritisiert, dass es „unseren Talenten einfach zu gut“ geht und „eine ganze Generation weggebrochen“ sei.

Zwar beweisen unter anderem Roger Federer, 37 Jahre, und Serena Williams, auch 37, in Wimbledon gerade wieder, dass man auch im hohen Sportleralter noch erfolgreich Tennis spielen kann. Aber das sind eben auch Roger Federer und Serena Williams. In dem vielleicht individuell erklärbaren deutschen Kollektivaus könnte so eben doch ein problematischer Trend liegen. (sid)

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