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Hat First Romance im Griff: Dorothee Schneider.

Junger Wilder mit Witz

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Dressurspezialistin Dorothee Schneider vertraut in Frankfurt auf ihren athletischen Wallach.

Dorothee Schneider hatte das Unheil kommen sehen. Als die Mannschafts-Weltmeisterin mit ihrem achtjährigen Wallach First Romance zur Einlaufprüfung des Burgpokals am Donnerstagmorgen in die noch spärlich besuchte Frankfurter Festhalle einritt, hatte sich gerade eine Kindergruppe am Eingang versammelt. Die erfahrene Pferdesportlerin ahnte: Das bedeutet Lärm. Darin wurde sie bestätigt. Lange hielt sich der Vierbeiner unterm Sattel der Dressurspezialistin wacker, doch seine Anspannung wuchs von Lektion zu Lektion. Kurz vor dem Ende der Prüfung war es dann so weit, Schneider musste den jungen Wilden nach dem starken Galopp durchparieren und kräftig abbremsen, um den Übergang in die Wechsel zu schaffen. „Das war ein teurer Fehler“, erklärte die erfahrene Ausbilderin.

Enttäuscht über den daraus resultierenden zweiten Platz bei dieser allerersten Entscheidung des Traditionsturniers hinter Kira Wulferding auf Brianna war die Team-Olympiasiegerin nicht. Ernst wird es in der inoffiziellen deutschen Meisterschaft der sieben- bis neunjährigen Bewegungstalente erst im Finale am Samstag. Zudem gehören derartige Erfahrungen zum Alltag, will man den tierischen Nachwuchs Schritt für Schritt auf Spitzenniveau bringen.

First Romance verfügt über das nötige Rüstzeug dazu, betont die 49-jährige Pferdesportlerin. Viel Präsenz und Athletik zeichne ihn aus. Aber eben auch Witz, der den seit vier Jahren in ihrem Framersheimer Stall heimisch gewordenen Wallach auf überraschende Ideen bringe. Genau dieser individuelle Umgang mit den verschiedensten Charakteren macht für die Gestütsleiterin den Reiz ihrer täglichen Arbeit aus. Jeden Tag aufs Neue in jedes einzelne Pferd hineinfühlen und merken, was man gerade abverlangen kann.

Als besonders fleißig galt die gebürtige Wiesbadenerin, die für den Frankfurter Turnierstall Schwarz-Gelb startet, schon immer. Doch erst seit etwa sieben Jahren kommt sie bei der Ernte an die besonders dicken Früchte heran. Olympiagold und -silber mit der deutschen Equipe in Rio und London sowie in der gleichen Formation Welt- und Europameistertitel stellen die Höhepunkte ihrer Karriere dar. Auch in Richtung Tokio 2020 ist Schneider bestens unterwegs, steht mit drei Pferden, Sammy Davis jr., Showtime und Faustus, auch 2019 wieder im Championatskader. Kürzlich kam eine Premiere dazu: Erstmals führt Schneider die deutsche Rangliste an, hat die scheinbar unschlagbare Doppel-Weltmeisterin Isabell Werth auf den zweiten Platz verwiesen, nachdem die Rheinbergerin mehr als ein Jahrzehnt lang die Spitzenposition innehatte. Einer der Gründe dafür ist, dass die Rheinland-Pfälzerin in der abgelaufenen Saison, die im Reitsport am 1. Oktober beginnt und am 30. September endet, fast doppelt so viele Platzierungen feiern konnte wie die gleichaltrige Einzel-Olympiasiegerin.

Keine Zeit für die USA

Die neue Top-Athletin macht das stolz, sie wertet dies als Bestätigung ihres Engagements und der Qualität der täglichen Arbeit, von der sie nicht genug bekommt. Allein in Frankfurt ist Schneider wieder mit drei Pferden am Start: neben First Romance stellt sie noch die neunjährige Hannoveraner-Stute Lionella im Burgpokal vor. Zudem ist die zehnjährige Pathétique in der Großen Tour gemeldet. „Eigentlich wollte ich mich mit ihr für den Louisdor-Preis qualifizieren“, doch für die Nachwuchstour hatte die WM-Teilnehmerin wegen der Reise zu den Reiterspielen im September in die USA keine Zeit.

So wird sich ihre charmante Pferdedame erst zum zweiten Mal nach einem Auftritt in Dänemark mit den Großen messen dürfen, darunter außer Werth auch Kristina Bröring-Sprehe, die erstmals nach dessen langer Verletzungspause ihr Olympia-Goldpferd Desperados in der Messestadt sattelt.

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