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Konnte sich sich nicht für den ersten Durchlauf qualifizieren: Noriaki Kasai.

Vierschanzentournee

Kasai verpasst den Absprung

Skisprung-Legende Noriaki Kasai ist beim Tournee-Auftakt nur Zuschauer. Auch für den 46-Jährigen scheint die Zeit auf den Schanzen der Welt dem Ende entgegen zu gehen.

Noriaki Kasai lächelte müde ins Publikum, 15 000 Oberstdorfer Fans feierten ihren Liebling wie den frischgebackenen Vierschanzentournee-Sieger. Dabei war die lebende Skisprung-Legende gerade recht kläglich in der Qualifikation für das Auftaktspringen ausgeschieden und hatte dabei im wahrsten Sinne des Wortes alt ausgesehen. Die traurige Wahrheit: Auch der „ewige“ Nori hat ein Ablaufdatum.

„Ich bin trotzdem froh, hierher gekommen zu sein. Die Tournee ist mein Lieblingswettkampf“, sagte Kasai artig und beantworte geduldig die Fragen eines guten Dutzends japanischer Journalisten. Jene, die den 46-Jährigen über so viele Winter kreuz und quer durch Europa begleitet haben, sind mittlerweile auf den jungen Überflieger Ryoyu Kobayashi als Hauptsujet festgelegt. Was Kasai in seiner 30. Weltcup-Saison zu sagen hat, wird zwar immer noch eifrig notiert – die sportliche Relevanz geht dem Senior aber zunehmend ab.

„Ich wollte die Bühne hier genießen, habe mich eigentlich auch gut gefühlt“, sagte Kasai, der am Samstag genau 29 Jahre und zwei Tage nach seinem ersten Tourneespringen (Platz 26 in Oberstdorf 1989) nur 53. von 66 gewerteten Startern wurde und um knapp zwei Meter den Einzug ins Hauptfeld am Sonntag verpasste: „Irgendwie war ich aber beim Sprung spät dran.“

Es mehren sich die Stimmen, die anführen, dass Kasai generell zu spät dran, zu spät noch dabei sei. Dass er, der so lange die biologische Uhr anhalten konnte, nun den Keulenschlag der Zeit umso heftiger spürt. Die Knie sind malade, die Athletik ist die eines, nun ja, Mittvierzigers.

„Er kommt an Grenzen“, sagte Martin Schmitt der FAZ. Der Schwarzwälder, fünfeinhalb Jahre jünger als Kasai, hatte mit 36 gerade noch so den Absprung geschafft, bevor es richtig schlimm wurde. Kasai, so Schmitt, „sieht nach wie vor etwas in diesem Sport. Er geht seiner Arbeit nach.“

In Japans Team, in dem der langjährige Alleinunterhalter derzeit nur noch die Nummer fünf oder sechs ist, lassen sie ihn arbeiten. Noch. Denn der Leistungsabfall ist dramatisch. Mit 42 war Kasai noch Weltcupsieger, mit 46 reichte es in der laufenden Saison nur noch zu einem mickrigen Pünktchen (Platz 30 in Engelberg).

Fast schon trotzig sagt Kasai, er denke „immer noch, zehn Jahre weiterzuspringen“. Er hofft auf das zweite Tourneespringen in Garmisch-Partenkirchen (Qualifikation an Silvester, Entscheidung an Neujahr), wo er 1993 und 2001 gewann, wo er aber schon im Vorjahr in der Qualifikation scheiterte.

Irgendwann, vielleicht schon in diesem Winter, werden aber auch die Japaner an einen Punkt kommen, an dem sie ihrer Ikone schonend beibringen müssen, dass es nicht mehr reicht. Noch hat Kasai es in der Hand, den richtigen Zeitpunkt selbst zu erwischen. Es wäre ein Jammer, wenn dieser große Skispringer irgendwann zu einem schieren Maskottchen, einem fernöstlichen „Eddie the Eagle“ werden würde. (sid)

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