+
Unterhaltsam und eloquent: Sebastian Kienle.

Ironman

Kienles Klage

  • schließen

Sebastian Kienle geht es auf den Geist, wenn Athleten die Regeln so weit dehnen, dass ihr Übertreten zur Regel wird.

Eines mal vorweg: Würde es bei der Wahl zu Deutschlands Sportler des Jahres nur um Eloquenz und Intelligenz, Wortwitz und Schlagfertigkeit gehen, wäre Sebastian Kienle wohl Anwärter auf ein Dauerabonnement als erster Preisträger. Der Profi-Triathlet hat früher Physik studiert und kann komplizierte Zusammenhänge unterhaltsam wie kaum ein anderer beschreiben. Zudem hat sich der 34-Jährige zu einem kritischen Zeitgeist des Leistungssports entwickelt. Kienle war einst der einzige, der sich vehement gegen den Einstieg des dopingbelasteten Radstars Lance Armstrong in die Ironman-Szene stellte. Kurz bevor der US-Amerikaner in seinem neuen Metier durchstarten konnte – angefangen hatte Armstrong mit Unterstützung des Triathlon-Weltverbandes WTC ja schon – brach sein Lügenkonstrukt zusammen.

Insofern ist bemerkenswert, dass der Hawaii-Sieger von 2014 sich nun vor dem Showdown mit Titelverteidiger Patrick Lange angelegt hat. Der in der „FAZ“ erhobene Vorwurf der Schummelei lautete wörtlich: „Er hat in den vergangenen vier Jahren immer wieder Strafen wegen Windschattenfahrens, Blocking oder Coaching bekommen, auch auf Hawaii. Wenn das ständig passiert, ist es kein Zufall.“ Kienle geht es also auf den Geist, wenn Athleten die Regeln so weit dehnen, dass ihr Übertreten zur Regel wird. Aber ist das bei Lange, der erst fünfmal einen Ironman bestritten hat und viermal davon aus Podium kam, wirklich so?

Der Weltmeister konterte den Vorwurf in Kona äußerlich gelassen. Das sei normales Säbelrasseln. Aber wer den Darmstädter kennt, weiß: Der 32-Jährige ist als Persönlichkeit noch nicht so gefestigt wie sein Konkurrent, der in dieser Saison in der Vorbereitung bewusst ganz vieles anders gemacht hat. Kienle fuhr im Juli bei der Konkurrenzserie Challenge in Roth einen Sieg ein, während Lange beim Ironman Frankfurt nur Dritter wurde. Zum einen ist es ein Versuch, den Rivalen zu verunsichern. Zum anderen passiert es ja nicht zum ersten Mal, dass sich Extremsportler, die sich oft wochen-, ja monatelang in ziemlicher Einsamkeit auf ihre zwei, drei Saisonhöhepunkte vorbereiten, kurz davor verbal angehen.

Weil sie nämlich auch wissen, dass ihre mediale Wahrnehmung nur in diesem Umfeld erfolgt. Selbst der besonnene Timo Bracht, ein tiefsinniger Feingeist und listiger Tüftler, hatte vor zwei Jahren kurz vor seinem Abschied auf Hawaii in der FR eine Spitze gegen Jan Frodeno angebracht, die in der Szene für mächtig Wirbel sorgte. Bracht erklärte, dass ihm die entrückte Performance des Umsteigers von der olympischen Distanz an die Dominanz von Usain Bolt im 100-Meter-Sprint erinnere. Und ihm beim häufig in Girona trainierenden Konkurrenten „Frodo“ einiges spanisch vorkomme – was viele als Dopingverdacht deuteten, den Bracht aber nicht ausgesprochen hatte. Der erboste Champion Frodeno stellte Bracht damals vor Ort zur Rede. Die Eisenmänner haben das unter sich ausgemacht.

Die Geschichte endete vor zwei Jahren so, dass gerade Brachts Sticheleien Frodeno auf der Strecke geholfen haben, die toten Punkte zu überwinden. Motto: Mit den Lästereien bekommt man einen wie mich nicht klein. Insofern ist es eine spannende Frage, ob nun Kienle oder Lange von dem Zwist profitieren. Oder ob es womöglich einen lachenden Dritten gibt, der den streitenden Deutschen eine lange Nase dreht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion