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Streckt sich für den Titel: Dirk Nowitzki.
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Streckt sich für den Titel: Dirk Nowitzki.

Dirk Nowitzki

Der Jäger des verlorenen Traums

Sechseinhalb Minuten trennten Basketballstar Dirk Nowitzki 2006 von der Vorentscheidung im NBA-Finale. Jetzt bekommt der Deutsche seine vielleicht letzte Chance – ausgerechnet gegen den Gegner von damals.

Von Sebastian Gehrmann

Sechseinhalb Minuten trennten Basketballstar Dirk Nowitzki 2006 von der Vorentscheidung im NBA-Finale. Jetzt bekommt der Deutsche seine vielleicht letzte Chance – ausgerechnet gegen den Gegner von damals.

Manchmal zerplatzen Träume ganz langsam. Manchmal zerplatzen Träume ganz schnell. Und manchmal zerplatzen Träume in sechs Minuten und 34 Sekunden. Das kommt einem manchmal ganz langsam vor, doch in Wahrheit geht alles ganz schnell.

Die American Airlines Arena ist ein imposanter Bau aus Glas und Beton, der am Hafen von Miami auf einer leichten Anhöhe steht, Palmen säumen die Stufen hinunter zum Biscayne Boulevard. Wenn die Sonne untergeht, spiegeln sich die Lichter der Arena in dem seichten Wasser, während dicht gedrängt die Nobelkarossen über die sechsspurige Prachtstraße rollen, sich die Reichen und Schönen zu den Heimspielen der Miami Heat in die erste Stuhlreihe setzen. Unter dem Hallendach hängt das Modell eines gewaltigen Feuerballs, die Hitze von vielen tausend Körpern wabert durch das weite Rund, die Masse veranstaltet einen ohrenbetäubenden Lärm. Für die Fans aus Florida ist dieser Ort der Himmel auf Erden, für Dirk Nowitzki, den deutschen Ausnahmebasketballer, ist er die Hölle.

Sechs Minuten und 34 Sekunden vor dem Ende der dritten Final-Partie um die NBA-Meisterschaft 2006 führen die Dallas Mavericks in Miami mit 89:76. Bereits die ersten beiden Spiele hat das Team aus Texas mehr oder weniger souverän gewonnen, würde es auch auf dem Parkett der American Airlines Arena triumphieren, da gab es unter den Experten und Analysten keine zwei Meinungen, der Titel wäre ihm nicht mehr zu nehmen. Wer zuerst vier Spiele gewinnt, so will es die Final-Arithmetik, darf sich nach dem Allmachtsverständnis der National Basketball Association inoffiziell „World Champion“ nennen. Es wäre der erste Titel in der Historie der Mavericks, der Höhepunkt einer von Milliardär und Clubbesitzer Mark Cuban mit vielen Millionen Dollar geschriebenen Erfolgsgeschichte, die Krönung von Nowitzkis Karriere, mit dessen Ankunft in Dallas der Aufstieg des lange ruhmlosen Basketballteams einst begann.

1998 hatte ein blonder 20-Jähriger mit akkuratem Mittelscheitel sein Jugendzimmer im beschaulichen Würzburg in einer Nacht- und Nebelaktion verlassen. Er hatte die gut gemeinten, von Behutsamkeit motivierten Ratschläge vieler Trainer in den Wind geschlagen und nur auf Holger Geschwindner, einen ehemaligen Nationalspieler, seinen Privatcoach und Mentor gehört: „Geh’ in die NBA.“ Über Geschwindner erzählt man sich seit jeher, er allein habe das unermessliche Potenzial, das in dem jungen Nowitzki schlummerte, in seinem ganzen Ausmaß erkannt, und er allein habe verstanden, es auszuschöpfen, da war Nowitzki 16. Beide sorgen seitdem als eine Art Zwei-Mann-Basketball-Internat für Furore, sie wirken wie eine nahezu perfekte Symbiose. Geschwindner hat sich mit seiner peniblen, unermüdlichen Arbeit eine Menge Respekt verdient, aber auch viel Neid geerntet, Spott und Zweifel. Kritiker meldeten sich zu Wort. Der bewunderte Förderer, hieß es hinter vorgehaltener Hand, sei in Wahrheit ein größenwahnsinniger Marionettenspieler.

Wer Geschwindner begegnet, der trifft auf einen introvertierten, aber von sich, seinen Ideen und seiner Philosophie überzeugten Mann mit kräftigem Händedruck. Mancher in der Branche hält ihn für einen realitätsfremden Chaoten: 2005 saß der Mann wegen Steuerhinterziehung kurzzeitig in Untersuchungshaft, bei der anschließenden Hausdurchsuchung fanden Beamte Geschwindners Geschäftspapiere unsortiert in Pappkartons. Doch Geschwindner ist auf seine Weise ein Genie. Und er hatte eine brillante Idee.

Der studierte Mathematiker lehrt den jungen Nowitzki einen Wurf, den er zuvor auf Grundlage physikalischer Formeln am Reißbrett entwirft und der bei größtmöglicher Fehlertoleranz eine größtmögliche Trefferquote garantiert. Er lässt Nowitzki Liegestütze auf den Fingerspitzen machen, um dessen Wurf die nötige Sicherheit und Dynamik zu geben. Er macht aus Nowitzki schlicht etwas, was es nur einmal auf der Welt gibt. Einen 2,13 Meter großen Flügelspieler mit den Wurfqualitäten eines sicheren Distanzschützen.

Diese, von Geschwindner bis heute akribisch immer weiter perfektionierte Wurffertigkeit hätte Nowitzki vermutlich genügt, um sich als passabler Profi in der besten Basketballliga zu etablieren, nur war das niemals der Plan, niemals das Ziel. Nowitzki wollte mehr. Geschwindner wusste wie.

Es ist viel darüber spekuliert worden, was Nowitzki und Geschwindner alles verbindet. Eines lässt sich mit Gewissheit sagen: Ehrgeiz, vielleicht Besessenheit. Athletik, Technik, Ausdauer – keine Methode ist zu exotisch, als dass sie nicht erprobt würde, um Nowitzkis Spiel zu verbessern. Er lernt sogar das Saxophonspielen, weil der Trainer glaubt, im Jazz den idealen Rhythmus für einen Basketballer gefunden zu haben. Im Internet findet man unter Geschwindners Namen die website bball-is-jazz.net.

1998 hält Nowitzki, damals ein langer Schlaks, noch beinahe schüchtern das weiße Trikot der Mavericks in den Fingern. Acht Jahre später, am 13. Juni 2006, in der Hitze der Nacht von Miami, scheinen dann alle Rädchen ineinander zu greifen. Jetzt ist der Hüne drauf und dran, sich sein eigenes Denkmal zu setzen. Doch es kommt anders.

Die Gäste aus Dallas verlieren dieses dritte Spiel in der Hölle Südfloridas, der sicher geglaubte Sieg gleitet ihnen aus den Händen als wäre er ein glitschiges Stück Seife. Hilflos, fast wie gelähmt, verwandeln sich die Gäste zu Statisten ihren eigenen Demontage – Pässe landen beim Gegner, freie Würfe verfehlen ihr Ziel, überflüssige Fouls bringen Dallas in die Bredouille.

Psychologische Wirkung eines vergebenen Freiwurfs

In den letzten Sekunden verwirft Nowitzki einen Freiwurf, der den Ausgleich bedeutet hätte, womöglich die Verlängerung. Es ist aber nicht der fehlende Punkt auf der Anzeigetafel, auf der der 98:96-Sieg Miamis schließlich wie in Stein gemeißelt steht, der wie eine Zäsur in dieser Serie wirkt. Es ist seine psychologische Wirkung.

Nowitzki ist das Herz der Mavericks, seit seinem dritten Profijahr ihr erfolgreichster Werfer. Er treibt das Team an, er will und er muss es in kritischen Momenten tragen, so wenig er sich nach eigenem Bekunden für die Debatte interessiert, „ob ich ein Führungsspieler bin oder nicht“. Er ist es, der Verantwortung übernimmt, enge Spiele an sich reißt. Was von dem verworfenen Freiwurf bleibt? Das Bild eines Versagers.

Basketball ist ein Teamsport. Niemand, nicht die Außergewöhnlichen und nicht die Unerreichten, sind in der Lage, ein Spiel allein gegen fünf Gegenspieler zu gewinnen. Zwar mag Nowitzki diesen Eindruck manchmal vermitteln – besonders, wenn er das Trikot der Nationalmannschaft trägt – , doch das täuscht. Nowitzki wäre alleine nicht Vize-Europameister geworden, nicht Dritter bei der WM. Er war, so groß sein Schatten auch sein mag, immer auf ein Team angewiesen, um überhaupt die Chance zu erhalten, entscheidende Würfe zu verwandeln. Der Nationalspieler Nowitzki hat das immer in schöner Regelmäßigkeit getan, wie auch der Dallas-Profi Nowitzki, nur eben nicht in einem Endspiel. Das ist in der „The winner takes it all“-Mentalität des Sports ein Makel. Als der Deutsche in der Umkleidekabine der Mavericks seinen Frust über das verlorene dritte Spiel 2006 in Miami in die Blöcke der Reporter diktiert, ahnt er vermutlich nicht, dass ihm für den Rest der Serie kein spielentscheidener Wurf mehr gelingen würde, geschweige denn einer, der ihm den Titel bringen könnte.

Dallas verliert alle weiteren Spiele gegen Miami, der Traum ist geplatzt und der Schuldige, trotz einer Vielzahl von Ursachen, die das Scheitern begründen, schnell gefunden. Nowitzki, wettern die Kommentatoren unisono, sei nicht in der Lage, eine Mannschaft zum Titel zu führen, er sei schlichtweg zu weich. Es ist ein vernichtendes Urteil über Nowitzki, für ihn selbst ist es die ultimative Motivation. Angeführt von einem über jeden Zweifel erhabenen Nowitzki strafen die Dallas Mavericks in den kommenden Monaten alle Kritiker Lügen. Dallas dominiert die Liga, gewinnt 67 von 82 Spielen, Nowitzki wird zum besten Spieler der regulären Saison gekürt, er ist der erste Europäer, dem diese Ehre zuteil wird. Als haushoher Favorit geht das Team in die Playoffs, um in der ersten Runde gegen die Golden State Warriors grandios zu scheitern. Nicht nur Nowitzki, das gesamte Team steht der Strategie von Ex-Dallas-Coach Don Nelson wie paralysiert gegenüber. Es ist eine Blamage erster Klasse. Aus dem Titeltraum wird ein Trauma.

In den Jahren zwischen dem 3. Mai 2007 und dem 31. Mai 2011 wird Nowitzki zum Jäger seines verlorenen Traums. Sommer für Sommer schuftet er mit Geschwindner in einer Turnhalle in Rattelsdorf. Für Außenstehende wirken die Übungen mitunter, als würde einer der besten Spieler seiner Zeit das Spiel erst erlernen – so pedantisch versuchen beide, jeden noch so kleinen Schwachpunkt auszumerzen.

Und Sommer für Sommer verspricht Mavericks-Eigentümer Cuban Nowitzki ein Team, das in der Lage ist, den Titel zu gewinnen. Jahr für Jahr löst er dieses Versprechen nicht ein. Das Team wird von personellen Umbrüchen stetig erschüttert. Als am 6. Mai 2009 Nowitzkis langjährige Freundin Crista Ann Taylor wegen mehrerer Betrugsdelikte verhaftet wird und sie aus ihrer Zelle heraus von einer angeblichen Schwangerschaft berichtet, rückt das, was der US-Sportsender ESPN seit Tagen Nowitzkis „Mission“ nennt, für wenige Wochen ganz in den Hintergrund.

Großer Respekt für Gehaltsverzicht

Viel hätte für Dirk Nowitzki, der bald 33 ist, im vergangenen Frühjahr dafür gesprochen, der Stadt Dallas und den Mavericks den Rücken zu kehren. Doch Nowitzki blieb. So wie auch die Helden seiner Jugend, die Mitglieder des Dream Teams, jener legendären US-Olympia-Auswahl, ihren Teams treu blieben. Magic Johnson bei den Los Angeles Lakers, Larry Bird bei den Boston Celtics, Michael Jordan bei den Chicago Bulls – Spieler, die 1992 die Welt verzauberten; damals begann in Franken der junge Dirk Nowitzki Basketball zu spielen.

Anders als der Deutsche brach Lebron James, den US-Medien „The Chosen One“, „den Auserwählten“ nennen, vergangenen Sommer seine Zelte bei seinem Team ab. Der 26-jährige Star glaubte nicht mehr daran, in Cleveland einen Titel holen zu können. Nowitzki hingegen verzichtete auf ein paar Millionen Dollar Gehalt und verlängerte seinen Vertrag in Dallas um weitere vier Jahre. Der Deutsche bekommt für diese Zeitspanne immer noch ein fürstliches Salär von 80 Millionen Dollar. Für den Multimillionär ist das allerdings allenfalls ein hübscher Nebeneffekt. Wertvoller dürfte die Tatsache sein, dass ihm diese Entscheidung in der US-Sportwelt großen Respekt einbrachte.

James indes gilt seitdem wahlweise als untreu, raffgierig oder stillos. Das mag wie eine Randnotiz erscheinen, doch strahlt die Identifikationsfigur, die der Deutsche in Dallas schon lange ist, in den vergangenen Wochen weit über die Grenzen der Stadt hinaus. Aus dem medialen Prügelknaben mit dem Loser-Gen wird gerade das Idealbild eines perfekten Sportsmannes, was ebenso reichlich überzeichnet ist. Denn so abgedroschen es auch klingen mag: Nowitzki ist sich über die Jahre treu geblieben.

Es ist nun die Ironie der Geschichte, dass James ausgerechnet nach Miami ging und mit ihm Chris Bosh, ebenfalls ein mehrmaliger All-Star. Es passt, dass sie im Team von Miami ausgerechnet auf Dwayne Wade trafen, der sich 2006 so formidabel gehen eine Finalpleite gegen Dallas stemmte und dem anschließend all jene Attribute zugesprochen wurde, die man Dirk Nowitzki absprach. Nowitzki musste sich mit allerlei Schmähnamen begnügen, wie „No-Win-sky“ und „Irk“, indem man ihm schlicht das „D“ wie „Defense“ aus dem Vornamen strich.

Auch wenn die Teams von damals nicht mehr die Teams von heute sind, ist für Nowitzki der Moment gekommen, sich dem Finaltrauma von 2006 zu stellen. Er hat sich diese sechs Spiele nie wieder angesehen. Gestern Nacht ist Nowitzki zum ersten Mal wieder in einem Finalspiel in Miami aufgelaufen.

Manchmal wachsen Träume ganz langsam. Manchmal wachsen Träume ganz schnell.

Und manchmal wachsen Träume in vier Jahren und 342 Tagen. Das kommt einem manchmal ganz langsam vor, doch in Wahrheit geht alles ganz schnell.

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