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Setzte beim Ironman Hawaii mit seiner Siegerzeit von 7:52:39 Stunden neue Maßstäbe: Patrick Lange.

Ironman-Weltmeister Patrick Lange

„Ein signifikanter Fehler im System“

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Ironman-Weltmeister Patrick fordert lebenslange Sperren für Doper. Ein Gespräch über die Abscheulichkeiten des Sports und private Glücksmomente.

Patrick Lange ist zweifacher Ironman-Weltmeister. Er hat seinen Lebensmittelpunkt inzwischen nach Salzburg verlagert. Zwei Trainingslager hat der Lange in diesem Jahr bereits auf den Kanaren abgehalten, die vergangene Woche bereitete sich der Triathlet des DSW Darmstadt in seiner österreichischen Wahlheimat auf seinen ersten Wettkampf vor: Der beste Läufer der Ironman-Szene startet am Sonntag beim Berliner Halbmarathon. Danach folgt die Teilnahme am Ironman 70.3 Vietnam (12. Mai), der erste Höhepunkt soll der Ironman Frankfurt (30. Juni) sein. Alles ist beim 32-Jährigen jedoch auf das Triple beim Ironman Hawaii (12. Oktober) ausgelegt.

Patrick Lange, Sie sind Deutschlands Sportler des Jahres, haben aber Deutschland den Rücken gekehrt und wohnen jetzt in Salzburg. Warum?
Es kommt eine sportliche und familiäre Komponente zusammen. Ich habe zehn Jahre lang als Nicht-Darmstädter (Patrick Lange stammt aus Bad Wildungen, Anm. d. Red.) in Darmstadt trainiert und wollte zum einen neue Trainingsreize setzen. Ich habe schon immer die Berge geliebt, kannte die Gegend, weil ich mit meinem früheren Trainer Manuel Wyss hier trainiert habe. Zum anderen werde ich eine Österreicherin heiraten, die gerne in ihre Heimat zurückwollte: Julia hat Teile ihrer Jugend in Salzburg verbracht, ihr Vater stammt aus der Stadt, in der auch einige Verwandte wohnen.

Sie werden aber weiter für den DSW Darmstadt starten.
Weil dieser Verein maßgeblich an meinen Erfolgen und meiner menschlichen Entwicklung in den drei vergangenen Jahren beteiligt war. Ich behalte auch meine Profilizenz in Deutschland.

Sie haben in der neuen Wahlheimat gleich einen extrem schneereichen Winter erlebt.
(lacht). Als ich im März von meinem Trainingslager aus Cran Canaria zurückgekommen bin, habe ich das erste Mal gesehen, was für eine tolle Terrasse zu unserem Haus gehört. Ich habe den vielen Schnee ganz cool empfunden: Ich habe mein Radtraining einfach auf die Skilanglaufbretter verlegt. Das hat mir super gut getan.

Faris Al-Sultan arbeitet jetzt gleichzeitig noch als Triathlon-Bundestrainer. Hat er überhaupt genug Zeit für den Ironman- Weltmeister?
(überlegt lange). Hmm. Er hat schon weniger Zeit, ist natürlich oft bei der DTU (Deutschen Triathlon-Union, Anm. d. Red.) in Frankfurt, aber er bekommt durch seinen neuen Job einen neuen Einblick in die Trainingswissenschaften. Ich merke, dass er sich gerade ein viel breiteres Wissen aneignet. Wir merken aber auch, wie professionell wir gearbeitet haben.

Patrick Lange stellt Hawaii über Frankfurt.

Warum wollen Sie überhaupt ein funktionierendes System verändern, das zweimal hintereinander zum Hawaii-Sieg führte?
Ich verändere das System nicht grundlegend, die Eckpfeiler bleiben bestehen. Aber es geht im Hochleistungssport um kleinste Details - und auch um den Kopf, sonst wird man zum Hamster im Rad. Es müssen auch mal neue Reize gesetzt werden. Ich habe gemerkt, dass ich z.B. wieder mehr an meiner Lauf-Grundschnelligkeit arbeiten muss. Deshalb werde ich auch am 7. April bei der deutschen Halbmarathon-Meisterschaft in Berlin starten.

Was haben Sie als schnellster Läufer der Ironman-Szene bei diesem Rennen geplant?
Für mich ist der Halbmarathon in Berlin eine erste Standortbestimmung. Ich werde nicht um den Sieg mitlaufen können, aber ich möchte wirklich mal schauen kann, wie schnell ich laufen kann, ohne vorher zu schwimmen und Rad zu fahren. Ich glaube, das wird eine coole Veranstaltung.

Ihr erster Triathlon-Wettkampf wird der Ironman 70.3 Vietnam sein. Ging es nicht ein bisschen näher?
Ich fliege Mitte April mit Faris ins Trainingslager nach Thailand – da hat es sich einfach angeboten, diesen Wettkampf als Saisonstart dranzuhängen. Auf dieser Halbdistanz starten übrigens auch die besten Australier und Neuseeländer. Ich habe 2016 gute Erfahrungen gemacht, einen meiner ersten 70.3 Wettkämpfe überhaupt in Asien, auf den Philippinen zu machen. Das Publikumsinteresse ist dort enorm und das Klima noch mal eine Spur härter als auf Hawaii.

Ihr erstes großes Ziel wird sicher am 30. Juni sein, den Ironman Frankfurt erstmals zu gewinnen.
Ja, denn ich erinnere mich genau, wie ich dort selbst an der Strecke die Athleten angefeuert habe. Irgendetwas ist in den vergangenen Jahren in Frankfurt immer schiefgelaufen. Ich weiß, wie viele Freunde und Bekannte mich da unterstützten, und natürlich ist das hochkarätige Starterfeld mit Jan Frodeno und Sebastian Kienle auch noch einmal ein Antrieb. Es wäre für mich nach wie vor ein Traum, als Erster auf dem Römer einzulaufen.

Der große Traum wird aber der Hattrick auf Hawaii bleiben.
Ja, ganz klar. Es wäre nicht richtig, wenn ich sagen würde, Frankfurt stände über Hawaii.

In den Wochen nach ihrem zweiten Hawaii-Sieg kam fast der Eindruck auf, Sie hätten keine Fernseheinladung ausgeschlagen. War das im Nachhinein eher Belastung oder Bereicherung?
Letzteres! Ich habe im Anschluss nach Hawaii so viele interessante Menschen kennengelernt, was eine sehr privilegierte Situation für mich gewesen ist. Was mir als Triathlet widerfuhr, war doch der Hammer! Ich durfte die Siegerringe für den Superbowl tragen, konnte mit Oscar-Gewinnern zusammensitzen, habe den Bambi erhalten und bin Sportler des Jahres geworden. Eine riesige Ehre.

Wie schwer fiel es dann, vom Smoking wieder in den Rennanzug zu schlüpfen?
Auf der einen Seite waren diese Erlebnisse toll, auf der anderen Seite habe ich schon das Training vermisst. Als ich wieder im Sattel meines Rennrads saß, wusste ich: ‚Schön und gut, auf der Fernsehcouch zu sitzen, aber das hier ist deine wirkliche Leidenschaft‘. Die Motivation dafür kommt von allein. Sicher, ich habe mir diese Bilder zwei, dreimal angesehen, aber die Erinnerungen sind viel mehr wert als eine Videoaufzeichnung.

Und den Heiratsantrag an ihre jetzige Verlobte würden Sie auch wiederholen?
Julia ist die Liebe meines Lebens, die ich heiraten werde – das steht außer Frage. Es wird immer Kritiker geben, die das nicht so toll fanden, aber ich habe in der Situation einfach so gefühlt. Ich weiß, wie viel Energie ich aus dem Gedanken ziehen konnte, ihr diese Frage zu stellen.

Ihre künftige Frau hat früher die Social-Media-Aktivitäten gestaltet und war ein Teil des Teams Patrick Lange. Müssen Sie jetzt ihre Privatsphäre besser schützen?
Wenn sie nicht im Team integriert wäre, würden wir uns kaum sehen, weil ich mehr als die Hälfte des Jahres in der ganzen Welt unterwegs bin. Daher ist sie eng im Team Patrick Lange eingebunden, wenngleich ich zugeben muss, dass es hin und wieder eine Herausforderung ist. So sprechen wir beide beispielsweise nur zu bestimmten Zeiten am Tag über geschäftliche Angelegenheiten.

Die sozialen Netzwerke sind für Sportstars immer wichtiger geworden. Wie sieht da die Strategie aus?
Die sozialen Medien sind als Plattform unerlässlich, um sich zu vermarkten. Hier gibt es die größte Zielgruppe an Konsumenten. Wir werden da mehr Energie reinstecken, weil ich meinen Followern mehr Qualität bieten möchte. Alle vier, fünf Wochen wird bald ein Kameramann zu mir nach Hause oder in die Trainingslager kommen, um mehr den Menschen Patrick Lange zu zeigen.

Wie hat sich Ihre Bekanntheit in den sozialen Medien gesteigert?
Bei meinem ersten Start auf Hawaii hatte ich auf Instagram 15.000 Follower. Als ich 2017 nach meinem ersten Sieg zwei Stunden nach Zieleinlauf mein Handy in die Hand nahm, hatte ich mit einer Aktualisierung 38.000 neue Follower. Mittlerweile stehen wir bei 165.000. Die größte Zuwachsrate gibt es derzeit bei Instagram, bei Facebook tut sich weniger. Ich möchte mich aber nicht über solche Zahlen definieren.

Es klingt kurios: Sie sind zwar Sportler des Jahres geworden, aber nicht Triathlet des Jahres. Die von ihrem Manager Jan Sibbersen ausgerichtete Ehrungsveranstaltung haben viele in der Triathlon-Szene so aufgefasst, dass Sie an ihrem Image noch arbeiten müssen …
… das möchte ich auch. Ich glaube, wenn die Leute mich besser kennenlernen, wird auch meine Beliebtheit steigen. Natürlich stehe ich da gerade im Vergleich mit Jan Frodeno noch hintenan, aber er steht auch seit mehr als zehn Jahren im Triathlon-Fokus, seitdem er 2008 Olympiasieger wurde.

Sebastian Kienle hat zur Vorstellung des Starterfelds in Frankfurt verraten, er halte die Schummelvorwürfe gegen Sie wegen Windschattenfahrens grundsätzlich aufrecht, sie hätten sich aber auf Hawaii nichts zu Schulden kommen lassen, aber er hoffe, dass auch in Frankfurt die Kampfrichter genau hinschauen müssten. Sind Sie solch ein Grenzgänger?
(hebt die Stimme). Ich war nie der Grenzgänger, als der ich von ihm dargestellt wurde. Die Kampfrichter schauen in jedem Wettkampf genau hin, bei Rennen wie in Frankfurt oder Hawaii ist es de facto nicht möglich Windschatten zu fahren, da ist permanent jemand da.

Die Fehde scheint nicht ausgestanden.
(überlegt). Wir haben uns vor dem Hawaii-Start gesprochen und die Hand gegeben. Meiner Meinung nach haben wir kein Problem mehr miteinander. Für mich ist das Thema durch.

Ihr härtester sportlicher Rivale wird auch in diesem Jahr wohl eher Frodeno sein.
Ich habe nach dem Zieleinlauf auf Hawaii Jan in die Augen geschaut – und da schon gesehen, wie sehr ihn die Situation gewurmt hat. Das Feuer ist definitiv bei ihm noch da. Er wird in Frankfurt und auf Hawaii mein größter und ärgster Rivale sein.

Wie ist ihr Verhältnis?
Mit „Frodo“ kann man immer gut zurechtkommen. Ein freundlicher und aufgeschlossener Typ, der sehr professionell mit allem umgeht. Da wir auch den gleichen Radsponsor haben, bestehen bei uns Überschneidungspunkte. Aber natürlich ist es im Profisport ganz oben so: Wir sind alle keine Freunde, aber es wäre auch falsch, aus dieser Tatsache Feindschaften abzuleiten. Am Ende des Tages treibt uns tief im Herzen dieselbe Leidenschaft an, einerseits zu gewinnen und anderseits den Triathlonsport an sich nach vorne zu bringen.

Der Ausdauersport ist durch die jüngsten Dopingenthüllungen wieder unter Generalverdacht geraten. Spitzenathleten verschiedener Sportarten haben sich der Hilfe eines Erfurter Sportarztes bedient, um Eigenblutdoping zu betreiben. Die Staatsanwaltschaft gab bekannt, dass die Affäre bis nach Hawaii reiche, woraufhin auch der Ironman in Verdacht geriet. Es soll aber der Honolulu-Marathon betroffen sein. Können Sie eine Verstrickung von Triathleten in den Skandal ausschließen?
Ich hoffe es. Ich kann für mich reden, dass ich das abscheulich finde. Und ich sage auch: Solche Menschen gehören lebenslang aus dem Sport verbannt. Ich stehe dafür, dass jemand, der so wissentlich betrügt, einfach nicht mehr in den Sport gehört. Natürlich sollten wir auch immer hinterfragen, wie wir den Antidopingkampf verbessern könnten, indem wir beispielsweise die Meldepflichten nicht an den Verband, sondern die Ergebnisse der Proben gleich an ein unabhängiges Institut geben. Dafür würde ich mich gerne persönlich stark machen. Eine positive Dopingprobe sollte nicht im Verband behandelt werden. Da liegt ein signifikanter Fehler im System vor.

Weil viele Verbände kein Interesse daran besitzen, dass ihre Sportart durch einen Dopingfall beschmutzt wird?
Ganz genau. Die Gefahr besteht, dass etwas vertuscht wird. Daher fände ich eine unabhängige Institution besser, die auch die Urteile ausspricht.

Sie haben sicher die Medien ihrer neuen Wahlheimat verfolgt: Was denken Sie, wenn ein österreichischer Langläufer beim Eigenblutdoping im Hotelzimmer überrascht wird.
Es ist widerlich. Als ich diese Bilder gesehen habe, kam mir wirklich die Galle hoch. In meinen Augen sind das keine Sportler. Ehrlich: Das ist abscheulich.

Was könnte denn noch getan werden, um den Betrug zu bekämpfen? Werden Sie oft genug kontrolliert?
Gerade erst vor meinem Fuerteventura-Trainingslager waren die Kontrolleure bei mir in Salzburg und haben Blut- und Urinkontrollen vorgenommen. Das passiert regelmäßig, unangemeldet und unerwartet. Bei den Kontrollen sind wir auf einem hohen Niveau.

Die Triathleten gelten trotz aller Konkurrenz noch als familiäre Szene. Würde Betrug hier schneller auffliegen, weil schwarze Schafe auffliegen oder aussortiert würden?
Ich glaube, der Hauptunterschied liegt eher darin, dass der Triathlon auf der Langstrecke nicht über die Verbände organisiert ist. Eine Verbandsstruktur mit Trainer und Sportlern, die zum Teil erhebliche staatliche Unterstützung erhalten und als Gegenleistung Medaillen einsammeln soll, ist aus meiner Sicht betrugsanfälliger als unser System, bei dem die Topathleten alles in Eigenregie managen müssen. Ansonsten kann ich nur sagen, dass die im Triathlon aufgeflogenen schwarzen Schafe bei uns äußerst geächtet sind. Ich denke an den Österreicher Michael Weiss: Er muss bis heute seine Trainingslager alleine machen.

Und Nina Kraft ist als des Epo-Dopings überführte Hawaii-Siegerin 2004 anschließend auch schnell von der Bildfläche verschwunden.
Ich glaube, sie lebt nicht mal mehr in Deutschland und ist in den USA abgetaucht. Ein Dopingsünder hat im Triathlon keinen Spaß mehr.

Interview: Frank Hellmann

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