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Deutsche Radhoffnung: John Degenkolb beim Rennen Paris - Roubaix

John Degenkolb

„Der Sieg am 1. Mai ist eine Riesennummer“

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Radprofi John Degenkolb über die beste Taktik für den Radklassiker Eschborn - Frankfurt. 

Für John Degenkolb ist es ein ganz persönlicher Feiertag. Den 1. Mai, den Tag der Arbeit, nimmt der 30 Jahre alte Radprofi aus Oberursel seit vielen Jahren wortwörtlich. Sein Heimrennen Eschborn - Frankfurt zählt er nicht erst seit seinem Sieg 2011 zu seinen Lieblingsrennen. Der Klassikerjäger, 2015 Sieger bei Paris - Roubaix und Mailand - Sanremo, zählt stets zu den Topfavoriten. Auf seinen zweiten Triumph in Frankfurt wartet er bislang dennoch vergeblich. Ganz im Gegensatz zu Alexander Kristoff, den Seriensieger der vergangenen Jahre. Viermal hintereinander gewann der vor Kraft strotzende Sprinter vor der Alten Oper. Mit einem neuerlichen Erfolg am Mittwoch wäre dem Norweger der Eintrag in die Geschichtsbücher sicher: Noch nie ist es einem Fahrer gelungen, einen World-Tour-Klassiker fünfmal nacheinander zu gewinnen. John Degenkolb hat naturgemäß etwas dagegen und spricht vor der 58. Auflage des Radklassikers über ...

... Alexander Kristoff: Er stellt es sich momentan vielleicht etwas einfacher vor, als es am Ende für ihn sein wird. Ich bin mir ziemlich sicher, dass nicht nur ich derjenige sein werde, der ihm die Show stehlen möchte. Es ist auch in diesem Jahr ein wirklich hochklassig besetztes Rennen. Ich kann schon jetzt versprechen: Das wird kein Alleingang für ihn zum fünften Sieg nacheinander.

... seine Form: Ich bin gesund durch den Winter gekommen. Ich fühle mich körperlich sehr gut. Ich hatte aber in diesem Frühjahr oft Pech, bin auch wegen technischer Probleme mit dem Rad ausgebremst worden. Entsprechend verspüre ich auch ein bisschen Wut im Bauch, weil ich nicht das erreicht habe, was ich mir gewünscht habe. Aber die Form stimmt. Ich habe mir in der vergangenen Woche ein paar Tage Ruhe gegönnt, seit Ostern bin ich aber wieder im Training. Ich bin bereit für mein Heimrennen.

... die Taktik: Wenn jemand Erfahrung in Frankfurt hat, bin ich es. Seit ich Profi bin (2011), war ich - mit Ausnahme von 2018 (Knieverletzung; Anm. d. Red.) - jedes Jahr am Start. Man braucht in der Mannschaft Leute, die am Berg stark genug sind, um mitgehen zu können und Gruppen zu besetzen. Dann wären wir taktisch in einer guten Position und ich nicht unter dem Druck, immer dabei sein zu müssen, wenn eine Gruppe geht. Wenn ich einen Kollegen vorne habe, müssen andere Teams das Loch zufahren - und nicht ich. Wir benötigen aber auch endschnelle Leute, die im Finale um eine gute Position kämpfen können. Und man muss am Ende selbst gute Beine haben. Das gelingt nur, wenn man während des Rennens mit den Kräften haushält. Man darf nicht zu offensiv fahren. Das hat Alexander Kristoff in den vergangenen Jahren perfekt hinbekommen. Ich habe oftmals versucht, das Rennen nach vorne raus zu entscheiden, war in Gruppen am Mammolshainer dabei. Kristoff war weiter hinten, kurz davor, abgehängt zu werden, und kam mit einer starken Mannschaft noch zurück.

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... sein perfektes Rennen: Ich habe nichts dagegen, in einer Gruppe zu sein, die von fünf bis 15 Leuten initiiert ist und ich vielleicht noch einen Helfer dabei habe. Dann ist das für mich eine perfekte Situation.

... sein US-Team Trek-Segafredo: Wir werden mit einer echt guten Mannschaft an den Start gehen. Mit Rennfahrern, die schon früher dabei waren. Oftmals hatte ich Teamkollegen, die dachten: Okay, Frankfurt... Sie waren mental nicht bereit, richtig tief zu gehen, weil es einfach ein echt hartes Rennen ist. Es ist ein Brett. Wenn man 25 Eintagesklassiker aus dem Frühjahr in den Beinen hat, ist bei dem einen oder anderen die Luft ein bisschen raus. In meiner Mannschaft wissen aber alle, was mir dieses Rennen bedeutet. Wir kommen nicht hierher, um Handkäs’ zu essen.

... den Stellenwert des Radklassikers: Nicht nur für mich, sondern auch international hat dieses Rennen einen enorm hohen Stellenwert. Durch den World-Tour-Status gehen noch mehr Spitzenteams ins Rennen. Sie kommen nicht hierher, weil sie den Kalender füllen müssen. Das ist hier eine Riesenplattform. Hier zu gewinnen, ist eine Riesennummer. Alles ist noch größer und noch professioneller geworden - auch in Hinblick auf Organisation und Logistik. Davon profitieren wir als Rennfahrer, aber auch die mehr als 5000 Radfahrer, die bei der Velo-Tour am Start stehen.

... die neue deutsche Radsport-Generation um Pascal Ackermann, Maximilian Schachmann, Emanuel Buchmann und Nils Politt, die in diesem Frühjahr bereits starke Ergebnisse eingefahren hat: Darauf haben wir in den zurückliegenden Jahren hingearbeitet. Es fahren sich immer mehr deutsche Talente in den Fordergrund. Die Entwicklung etwa bei Bora ist extrem positiv. Dass es in Deutschland eine Mannschaft gibt, in der sich deutsche Talente entwickeln können, ist das, was wir gebraucht haben. Das tut dem ganzen deutschen Radsport gut.

... einen denkbaren Wechsel zu Bora: Da müssen wir mit Ralph Denk (Teamchef von Bora; Anm. d. Red.) besprechen. Mal schauen (lacht).

... einen möglichen Verzicht auf die Teilnahme an der Tour de France: Wir haben noch nicht darüber gesprochen. Erstmal gilt es, Rennen für Rennen zu fahren. Wenn die Tour näher rückt, muss natürlich eine Entscheidung her. Es könnte aber definitiv ein Modell sein, auf die Tour zu verzichten, um sich bestmöglich auf die Weltmeisterschaft in Yorkshire vorzubereiten.

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