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"Ich lache mich kaputt": Funktionär Amerell streitet sexuelle Belästigung eines Schiedsrichters ab.
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"Ich lache mich kaputt": Funktionär Amerell streitet sexuelle Belästigung eines Schiedsrichters ab.

Treffen in Münchner Hotel

Kempters Aussagen bestätigt

In einem Münchner Hotel bestätigen die Schiedsrichter, die sich Anfang Februar vertraulich an den DFB gewendet haben, die Aussagen Michael Kempters. Der Amerell-Anwalt kündigt daraufhin eine Stellungnahme für Montag an. Von Jan Christian Müller

Von Jan Christian Müller

Der Deutsche Fußball-Bund wird am kommenden Donnerstag mit sechs an diesem Sonntag unterschriebenen Eidesstattlichen Erklärungen in die Anhörung beim Münchner Landgericht im Fall Manfred Amerell/Michael Kempter gehen. Am Sonntag stellten sich neben Kempter vier weitere junge Schiedsrichter in einem Pressegespräch in einem Münchner Hotel und informierten erstmals öffentlich über das, was sie bereits am 10., 11. und 12. Februar in DFB-internen Anhörungen preisgegeben hatten.

Drei der Unparteiischen sagten, sie seien persönlich über einen längeren Zeitraum Opfer von Amerells Annährungsversuchen gewesen, ein weiterer Referee berichtete, er habe beobachtet, wie Amerell sich einem anderen jungen Schiedsrichter näherte. Alle vier waren erst nach der Zusage, ihre Anonymität bleibe gewahrt, bereit, sich am Sonntagnachmittag gegenüber der Frankfurter Rundschau und drei weiteren Medien zu äußern. Einer begründete die Zurückhaltung: "Wir sind Familienväter, wir haben ein Privatleben, das wir schützen wollen."

Amerells Anwalt Jürgen Langer kündigte für Montag eine Stellungnahme an und nannte die neuen Anschuldigungen eine "hilflose mediale Verteidigungsreaktion auf einen bisher noch nicht veröffentlichten skandalösen Vorgang in einem Augsburger Hotel in der Nacht auf Samstag, den 27.02.2010, 00.30 Uhr bis 03.00 Uhr". Der "strafrechtlich relevante Sachverhalt" werde "der Öffentlichkeit detailliert bekanntgegeben". Langer beließ es bei der kryptischen Andeutung.

Die Unparteiischen, die seinen Mandanten belasten, hatten sich vor drei Wochen an den ehemaligen Bundesliga-Schiedsrichter Franz-Xaver Wack gewandt und den Münchner Zahnarzt um Hilfe gebeten. Wack hatte dann nach eigenen Angaben DFB-Präsident Theo Zwanziger kontaktiert. Man kam überein, dass der DFB ein Expertenteam zur Unterstützung der betroffenen Schiedsrichter bildet. Es besteht aus DFB-Justiziar Jörg Englisch, dem Berliner Medienanwalt Christian Schertz und dem Nationalmannschafts-Psychologen Hans-Dieter Hermann. Alle drei waren am Sonntag beim Pressegespräch zugegen.

"System Amerell"

Nach DFB-Darstellung war im Fall Amerell "das Bild der Annährungen überall identisch". Es deute viel auf ein "System Amerell" hin. Wack ließ durchblicken, dass möglicherweise weitere Personen im Fokus stünden. Es könne sich um "ein komplexes Netzwerk" handeln: "Wir wissen selbst nicht, ob wir schon am Ende sind."

Alle Betroffenen schildern eine Mischung aus Bevorteilung, Repressalien und Annäherung, die sie um ihre sportliche und berufliche Karriere fürchten ließ. Sie wollen sich entweder körperlich zur Wehr oder anderweitig ihre Ablehnung von Intimitäten deutlich gemacht haben. Ein Schiedsrichter berichtete, Amerell habe ihm im Vorfeld eines Regeltests Einsicht die Antworten gegeben und dann versucht, zu "Liebkosungen" überzugehen. Ein anderer sagte, Amerell habe sein Leben "in den letzten Jahren so was von kaputt gemacht". Er sei Kempter dankbar, denn: "Mir als No-Name hätte niemand helfen können, weil mir niemand geglaubt hätte."

Wack berichtete, er habe bereits 2005 Verdacht geschöpft und den Vorsitzenden des Schiedsrichter-Ausschusses, Volker Roth, sowie Amerells Ehefrau Margit auf die Möglichkeit des Amtsmissbrauchs hingewiesen. Es sei deshalb schon vor fünf Jahren bei einer Sitzung des Süddeutschen Fußballverbandes "zur Eskalation" gekommen. Die Neigungen Amerells seien "in der Schiedsrichterszene lange bekannt" gewesen, sagte Wack. "Ich habe versucht, als Freund der Familie mit seiner Frau zu sprechen und ihr zu sagen, was sie nicht wissen wollte." Auch Volker Roth habe nicht reagiert und den Verdacht "abgetan".

Als ihm nun das ganze Ausmaß der Affäre gewahr worden sei, habe er umgehend Schritte eingeleitet, sagte der 44-jährige Wack, der seit zweieinhalb Jahren kein offizielles Amt im Schiedsrichterwesen mehr ausfüllt: "Ich war erschüttert. Das Nicht-mehr-Hinsehen und und Nicht-mehr-Hinhören muss ein Ende haben." Einer der vier Schiedsrichter berichtete, Amerell habe sich "seine Lieblinge so geschaffen, wie er es wollte, und wenn man nicht ins Raster gepasst hat, dann konnte man auch sehr schnell weg sein".

Der DFB will mit Eidesstattlichen Erklärungen der Betroffenen am Donnerstag vor Gericht seine Beweisführung untermauern. Anwalt Schertz wird den Verband gemeinsam mit DFB-Justiziar Englisch vertreten. Die Erklärungen seien "absolut freiwillig und unabhängig voneinander" unterschrieben worden. Die Schiedsrichter hätten sich so entschieden, "obwohl sie wissen, dass es eine Einschränkung der Lebensqualität bedeuten könnte".

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