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Geschlossen vereint: die Nationalmannschaft von Gibraltar.

Gibraltar

Die 54. Kavallerie

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Wie die Nationalmannschaft von Gibraltar das größte Spiel ihrer Geschichte angeht.

Über Geld spricht man nicht. Oder nur sehr ungern. Warum soll das in Gibraltar anders sein, wo sich Wettfirmen und Finanzdienstleister dank niedriger Steuersätze zuhauf niedergelassen haben. Auch Steven Gonzalez, offiziell Communications Manager der Gibraltar Football Association (GFA), inoffiziell Mädchen für alles in einem Verband mit nur acht hauptamtlichen Beschäftigten, macht da keine Ausnahme. Nein, über den Verdienst eines Nationalspielers kann er keine Auskunft erteilen. Ja, aber so viel darf er wohl sagen. „Bei uns wird keiner reich durch den Fußball.“ Selbst wer bei Lincoln Red Imps FC, dem Tabellenführer der höchsten Liga in der britischen Kronkolonie, unter Vertrag steht – und das sind immerhin neun Spieler aus dem aktuellen Aufgebot – erhält eine Aufwandsentschädigung, für die hierzulande die meisten Regionalligaspieler nicht gegen den Ball treten würden. Ein paar Hundert Euro im Monat gibt es, je nach Leistungsstärke und Verhandlungsgeschick zu verdienen. Geboten wird dafür – neben dem berühmten Blick vom Affenfelsen – ein semiprofessioneller Ligabetrieb mit familiärem Charakter.

Und doch findet Gonzalez, wenn er penibel die Kaderliste derjenigen durchforstet, die sich bereits seit Montag in Nürnberg auf das Spiel ihres Lebens am Freitag gegen Deutschland vorbereiten, einige Namen, die sich in die Kategorie „Professionals“ (Profis) stecken lassen. Dazu gehört Mittelfeldakteur Liam Walker, der vor zwei Jahren mal für den in der dritten Liga gestrandeten FC Portsmouth antrat. Ein Profi ist auch der Abwehrhüne David Artell, der aus dem englischen Rotherham stammt und jetzt mit bald 34 Jahren in der walisischen Liga für Bala Town aufräumt. Einen ähnlichen Hintergrund hat Allrounder Jake Gosling, der in Oxford geboren wurde und inzwischen nach einer Odyssee bei den Bristol Rovers in der fünfthöchsten englischen Liga gelandet ist.

Muss man sich diese Namen merken? Eher nicht. Ob diese Nobodys den Weltmeister überraschen können? Ganz sicher nicht.

„Wir werden unser Bestes geben“, verspricht Nationaltrainer Allen Bula. In der fußballverrückten Heimat, in der vor allem die ältere Generation unter den 29 000 Einwohnern mit Traditionsklubs wie Wolverhampton oder Fulham mitfiebert, die jungen Leute aber zu Manchester oder Chelsea halten, hat sich bereits Kritik geregt, weil man gegen Polen (0:7), in Irland (0:7) und gegen Georgien (0:3) chancenlos war. „Meine Auswahl an Spielern ist begrenzt“, entgegnet Bula, der seine Elite aus 22 Vereinen mit 600 männlichen Aktiven auswählt, die sich auf drei Divisionen und 6,5 Quadratkilometer Land verteilen. Sein Nachteil: Das Niveau ist trotz aller Fortschritte durch zunehmend spanische Einflüsse überschaubar. Sein Vorteil: Alle Partien finden unweit seines Wohnortes im Victoria Stadium statt, auf dessen Kunstrasen speziell am Wochenende von früh morgens bis spät abends gefightet wird. Für Länderspiele ist die putzige Spielstätte nicht tauglich, weshalb auch zum Rückspiel gegen Deutschland ins portugiesische Faro ausgewichen werden muss.

Heimatverbundende Typen wie Kyle Casciaro, der nicht nur das sagenhafte 1:0 zum einzigen Länderspielsieg gegen Malta schoss, sondern mit seiner Verwandtschaft so etwas wie das Rückgrat des Nationalteams bildet, fiebern schon dem Tag entgegen, wenn das geplante neue Stadion am Europapoint fertig sein wird. Dass diese Bande von Feierabendkickern – im Tor steht mit Jordan Perez tatsächlich ein Feuerwehrmann – die großen Nationen herausfordern darf, verdankt sie in erster Linie den Richtern beim Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne.

Zwar ist die 1895 gegründete GFA einer der ältesten Verbände der Welt und beantragte bereits 1997 eine Mitgliedschaft beim Weltverband Fifa, doch mehr als ein Jahrzehnt wurden alle Anstrengungen abgeblockt, jenen Status zu erlangen, der beispielsweise England, Schottland, Wales, Nordirland oder den (dänischen) Färöer zugestanden wurde. Vor allem Spanien stemmte sich gegen die Eigenständigkeit einer Fußball-Nation Gibraltar – der einzige Nachbar erhebt seit jeher Gebietsansprüche auf das prosperierende Gebiet an der berühmten Meerenge und fürchtete zudem einen Präzedenzfall für Katalonien und das Baskenland.

Nach dem CAS-Urteil kam die Uefa indes gar nicht umhin, im Mai vergangenen Jahres beim Kongress in London den kämpferischen Fußball-Gnom am südlichsten Zipfel der iberischen Halbinsel als 54. Mitglied aufzunehmen. Trotzig nennen sich die Anhänger von Gibraltar nun „The 54th Cavalry“, die 54. Kavallerie. Der Streit um Anerkennung ist dabei längst nicht beendet, denn die Fifa wird nun auf dieselbe Weise verklagt. „Schon das CAS-Verfahren gegen die Uefa kostete uns viel Zeit und eine Million Pfund. Das Geld hätten wir gut in die Jugendarbeit oder ein neues Stadion stecken können“, sagte GFA-Präsident Desmond Reoch jetzt in einem „Kicker“-Interview. Und fügte verärgert an: „Es ist nicht zu fassen, dass die Uefa uns nun akzeptiert, aber die Fifa nicht.“

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