+
Bilder wie diese aus Hannover wird es länger nicht geben: Arne Gabius mit seinem Sohn nach dem Zieleinlauf im April 2019.

Arne Gabius

„Das Jahr ist gelaufen“

  • schließen

Warum der deutsche Marathonrekordhalter Arne Gabius dem Profisport 2020 eine Pause empfiehlt und eine Fortsetzung der Saison in der Fußball-Bundesliga als unpassend ansieht.

Arne Gabius hält den deutschen Rekord im Marathon. In Frankfurt drückte der gebürtige Hamburger 2015 eine uralte Bestmarke der deutschen Leichtathletik über die klassischen 42,195 Kilometer auf 2:08:33 Stunden. In diesem Frühjahr wollte sich der 39-Jährige eigentlich ein weiteres Mal für die Olympischen Spiele qualifizieren, ein Trainingslager in Kenia abhalten und nach dem Olympia-Start noch im Herbst in Frankfurt seinen Abschied vom Leistungssport feiern. Das ist alles in der Corona-Krise hinfällig geworden. 

Vorweg: Wie geht’s Ihnen?

Mir geht es gut, meine Familie ist gesund, auch mein Umfeld, das ist im Moment das Wichtigste. Ich kann mich nicht beklagen.

Ihr Sohn Frederik Bosse ist vor ihrem Start beim Frankfurt Marathon 2017 zur Welt gekommen. Freut er sich vielleicht, dass Papa viel zu Hause ist?

Natürlich freut sich Frederik! Nach seiner Geburt waren wir über ein Jahr gemeinsam in der Welt unterwegs, haben also schon immer viel Zeit miteinander verbracht. Die Krise hat das ganze nun nochmals intensiviert.

Inwieweit hilft es Ihnen als approbierter Arzt durch die Krise zu kommen?

Ich weiß, wo ich mich informieren kann; ich kann mir Studien durchlesen und bewerten. Etwa als diese eigenartige Empfehlung aufkam, beim Laufen zehn Meter Abstand zu halten: Diese Studie stammte nicht von Medizinern oder Virologen. Viele wollen leider gerade einfach nur Schlagzeilen erzeugen, Angst schüren oder Panik erzeugen.

Tragen Sie Mundschutz beim Laufen?

Mundschutz trage ich beim Laufen nicht. Angenommen, man trägt das Virus wirklich in sich, dann hat man durch das Laufen die Lunge schon so gut durchgelüftet, dass man pro Liter ausgeatmeter Luft nur sehr wenige Viruspartikel ausatmet. Wenn ich allerdings im Supermarkt stehe, mich lange in der Obst- und Gemüseabteilung aufhalte und dort auch noch huste, ist das natürlich eine andere Belastung. Da macht der Mundschutz Sinn.

Viele Menschen scheinen verunsichert. Im Wald werden Spazierstöcke mitunter waagerecht gestellt, damit Läufer oder Radfahrer Abstand halten. Erleben Sie so etwas auf ihren Trainingsstrecken in Stuttgart auch?

Nein, aber ich höre auch oft solche Geschichten. Bei mir funktioniert es im Wald oder auf Feldwegen gut, auch wenn ich oft Slalom laufen oder auf den Wegesrand ausweichen muss. Insgesamt erlebe ich eine große Rücksichtnahme.

Welche Meinung haben Sie zu den von der Politik verhängten Maßnahmen?

Absolut angemessen, aber auch mutig, dass man alles runter fährt. Unabhängig von den wirtschaftlichen Folgen hat eben oberste Priorität, die Gesundheit der Bürger zu schützen. Man muss ja nur nach New York schauen, um zu sehen was passiert, wenn der richtige Zeitpunkt eines Shutdowns verpasst wird. Im Nachhinein ist es immer einfach zu sagen, man hätte schon den Karneval im Rheinland, die Starkbierfeste in Bayern oder das Skifahren in Tirol untersagen müssen, aber im Großen und Ganzen hat die Politik sehr gut reagiert – und sie sollte auch weiter so besonnen entscheiden und nicht vorschnell Lockerungen beschließen.

Das Laufen ist weiterhin erlaubt. Man könnte ja denken, dass ein Marathonläufer vielleicht am wenigsten eingeschränkt ist?

Für den Freizeitläufer mag das stimmen. Als Profisportler, der mit Marathonläufen Geld verdient, stimmt das nicht. Faktisch unterliege ich derzeit einem Startverbot. Marathons sind Großveranstaltungen mit Volksfestcharakter. Der Berliner Marathon Ende September ist bereits abgesagt, und ich denke auch, dass die Chancen für den Frankfurt Marathon Ende Oktober schlecht stehen. Meine Planung ist damit hinfällig geworden und ein Großteil meiner Einkünfte vermutlich auch. Eigentlich hätte ich versucht, mich im April in Wien für die Olympischen Spiele zu qualifizieren, wäre in Tokio den Olympischen Marathon gelaufen und hätte in Frankfurt meinen Abschied feiern können. Das wäre perfekt gewesen.

Die Politik wird für den Sport die ersten Lockerungen erlauben. Welchen Sportarten würden Sie zuerst die Erlaubnis erteilen? Tennis oder Golf?

Diese Sportarten kommen mir auch als Erstes in den Sinn. Unsere Nachbarn sind Golfer, die sich wahnsinnig darüber ärgern, dass sie nicht auf die Plätze dürfen. Man wollte keine Sportart bevorzugen, deshalb wurde erstmal alles verboten

Die Rahmenbedingungen sind fertig, um dem Profifußball die Erlaubnis zu erteilen. Was sagen Sie dazu?

Ganz ehrlich: Das passt überhaupt nicht in die Zeit und ich halte die Diskussion für falsch, jedenfalls für wesentlich verfrüht. Ich verstehe, dass der Fußball für den gesellschaftlichen Zusammenhalt wichtig ist und vielleicht auch ein Stückchen Normalität vermittelt – allerdings ist diese Normalität trügerisch. Wir sind noch mitten in der Pandemie. Fußballschauen alleine macht keinen Spaß, sodass die Geisterspiele jedenfalls einen Anreiz bieten, sich zu treffen, sei es im Garten oder im Wohnzimmer. Hinzu kommt, dass die Bundesliga gerne generationsübergreifend geschaut wird, so dass die Gefahr hinzu kommt, dass das Virus einen Generationssprung macht.

Sie haben eine klare Meinung.

Es ist nicht die Zeit für Fußball. Ich würde mir kein Spiel schauen, auch wenn es im Free-TV liefe. Die Niederlande und Frankreich haben die Fußballsaison abgebrochen, in Spanien wird die Wiederaufnahme des Spielbetriebes noch lange brauchen. Wenn nur ein Spieler positiv getestet wird, kann es eigentlich nicht weitergehen. Außerdem ist das Risiko doch auch viel zu groß, dass die Akteure das Virus in ihre Familien tragen.

Und der sportliche Aspekt?

Zur Person

Der Bahn- und Straßenläufer Arne Gabius ist im Stuttgarter Norden beheimatet, wo Gabius mit seiner Frau Anne und dem zweieinhalbjährigen Sohn Frederik Bosse wohnt. Nach der Läuferkarriere will er in seinen ursprünglichen Beruf als approbierter Arzt zurückkehren. 

Rein sportlich hat der Erfolg in der Pandemiezeit keinen Wert, hier geht es um Profit. Man hätte sich lieber nicht so viele Gedanken machen sollen, wie man diese Saison zu Ende bringt, sondern was die nächste Saison passiert. Es ist doch auch für die Spieler eine prekäre Situation: Sie haben wochenlang nur zuhause trainiert, noch keine Zweikämpfe bestritten: Wenn sofort die heiße Phase mit den letzten Spieltagen beginnt, besteht ein unheimliches Verletzungsrisiko.

Was würden Bilder von Umarmungen beim Jubel vermitteln?

Die Leute würden die falschen Schlüsse ziehen: Der Ball rollt wieder, die Pandemie ist vorbei: Wir können wieder so leben wie vorher und vergessen die erlernten Sicherheitsregeln. Ich hoffe, den Fußballer wird gesagt, sich nicht abzuklatschen oder gar zu umarmen. Vielleicht werden sie sich Fußsohle an Fußsohle gratulieren. Aber ist das noch Fußball?

Ist es nicht absurd, dass jene Sportart, die das meiste Geld generiert, am lautesten die wirtschaftliche Notwendigkeit betont, weiterspielen zu müssen?

Der Fußball hat eine Sonderrolle wegen seiner Aufmerksamkeit. Es ist ein rein wirtschaftliches Interesse, dass dort weitergespielt werden soll. Eishockey hat die Saison sofort beendet, der Handball hat aufgehört. Das System Fußball ist insbesondere durch die TV-Gelder in Europa aufgebläht, da wäre eine Korrektur angebracht. Die Krise ist sicher schmerzhaft, aber vielleicht sagen wir in fünf Jahren, dass die Einschnitte richtig waren und den Fußball positiv verändert haben.

Sie haben mal gesagt, 2020 sei ein Jahr, in dem der Sport ruht.

Ja das würde ich auch weiterhin unterschreiben. Ich hatte vor einiger Zeit noch die Hoffnung, dass ich am 6. Dezember beim Fukuoka-Marathon in Japan starten kann, aber wenn man es nüchtern betrachtet, ist das Jahr gelaufen.

Welche Schlussfolgerungen haben Sie daraus abgeleitet?

Ich habe eine wirklich lange Saisonpause gemacht, etwa 8 Wochen lang. Jetzt gehe ich wieder drei Mal die Woche locker raus zum Laufen: 15 Kilometer im Vierer-Schnitt. Das ist zügig, aber für mich kein wirkliches Training. Im Mai müsste ich Tempo- und Intervallläufe auf der Bahn machen, ich käme auf 160, 170 Laufkilometer in der Woche, würde die roten Bereiche ansteuern. Dazu fehlen mir die Wettkämpfe, die für uns Leichtathleten der wichtigste Reiz und die wertvollste Motivation sind. Daher laufe ich gerade auf Sparflamme.

Der bayrische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat den Kampf gegen das Coronavirus mit einem Marathon verglichen, bei dem man aber nicht wisse, wie lange er dauert.

Eine Pandemie dauert nicht drei Monate, sondern wird uns bestimmt ein, zwei Jahre begleiten. Wir müssen auch beim Impfstoff realistisch sein: Das wird in diesem Jahr voraussichtlich nichts mehr. Sicherlich ist die erste Welle vorbei, und die nächste Welle ist auch wegen der wärmeren Temperaturen nicht so schnell zu erwarten, aber wir müssen weiter vorsichtig sein. Wenn Studien stimmen, dass über 40 Prozent der Infizierten asymptomatisch sind, also keine Symptome aufweisen, ist es noch wichtiger, viel zu testen. In Altenheimen, Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern, bei Polizisten, Feuerwehrleuten und Busfahrern, dann bald hoffentlich auch Kita-Personal und Lehrer.

Sind auch Sie von der Ärzteschaft angeschrieben worden, etwa bei Tests zu helfen?

Ich habe von der Ärzteschaft eine E-Mail bekommen, wo nicht tätige Ärzte oder Ärzte im Ruhestand angeschrieben worden sind. In Baden-Württemberg haben sich mehr als 1000 Ärzte gemeldet. Ich hatte das auch überlegt, allerdings arbeitet meine Frau als Anwältin im Homeoffice – und wir haben derzeit keine Kinderbetreuung. Für uns als Familie übt meine Frau damit den systemrelevanten Job aus. Mein kleiner Sohn versteht nicht, dass die Spielplätze geschlossen sind. Zuletzt haben wir mit Duplosteinen einen Spielplatz nachgebaut und dann hat er gesagt: ‚Papa, da fehlt das rote Absperrband!‘ Das tut schon weh.

Sie haben fest vor, wieder als Mediziner zu arbeiten?

Mein Einstieg ins Medizinerleben war eigentlich für 2021 geplant. Allerdings möchte ich das Jahr 2020 nicht nur rumsitzen und ziellos trainieren. Daher bewerbe ich mich aktuell um eine Stelle als Assistenzarzt in Teilzeit.

Sind die Olympischen Spiele 2021 ein lohnenswertes Ziel?

Auf jeden Fall. Mit der geplanten Teilzeittätigkeit als Arzt kann ich mir auch finanziell noch ein weiteres Jahr Leistungssport erlauben und meine Karriere zu einem würdigen Abschluss bringen. Ich war 2012 in London über 5000 Meter dabei, die Spiele in Rio de Janeiro 2016 habe ich wegen einer Verletzung verpasst. Eigentlich wollte ich 2020 den Olympischen Marathon nachholen und damit die Karriere ausklingen lassen. Ich hätte mir in der aktuellen Situation gewünscht, dass die Spiele nicht nur um ein Jahr, sondern um mindestens 15 Monate verschoben worden wären, um noch mehr Zeit für einen Impfstoff zu bekommen. Denn so ist der Zeitplan schon wieder sehr knapp und vielleicht nicht machbar.

Wie oft haben Sie in den letzten Wochen Besuch von den Dopingtestern der Nada erhalten?

Kein einziges Mal. Das ist schlecht für den Sport. Wenn das die Situation in Deutschland ist, wird das weltweit kaum anders sein.

Wird das ausgenutzt?

Ich glaube, dass derzeit viel experimentiert wird. Was wirkt am besten? Was kann man versuchen? Diejenigen, die betrügen wollen, wittern jetzt ihre Chance. Es ist anzunehmen, dass die schwarzen Schafe gerade freie Hand haben. Das ist gefährlich. Es wäre toll, wenn möglichst schnell ein Dopingtest mit Genmarker zum Einsatz kommen könnte. Damit kann man Doping auch nach mehreren Wochen nachweisen. Aber noch laufen die Testphasen und der Fokus liegt woanders…

Interview: Frank Hellmann

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare