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Unterricht im Fachbereich Humoraltherapie der Heilpraktikerschule Rhein-Main  in Hochheim: Petra Flecken-Bender legt bei einer Patientin Schröpfköpfe  an
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Unterricht im Fachbereich Humoraltherapie der Heilpraktikerschule Rhein-Main in Hochheim: Petra Flecken-Bender legt bei einer Patientin Schröpfköpfe an

Kein Platz für Spirituelles und Guru-Ambitionen

  • VonVolker Schmidt
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An der Heilpraktikerschule Rhein-Main in Hochheim werden erprobte Methoden gelehrt / Dreijährige Ausbildung

HOCHHEIM. Früh krümmt sich, wer als Heiler praktizieren will. Die Schülerin beugt den entblößten Rücken. Ihr Kollege hält ein bedrohliches Gerät in der Hand, mit 33 feinen Nadeln und einer Spiralfeder: ein Dermatibiotikon, auch Lebenswecker oder Hautbeleber genannt. Fast zwei Millimeter tief treibt die Feder die Nadel in die Haut der werdenden Heilpraktikerin. Baunscheidt-Therapie steht auf dem Lehrplan, nach Carl Baunscheidt benannt, der sie im 19. Jahrhundert erfunden hat.

Schröpfköpfe, Blut-egel, Eigenblut und -urin, Aderlass und Baunscheidt gehören zur Humoraltherapie, nach der antiken Lehre von den Humores, den Lebenssäften. Sie ist eine der drei Säulen des Unterrichts im zweiten Lehrjahr der Hessischen Heilpraktikerschule Rhein-Main in Hochheim - mit Diagnostik und Pathologie, also dem Erkennen von Symptomen und der Lehre von den Krankheiten. Im ersten der drei Lehrjahre sind die naturwissenschaftlichen Grundlagen dran und erstes Wissen in Phytotherapie (Heilpflanzen) und manueller Therapie (Massagen), im dritten Jahr kommen die "großen Therapieformen", klassische Homöopathie, traditionelle chinesische Medizin, Psychologie und Psychosomatik, Chiropraktik.

"Die Ausbildung zum Heilpraktiker ist nicht staatlich geregelt", sagt Schulleiterin Theresia Grüning. Ein gutes halbes Dutzend Heilpraktiker-Berufsverbände gibt es in Deutschland, vom Verband Deutscher Heilpraktiker über die Vereinigung Christlicher Heilpraktiker bis zum Verein Freie Heilpraktiker.

Die meisten sind im Dachverband Bund Deutscher Heilpraktiker organisiert, auch der Fachverband Deutscher Heilpraktiker, zu dem die Schule in Hochheim gehört. Sie sichern Standards: "Patienten sollten ihren Heilpraktiker immer fragen, ob er zu einem Verband gehört und wo er gelernt hat", sagt Grüning. Zumal selbst ernannte "Gesundheitsberater" - die Bezeichnung "Heilpraktiker" ist mittlerweile geschützt - halb- bis illegal im weiten Feld der Alternativmedizin wildern. "Sehr spirituelle Dinge, wo man selbst der größte Guru ist, gibt's bei uns nicht", sagt Grüning. Erprobte, alte Methoden lehrt ihre Schule. Im Regal ihres Büros steht Pschyrembels Klinisches Wörterbuch, Standardwerk aller Mediziner, ebenso wie Jacobus Theodorus' zehn Zentimeter breite Leder-Schwarte von 1731, "Das Kräuter-Buch".

Vitrinen mit Arnzeimittelschachteln säumen die Flure: Die Pharmaindustrie hat die Naturmedizin längst entdeckt und "investiert viel Geld, um die Pflanzen irgendwelcher Medizinmänner zu studieren", sagt Grüning.

Etwa 3000 Stunden dauert die Ausbildung. Andere Verbände, andere Schulen bieten andere Modelle an, berufsbegleitend, an Wochenenden, in Abendkursen. In Hochheim ist der Weg zum Heilpraktiker eine Vollzeit-Aufgabe. Viele der Schüler kommen aus Heilhilfsberufen: Krankengymnastinnen, Masseure, Krankenschwestern. Aber auch Studienabbrecher sind dabei oder Leute aus ganz anderen Berufen. Eine abgeschlossene Ausbildung, Mittlere Reife oder Abitur sind Voraussetzung für den Beginn der Studien. Das soll sicher stellen, dass die künftigen Heilpraktiker die nötige Reife mitbringen.

Studierte Mediziner gehen nicht zur Schule. Sie haben andere Fortbildungsmöglichkeiten. Wollte ein Arzt Heilpraktiker werden, müsste er seine Approbation, seine Zulassung als Arzt abgeben - "beides geht nicht", sagt Grüning. Dabei ist die Kluft zwischen Schulmedizinern und Alternativen längst nicht mehr so groß wie zur Zeit der Gründung der Schule vor gut 20 Jahren. Obwohl: Zusammenarbeit zwischen Heilpraktikern und Hausärzten "wäre wünschenswert", formuliert Grüning diplomatisch.

Am Ende der Ausbildung können die Hochheimer Schüler in einer eigenen Lehrpraxis unter Anleitung der Dozenten, die alle zugelassene Heilpraktiker sind, Patienten behandeln. Auch Marketing, Werbung und Praxisgründung stehen auf dem Lehrplan im letzten Jahr. Nach der Abschlussprüfung sind die Absolventen reif für die amtsärztliche Überprüfung. Sie ist Voraussetzung für die Gründung einer eigenen Praxis. Lieber ist es der Schule aber, wenn die Absolventen erst als Assistenten etablierter Praktiker arbeiten: "Sie sind nach ihrem Abschluss keine Meister, aber gute Gesellen", sagt Grüning. Auch die Spezialisierung auf bestimmte heilpraktische Gebiete ergibt sich erst nach der allgemeinen Schulausbildung.

Wer in Hochheim lernt, meint es ernst mit der Berufswahl. Ein bisschen Hildegard von Bingen, ein wenig Bachblüten zum Hausgebrauch holt sich hier niemand ab. Schon deshalb nicht, weil die Ausbildung 295 Euro im Monat kostet; man nehme das mal 36, addiere gut 200 Euro für die Grundausstattung an Literatur und Hilfsmitteln, und die erreichten etwa 11 000 Euro decken immer noch nicht die Kosten, sagt Grüning: "Der Verband fördert die Schule." Auch, damit Klassengrößen von 30, 40 Schülern nicht überschritten werden müssen. Und damit die Schule den werdenden Heilpraktikern einen Teil der Ausstattung zur Verfügung stellen kann: "Den Satz Bachblüten muss sich keiner kaufen."

Die Heilpraktiker-Schule sitzt seit ihrer Gründung in Hochheim, seit zwei Jahren an der Frankfurter Straße. Sie hat etwa 90 Schülerinnen und Schüler, 30 pro Jahrgang, gut 20 Dozentinnen und Dozenten, und sie trägt den Namen ihres Gründers und langjährigen Leiters Erich Ausmeier. Auch dieser Name steht für althergebrachte Naturmedizin, war in seiner Familie die Beschäftigung damit doch schon vor etwa 100 Jahren Tradition: Auch Vater und Großvater Ausmeier waren Heilpraktiker.

Informationen

Vollzeitausbildungen sind in der Hessischen Heilpraktikerschule Rhein- Main in Hochheim möglich

(Tel. 0 61 46 / 71 21). Abend- und Wochendkurse bieten unter anderem die Paracelsus-Schulen in Frankfurt und Mainz (Tel. 0 69 / 91 39 98 01 oder 0 61 31 / 96 16 96) oder die Thalamus-Heilpraktikerschulen in Frankfurt und Mainz ( Tel. 0 69 / 24 24 75 40 oder 0 61 31 / 22 88 86).

Im Dachverband Bund Deutscher Heilpraktiker (Tel. 0 25 81 / 61 55 - 0) sind viele Heilpraktikerverbände organisiert, die nach Postleitzahlen geordnet auch Ausbildungsmöglichkeiten in der jeweiligen Region nennen. Hier können Interessierte auch einen für sie geeigneten Heilpraktiker in ihrer Nähe aufstöbern.

www.bdh-online.de.

FR vom 2.10.2002

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