+
Nicht ganz unumstritten: Der neue italienische Nationaltrainer Giampiero Ventura .

Fußball-Nationalmannschaft

Italien macht sich klein

  • schließen

Dem bereits 68-jährigen neuen Nationaltrainer Ventura kommt die deutsche Fußball-Nationalmannschaft als Testspielgegner nicht gelegen.

Nach dem 8:0 des deutschen Teams am vergangenen Freitag in San Marino kam wieder einmal die Frage auf, ob solche Spiele nötig sind. Klare Antwort: nicht bei diesem Wetter. Viel dringlicher allerdings ist die Frage, ob es nötig ist, drei Mal in einem Jahr gegen Italien zu spielen, erst das 4:1 in München, dann die Elfmetergaudi von Bordeaux und heute nun schon wieder in Mailand (20.45 Uhr). Klare Antwort vom neuen italienischen Nationaltrainer Giampiero Ventura: auf gar keinen Fall! Und das sagt einiges aus über den 68-Jährigen und darüber, warum viele Italiener fürchten, dass mit Ventura die Teilnahme an der WM 2018 in Russland verpasst wird.

Der Nachfolger des vergeistigten Cesare Prandelli und des temperamentvollen Antonio Conte gilt zwar als Förderer der Jugend, damit als geeignet, den dringend notwendigen Verjüngungsprozess der Squadra Azzurra einzuleiten, und hat auch diverse Debütanten in seinen Kader berufen. Aber während Bundestrainer Joachim Löw die Gelegenheit begrüßt, seine jungen Spieler gegen einen starken Gegner zu sehen, will Ventura sie lieber auf der Bank platzieren. Die Entwicklung müsse schrittweise verlaufen, wie ein Studium, ist seine These, schließlich schreibe man seine Diplomarbeit auch nicht gleich im ersten Semester.

Die öffentliche Beschwörung eines möglichen Debakels gegen die Deutschen, denen man doch bei der WM gerade so prächtig Widerstand geleistet hatte und die keineswegs in stärkster Besetzung antreten, zeugt nicht gerade von Selbstbewusstsein. Das spiegelt auch die geplante Taktik wider. An Stelle des eigentlich von Ventura favorisierten 4-3-3 will er dem Team ein defensives 5-3-2 verordnen.

WM-Qualifikation gefährdet

Der Trainer hätte sich für heute einen leichteren Kontrahenten gewünscht, „bei dem wir unseren Lauf fortsetzen können“. Welchen Lauf, fragen sich da die Tifosi. Das mühsame 3:2 gegen Mazedonien vor einigen Wochen etwa? Oder das 4:0 am Samstag in Liechtenstein? Dies wird allgemein als ungenügend empfunden, weil Gruppenrivale Spanien gegen das Fürstentum schon 8:0 gewann. Dabei hatten die Italiener in der ersten Halbzeit erstmals bei Ventura schwungvoll gestürmt und zur Pause schon 4:0 geführt. Doch dann verfiel man in den alten Trott, und die schöne Idee, den Spaniern, die gleichzeitig gegen Mazedonien 4:0 gewannen, über das Torverhältnis ein Schnippchen schlagen zu können, durfte begraben werden. Wenn alles normal läuft, muss Italien nun nach dem 1:1 im Hinspiel die Partie in Spanien gewinnen, um sich direkt für die WM zu qualifizieren. Trübe Aussichten.

Es wäre „eine Katastrophe“, die WM zu verpassen, ließ sich am Wochenende Verbandspräsident Carlo Taveggio vernehmen, der weiß, dass man in diesem Fall ihm eine ordentliche Portion Schuld einräumen wird, weil er Ventura eingestellt hat. Der hatte zuvor nicht gerade eine schillernde Trainerkarriere absolviert. Mehr als 20 Jahre benötigte er, um erstmals in der Serie A arbeiten zu dürfen. Erfolg hatte er nur kurz in Bari, wo er auf Antonio Conte folgte, und zuletzt beim FC Turin, den er ab 2011 in die erste Liga, dann sogar in die Europa League und schließlich zum vielfach umjubelten ersten Derbygewinn gegen Juventus seit 20 Jahren führte.

Das genügte, um einmal mehr Nachfolger des zum FC Chelsea gewechselten Conte zu werden, aber erst, nachdem eine Handvoll Wunschkandidaten abgesagt hatte, darunter Massimiliano Allegri, Claudio Ranieri, Carlo Ancelotti und Roberto Donadoni, die lieber einen Klub betreuen und sich auch nicht mit den vom Verband reduzierten Bezügen des Nationaltrainers zufriedengeben wollten.

Seine Zugehörigkeit zur alten Schule hat Giampiero Ventura in seiner kurzen Amtszeit schon mehrfach unter Beweis gestellt. Stürmer Graziano Pellè, der seine gelungene WM für ein lukratives Engagement in China nutzte, ist diesmal nicht im Kader, weil er Ventura nach seiner Auswechslung gegen Spanien den Handschlag verweigerte. Auch nicht dabei ist Mario Balotelli, der in Nizza wieder gut funktioniert. Der müsse sich erst in einem Gespräch mit ihm rückhaltlos zum Nationalteam bekennen, sagte Ventura. Auf Sebastian Giovinco vom FC Toronto, den überragenden Spieler der Major League Soccer (MLS), verzichtet der Coach, weil der in einer Liga spiele, „die nicht viel zählt“. Das ist weltfremd und ignorant. Zwar hat die MLS natürlich nicht das Niveau der Premier League oder Primera División, aber in der Serie A könnten die meisten Klubs mitspielen.

Für den Fall, dass die Sache mit der Squadra Azzurra schiefgeht, hat sich Ventura immerhin schon eine Alternative zurechtgelegt. „Dann werde ich Contes Nachfolger in Chelsea“, sagte er. Das war ein Witz. Mehr aber auch nicht.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion