Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Auf der Suche nach Wertschätzung: Jupp Heynckes.
+
Auf der Suche nach Wertschätzung: Jupp Heynckes.

FC Bayern Juventus Turin

Jupp Heynckes - Mit väterlicher Strenge

Jupp Heynckes hat den FC Bayern nicht nur zum frühesten Meistertitel der Bundesligageschichte geführt. Mit dem noch möglichen Gewinn von DFB-Pokal und Champions League ist er am Ende seiner Laufbahn dabei, sein Lebenswerk zu krönen.

Von Maik Rosner

Jupp Heynckes befindet sich längst wieder in jenem Rhythmus, der sein Fußballleben bestimmt. Dienstreise, diesmal Turin. Das nächste Spiel steht für den FC Bayern am Mittwochabend an, das Rückspiel im Viertelfinale der Champions League beim italienischen Meister Juventus. Der gerade gewonnene Meistertitel? Schön. Aber zum Genießen bleibt keine Zeit.

Weiter geht es also im Takt seiner ewigen Agenda: Training, Reisen, Pressekonferenzen. Dazwischen Mannschaftsbesprechungen, das Gefüge austarieren, Aufstellungen austüfteln, den mächtigen Einflüsterern im Verein Gehör schenken. Bei Spielen situativ reagieren, davor und danach Interviews geben. Training, Reisen Pressekonferenzen. Immer wieder von vorne. Und all das fast immer unter Beobachtung der strengen Öffentlichkeit. Sein Job sei „der zweithärteste nach Bundeskanzler“, hat der Trainer einmal gesagt. Es war wohl als Scherz gemeint. Vielleicht aber auch nicht.

Das, was im Sport gemeinhin als Druck bezeichnet wird, ist sein ständiger Begleiter. Und beim FC Bayern ist der Druck besonders groß. Er gehört zu seinem Alltag wie das Aufstehen und das Zubettgehen. Man kann das als unerträgliche Last empfinden, als Hamsterrad. Manche sind damit überfordert, suchen Ventile und spüren bestenfalls irgendwann, dass sie den Mechanismen der Branche nicht gewachsen sind oder es nicht mehr sein wollen. Dann nehmen sie sich eine Auszeit, oft auch unfreiwillig.

Jupp Heynckes ist seit 1965 im Geschäft. Und er versucht sich immer weiterzuentwickeln, noch korrekter, akribischer und besser zu arbeiten, um die Ziele seines Vereins zu erreichen. Am Ende dieser Saison wird er 1?011 Bundesligapartien als Spieler und Trainer erlebt haben. Hinzu kommen 302 in Spanien und Portugal, 39 für die Nationalelf und bisher 157 im Europacup. Und das sind längst nicht alle. Der Takt des Fußballs bestimmt den Rhythmus seines Lebens. Gewonnen hat er dabei alle großen Titel: WM, EM, Champions League, Uefa-Cup, Meister, Pokalsieger, manche von ihnen mehrfach. Aber wer er ist, gibt er nur selten genau zu erkennen. Er hat gelernt zu funktionieren. Dem ordnet er alles unter.

Im Modus absoluter Konzentration

Vor dem Hinspiel gegen Turin hatte sich der Fußballlehrer an einem Bonmot versucht. Er sei mit der alten Dame Juve abends ins Bett gegangen und morgens wieder mit ihr aufgestanden, sagte Heynckes über seine Vorbereitung auf das Spiel. Er meinte das durchaus ernst. Seine Aufgabe beim FC Bayern bestimmt sein Leben. Misserfolge und verpasste Titel sind im Selbstverständnis der Münchner nicht vorgesehen. Sie wollen jetzt auch noch die Champions League gewinnen, den DFB-Pokal natürlich ebenso. Das ist Heynckes’ Auftrag. Und er will ihn erfüllen. Er muss ihn erfüllen. Es bleibt ihm gar nichts anderes übrig.

Heynckes hat längst wieder in den Modus absoluter Konzentration geschaltet. Er weiß, dass ein Ausscheiden gegen Juventus kaum zu verschmerzen wäre. Nicht in dieser bemerkenswerten Saison der Rekorde, nicht nach dem im Eiltempo erreichten Meistertitel, dem 23. des Vereins. Bereits nach dem 28. Spieltag, so früh, wie das noch keiner Mannschaft zuvor in fünfzig Jahren Bundesligageschichte gelungen war. Zu verschmerzen wäre ein Ausscheiden jetzt auch kaum, nicht nach dem überzeugenden 2:0 im Hinspiel gegen Turin vor acht Tagen. Und schon gar nicht nach der Vorsaison, als die Münchner dreimal Zweiter wurden und dabei im Finale der Champions League gegen Chelsea ihre Niederlage als geradezu episches Scheitern ertragen mussten.

„Wir waren ein paar Tage wie gelähmt“, erinnert sich Präsident Uli Hoeneß, der sich nach dem Drama in der eigenen Arena benommen in den Armen seiner Frau Susi trösten ließ. Heynckes stand damals unten auf dem Rasen, er rang nach Fassung, ihn tröstete niemand. Dafür versuchte er, seine Spieler aufzurichten. Er stellte sich auch in dieser bitteren Stunde seiner Aufgabe, ohne dabei einen Einblick in sein eigenes Innenleben zu gewähren.

Man habe aus der Vorsaison die richtigen Schlüsse gezogen, sagt Hoeneß. Die Münchner haben nicht allein den Mannschaftskader verstärkt und Matthias Sammer als Antreiber gewonnen. Sie haben auch an Heynckes festgehalten. Vor 22 Jahren hatte Hoeneß seinen Freund in München entlassen, weil die Erfolge ausblieben. Das sei sein schwerster Fehler gewesen, hat der Präsident einmal gesagt.

Ersatz für Klinsmann

Viel später, im Jahr 2009, half ihm Heynckes trotzdem in der Not. Das Experiment mit Jürgen Klinsmann als Trainer war gerade grandios gescheitert. Jupp Heynckes sprang für die letzten fünf Spiele ein, obwohl er sich zu dieser Zeit schon aus dem Fußball zurückgezogen hatte. Morddrohungen soll er als Trainer bei seinem Heimatverein Borussia Mönchengladbach erhalten haben, dem er als Stürmer einst zu etlichen Titeln verholfen hatte. Damit war für ihn die Grenze des Erträglichen überschritten. Er blieb sich dennoch treu: Den Dienstwagen stellte er am Morgen nach dem Rücktritt vollgetankt und gewaschen beim Verein ab.

Vor zwei Jahren half Heynckes erneut, nach dem Machtkampf zwischen Louis van Gaal und Hoeneß. Heynckes übernahm zum dritten Mal das Traineramt in München und befriedete mit seiner sachlichen Art den aufgewühlten Verein. Dann durchlitten sie die Saison der Enttäuschungen samt des verlorenen Finales in der Champions League.

Dass die Spieler seinen alten Kumpel nach dem 1:0 gegen Eintracht Frankfurt und dem früh gewonnenen Meistertitel hochleben ließen, ging auch Hoeneß nahe. „Für ihn freue ich mich wahnsinnig. Er hat den Hauptanteil, dass wir dieses Jahr so eine riesige Saison spielen“, sagte der Bayern-Präsident. Jupp Heynckes trug bei der Pressekonferenz nach dem Spiel seine Spielanalyse vor, ruhig, fair, sachlich, so wie immer. Manchmal scheint ihn der Rhythmus seines Lebens gefangen zu nehmen. Aber dann gab es doch noch diese kleinen Moment, in denen er kurz loslassen konnte.

„Ich gönne keinem mehr die Meisterschaft als Jupp, weil ich ihn als Trainer und auch als Mensch kennengelernt habe und er für mich ein großes Vorbild ist“, sagte der Frankfurter Kollege Armin Veh. Heynckes wirkte kurz berührt. Anerkennung und Respekt vor seiner Lebensleistung habe er sich „schon lange abgeschminkt“, sagte er einmal. Normalerweise streichelt er die Seelen anderer, er stellt sich in den Dienst der Sache und versucht dabei menschlich zu bleiben, bei aller nötigen Konsequenz. „Wenn er irgendwelche Schwingungen sieht, steuert er dagegen. Dann gibt es auch mal einen Anpfiff“, sagt Thomas Müller. Mit dieser Art von väterlicher Strenge moderiert Heynckes die Mannschaft der Bayern mit all ihren Nationalspielern, von denen einige oft mit der Bank vorliebnehmen müssen.

Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies

Wertschätzung, das ist für ihn ein großes Thema. Am 9. Mai 1945, dem Morgen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, kam er in Mönchengladbach zur Welt, als eines von zehn Kindern. Er hat sich hochgearbeitet, zu Beginn kickte bei der Borussia für 160 D-Mark im Monat. „Wir haben zum Spaß gespielt. Das war traumhaft, das war die schönste Zeit“, sagt Heynckes. Aus diesen Worten klingt die Sehnsucht nach einem verlorenen Paradies. Nach einer Erfüllung, die ihm der Profifußball von heute so nicht mehr geben kann. Und doch scheint er immer danach auf der Suche zu sein.

Er könne auf eine „sehr erfolgreiche Zeit zurückblicken, aber auch auf manche Enttäuschungen, sportliche und menschliche“, sagt Heynckes. Auf jenes Jahr 1998 zum Beispiel, als er mit Real Madrid die Champions League gewann und dennoch gehen musste. Oder auf sein Engagement beim FC Schalke 04, als ihn der damalige Manager Rudi Assauer mit den Worten herabwürdigte: „Der Jupp ist ein Fußballer der alten Schule, aber wir haben 2004.“ Oder zuletzt, als ihm der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge in einem Interview beiläufig einen Beiratsposten bei den Bayern in Aussicht stellte. Heynckes lehnte barsch ab. Er wisse nichts davon. „Nach fünfzig Jahren als Spieler und Trainer werde ich kein Funktionär. Das ist nicht meine Welt.“ Es klang beinahe spöttisch, als er anmerkte, „vor allem nicht, wenn ich es aus den Medien erfahre. Dann sowieso nicht.“

Es ist etwas hängen geblieben aus diesem Winter, als die Bayern hinter seinem Rücken den Erfolgstrainer Pep Guardiola verpflichteten und im Januar bekanntgaben, dass der Spanier Heynckes im Sommer nicht nur ablösen, sondern dieser dann auch in Rente gehen werde. Heynckes hätte gerne noch weitergemacht und vor allem seinen Abschied selbst verkündet. Aufs Altenteil abschieben lassen, so hat sich das für ihn jedenfalls angefühlt, wollte er sich schon gleich gar nicht.

Bilder von Jupp Heynckes sind im Fernsehen jetzt immer öfter zu sehen. Das Hamsterrad Profifußball, in dem er sich bewegt, dreht sich zum Ende der Saison hin immer schneller. Meisterschaft, Champions League, Pokal. Im durchgestylten Unterhaltungsbetrieb Fußball wirkt der ergraute Herr mit seiner manchmal etwas zu gesunden Gesichtsfarbe oft ein wenig steif. Manche empfinden ihn dann erst recht als aus der Zeit gefallen.

In einem Monat wird Heynckes seinen 68. Geburtstag begehen, er ist mit Abstand der älteste Meistertrainer der Bundesligageschichte. Torwart Manuel Neuer hat gerade gescherzt, die Spieler seien heilfroh, dass dem Trainer nichts passiert ist, als sie ihn in Frankfurt in die Luft geworfen haben. Zwischendurch wurde in München mal getuschelt, die Profis würden Heynckes belächeln. Am Samstag bei der kleinen Meisterfeier nach dem Schlusspfiff, als alle gemeinsam über den Rasen hüpften, sagten die Bilder etwas anderes: Dass sie ihn nicht nur als Trainer schätzen, sondern auch als Mensch.

Ein bisschen Beleidigtsein

Nun, am Ende seiner Laufbahn, könnte Jupp Heynckes sein sportliches Werk krönen. Gewinnen die Bayern nach der Meisterschaft auch die Champions League und den Pokal, könnte Heynckes vielleicht doch noch zuteil werden, worauf er immer gewartet hat: die echte Wertschätzung jener, denen er immer gedient hat. So sieht er das jedenfalls.

In einem der seltenen Momente, in denen er sich zu erkennen gibt, brachte er das einmal zum Ausdruck. Es war zu Saisonbeginn im Trainingslager am Gardasee. Heynckes hatte gerade eine einigermaßen erregte Grundsatzrede gehalten. Dann sagte er vor laufenden Kameras: „Ich glaube, dass Sie mich zu wenig kennen. Es mag sein, das liegt sicher auch an mir. Ich bin sicher nicht der Verkäufer meiner selbst.“ Er zuckte mit den Schultern. „Das bin ich nie in meinem ganzen Leben gewesen. Aber was ich gemacht habe: Dass ich hundert Prozent für die jeweiligen Klubs gegeben habe. Und darüber hinaus.“ Ein bisschen Beleidigtsein schwingt bei ihm immer mal wieder mit. Vielleicht erschwert das anderen, ihm zu geben, wonach er verlangt. Vielleicht ist er aber auch tatsächlich der ewig Unterschätzte.

Ob er im Sommer auf seinen Bauernhof am Niederrhein zurückkehren und die Zeit mit seiner Frau Iris und dem Obstgarten genießen wird? Heynckes will seine Pläne nach dem Saisonende verkünden. Der Umgang mit den Spielern halte ihn jung, hat er zuletzt gesagt. Man ahnt, dass ihm der Abschied vom Rhythmus seines Lebens sehr schwer fallen wird.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare