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Die Welle surfen: Johannes Laing vor San Diego. 

Weltmeisterschaft im Adaptive Surfing

Der junge Mann und das Meer

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Ganz nah dran: Wie das Wellenreiten dem in San Diego aufgewachsenen und in Stuttgart schwer verunglückten Mainzer Johannes Laing in sein zweites Leben geholfen hat.

Es war ein schöner Abend an diesem 8. Mai 2014 in Stuttgart. Johannes Laing, damals 29, hatte einen erfolgreichen Arbeitstag absolviert und traf sich entsprechend bestgelaunt mit seinen Freunden. Sie zogen raus vor die Tore der Stadt, und irgendwann hatte Johannes die Idee, den Baum dort vorn hochzuklettern. Prompt kletterte er auf die Schultern eines Kumpels. Es war ein bisschen verwegen, das schon, aber das Risiko schien überschaubar. Und dann rutschte er irgendwie ab, bekam die Hände nicht mehr zeitig vor den Kopf und fiel ungeschützt auf den harten Kies. „Ich habe es im Genick knacken gehört und wusste sofort, was los war.“

Bruch der Wirbelsäule zwischen dem fünften und sechsten Halswirbel. Verletzung des Rückenmarks, ein sogenannter inkompletter Querschnitt. „Ich habe meinen Freunden direkt gesagt, dass sie mich so liegenlassen sollen, einer hat mir das Handy ans Ohr gehalten, so dass ich selbst mit dem notärztlichen Dienst telefonieren konnte.“ Binnen einer Stunde wurde der Umwelttechniker operiert, sieben Stunden lang dauerte der Eingriff, ein halbes Jahr lang lag er danach im Krankenhaus, die ersten drei Monate praktisch bewegungsunfähig.

Fast sechs Jahre später sitzt Johannes Laing im Mainzer „Salon 3Sein“, einer geräumigen Café-Bar in der Mainzer City, trinkt einen frischen Pfefferminztee und lächelt breit. Er hat nicht nur Ähnlichkeit mit dem Profifußballer Mats Hummels, er erinnert an den ehemaligen Nationalspieler auch in seiner Gestik, Wortwahl und dem hohen Tempo, in dem er spricht. Den „Salon 3Sein“ hat er zum Treffen vorgeschlagen, weil dort viel Platz ist, um mit dem Rollstuhl reinzukommen. Das gibt es selten, nicht nur in Mainz, wo er seit drei Jahren mit seiner Freundin, einer Medizinstudentin, lebt.

Der Umzug von Stuttgart nach Mainz war eine Art Neuanfang für den begeisterten Sportler Laing. „Wenn der Operateur nicht so gut gewesen wäre, könnte ich jetzt nicht so rumzappeln.“ Er bewegt beide Arme und ein bisschen auch die Beine. „Der hat so gute Arbeit geleistet, dass ich Funktionen zurückgewonnen habe, die bei der Art von Verletzung eigentlich nicht drin sind.“ Sogar selbständiges Autofahren ist möglich, die Kraft in Füße und Händen lässt das zu. „Seit ich aufgehört habe, die ganze Geschichte persönlich zu nehmen, macht es mir sogar Spaß, Dinge neu zu denken und besondere Lösungswege für alltägliche Probleme zu finden.“ Er steckt jetzt schon fast mittendrin in seinem zweiten Leben.

Um die Wette mit der Sonne lachen: Johannes Laing.

Zum zweiten Leben des Johannes Laing gehört vor allem das Wellenreiten, und zum Wellenreiten gehört ein Brett. Laing hat in der Community für Aufsehen gesorgt mit seiner Erfindung eines selbstgebauten Board-Gepäckträgers für den Rolli. Ein gutes Beispiel für so eine Lösung eines alltäglichen Problems.

Im Dezember 2018 hat er für den Deutschen Wellenreitverband erstmals an der Weltmeisterschaft teilgenommen, und auch für diesen März sind die Flugtickets nach San Diego schon gebucht, vor Ort wartet der erfahrene Coach Frederik Spiess zur Unterstützung. Über die Plattform gofundme.com/f/im-rollstuhl-zur-wellenreiterwm-2020 hat Laing gemeinsam mit Eva Lischka aus Starnberg schon mehr als 3000 Euro und damit fast das nötige Geld durch Spenden zusammenbekommen, um den Trip zu finanzieren. Wenn Wellenreiten 2024 paralympisch werden sollte, will er dabei sein.

Die WM im sogenannten „Adaptive Surfing“ in San Diego ist für ihn auch eine Rückkehr. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr ist Laing in der kalifornischen Küstenstadt aufgewachsen, sein Vater war beruflich dort hinversetzt worden. „Ich liebe das Meer und war als Kind gefühlt ständig am Bodysurfen und Boogieboarden. Als ich Anfang 20 war, habe ich bei einem Trip an den Atlantik dann das Surfen angefangen.“

Und dann kam dieser Tag im Mai. „Ich bin morgens wie immer aus meiner Wohnung spaziert und ein halbes Jahr nicht wieder gekommen.“ Laing musste einfachste Dinge neu lernen, etwa, wie er sich vom Bauch auf den Rücken dreht. Vieles ging gar nicht mehr oder nur noch eingeschränkt. Das geliebte Gitarrespielen zum Beispiel, denn von einer Querschnittslähmung sind auch die Hände betroffen. Was ihm auch das Surfen erschwert. „Ich liege auf dem Brett, habe aufgrund des Querschnitts aber nur einen sehr schwachen Trizeps und eine schlechte Handfunktion, paddle quasi mit einer Faust und kann die Arme nicht ganz durchziehen.“

Auch das musste der 34-Jährige erst mal wieder hinkriegen. Eigentlich hatte er sich das gar nicht zugetraut. Er erinnert sich noch gut an den Morgen auf Hawaii, als er dort vor vier Jahren seine die Welt umsegelnden Eltern besuchte. „Ich saß da zwei Wochen auf dem Boot, hab diese schönen warmen Wellen brechen sehen, eine perfekter als die andere, und mir das Hirn zermartert, wie ich es schaffen könnte, wieder zu surfen.“

Irgendwann sah er vor Rockpiles einen Typen im Rolli, der offenbar gerade vom Surfen aus der Brandung gekommen war. „Ich bin sofort zu ihm hin und hab ihn mit den ganzen Fragen zugeknallt, die ich mir die ganze Zeit gestellt hatte. Seine Antwort war nur: ,Ich könnte dir jetzt viel erzählen. Aber du musst selbst rausfinden, wie es geht.´“

Johannes Laing hat dann tatsächlich Mut gefasst und schnell rausgefunden, wie es geht. Dabei haben ihm Leute von Accessurf, einer Nonprofitorganisation auf Hawaii, geholfen, die Menschen mit Behinderung unterstützen, regelmäßig ins Meer und auch wieder hinaus zu kommen, um zu surfen oder zu schwimmen. Seitdem ist der Deutsche bei Wettbewerben ein paar Mal bis ins Halbfinale gesurft, bei der Weltmeisterschaft 2018 wurde er in seiner Klasse Zehnter von 16 Startern. „Mir hat ein paar Mal die Kaltschnäuzigkeit gefehlt.“ Er studiert deshalb regelmäßig Videos, um zu sehen, wie es andere machen. Denn: „Ich will bei der nächsten WM ins Finale der letzten Vier kommen.“

Beruflich ist Johannes Laing gerade dabei, sich neu zu orientieren. Fulltime in seinem alten Job konnte der Ingenieur nicht bleiben. Er hat mit einer Freundin das Projekt Open Ocean angeschoben. Sie sind mit zehn Teilnehmern zu einem integrativen Surfcamp nach Portugal gereist, alles selbst organisiert. Das wollen sie dieses Jahr im größeren Umfang wiederholen. „Ich kann mir gut vorstellen, ein, zwei Monate im Jahr am Meer zu leben.“

Draußen, vor dem Café, geht gerade die Sonne unter. „In Mainz“, sagt Johannes Laing und schaut die Straße hinunter, „komme ich im Rolli besser voran als im Kessel in Stuttgart.“ Immer das Gute sehen. Eine kluge Strategie. Die alten Kumpels sieht er nur noch selten, immerhin. Die Lebenswege haben sich gekreuzt. Er ist jetzt auf einem neuen Weg. Und er ist dabei schon ganz schön weit gekommen.

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