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Wollen wie 2016 wieder alle aufs Podium in Hawaii: Sieger Jan Frodeno (Mitte), der Zweite Sebastian Kienle (links) und der Drittplatzierte Patrick Lange aus Darmstadt.

Ironman Hawaii

Ironman Hawaii: Kräftemessen der Charakterköpfe

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Jan Frodeno, Patrick Lange und Sebastian Kienle zählen erneut zum Favoritenkreis der Ironman-WM auf Hawaii. Die drei Triathleten haben viele Unterschiede und wenig Gemeinsamkeiten.

Eines steht schon fest: Wenn am Pier von Kailua-Kona an diesem Samstag um 6.25 Uhr Ortszeit (18.25 Uhr MESZ/ARD und hr-Fernsehen) die Kanone knallt und die zähesten Triathleten sich an die Strapaze des Ironman Hawaii machen, dann brodelt der Pazifik nicht wie sonst. Der Massenstart für die alljährlich aufwendiger zelebrierte Weltmeisterschaft ist abgeschafft, stattdessen sollen sich die knapp 2500 Altersklassenathleten, Männer und Frauen, in Wellenstarts mit Fünf-Minuten-Abständen auf die 3,86 Kilometer Schwimmstrecke im offenen Meer, 180 Kilometer Radfahren bei tückischen Winden und 42 Kilometer Laufen auf dem glühenden Asphalt machen. Was unter den Teilnehmern durchaus kontrovers diskutiert wird, hat die Elite nicht zu interessieren. Die weltbesten Profis starten wie selbstverständlich wieder von vorn – und dabei zählen drei deutsche Eisenmänner zu den Sieganwärter, die seit 2014 sich die stachelige Krone im Zielkanal symbolisch übergeben haben: Jan Frodeno, Patrick Lange und Sebastian Kienle. In dieser Reihenfolge: Topfavorit, Titelverteidiger und Herausforderer.

Die Frage stellt sich, wie viel Mythos den weltbekanntesten Ironman noch umweht. Der erste deutsche Hawaii-Champion Thomas Hellriegel (1997), aber auch noch seine Nachfolger Normann Stadler (2004 und 2006) oder Triathlon-Bundestrainer Faris Al-Sultan (2005) haben den Sport trotz aller Entbehrungen immer auch als Experimentierfeld begriffen, in dem sich gerne mal Abenteuer- und Lebenslust vermengten. Heute bewegen sich immer mehr stromlinienförmige Athleten durch einen Sport, der zunehmend von der Trainingswissenschaft bestimmt wird.

Mit diesem Ansatz kommt der zweimalige Olympiasieger Alistair Brownlee von der Kurzdistanz auf die Langstrecke. Wird der Brite bei seinem Hawaii-Debüt die Dominanz des deutschen Triumvirats Frodeno, Lange und Kienle brechen, das vor drei Jahren das Podium einnahm? Drei Charakterköpfe mit vielen Unterschieden und wenigen Gemeinsamkeiten. Nicht unbedingt beste Freude. Am ehesten vereint in dem Spruch, den die Ironman-Legende Mark Allen machte: „Sie können jetzt alles im Sport messen. Aber Sie können Leidenschaft nicht messen.“ Doch wie ticken die drei Leidensgenossen?

Der zwischen Australien, Spanien und den Wettkampforten pendelnde Frodeno ist der polyglotte Weltbürger, dessen Hang nach Perfektion sympathisch transportiert wird. Weil es nichts gibt, wofür der lebensfrohe Kölner nicht zu haben ist. Er hat ein natürliches Charisma. Die Medienwelt gehört mit zu seiner Spielwiese. Bei 1,96 Meter Körpergröße genügt seine Präsenz, um den Hawaii-Champion von 2015 und 2016 zum Mittelpunkt zu machen. Sein Antrieb ist ungebrochen, sein Händedruck so fest wie seine Muskeln. Verheiratet mit der australischen Triathletin Emma Snowsil.

Seit Sohn Lucca auf der Welt ist und vor anderthalb Jahren auch Töchterchen Sienna dazu kam, hat die Marke „Frodo“ noch einen familiären Touch bekommen. Aufhören will der 38-Jährige, im Vorjahr verletzt nicht am Start, noch lange nicht, sondern noch ein paar Jährchen dranhängen. Keiner kommt in einer so guten Form auf die Trauminsel, keiner ist in allen drei Disziplinen so komplett wie der Triathlon-Olympiasieger von 2008. Frodeno sagt: „Ich habe ein gutes Bauchgefühl.“

Der aus dem hessischen Bad Wildungen stammende, lange in Darmstadt lebende Lange verfolgt zwar eine vorsichtigere Renntaktik, aber einen ähnlichen asketischen Ansatz, der ihn 2017 und 2018 zum Titel trug. Wer dem 33-Jährigen bei seinem Heiratsantrag vor Lebensgefährtin Julia Hofmann im Zielkanal von Kona – nach der Fabelzeit von 7:52:39 Stunden als erster Mensch auf Hawaii unter acht Stunden – im Vorjahr Effekthascherei vorwarf, verkennt seinen gewissen Hang zum Unvorhergesehenen. Wenn der überzeugte Veganer nur ein Selbstdarsteller wäre, hätte er im August dieses Jahres seine Hochzeit in Salzburg anders gestaltet. Sie war gar nicht aufgeblasen, genau richtig, wie er beschreibt. Dass der Titelverteidiger sich über seine sozialen Netzwerke neuerdings professioneller inszeniert, demonstriert seine Neigung nach mehr Anerkennung. Lange ist nicht sonderlich beliebt, dabei hört er gerne zu, gibt sich interessiert und innerlich kneift er sich manchmal, welche Möglichkeiten ihm eine Randsportart eröffnet hat.

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Gleichwohl lief es in diesem Jahr nicht wirklich gut. Seine Magen-Darm-Erkrankung beim Ironman Frankfurt, der Unfall seiner Frau bei einer Radausfahrt und nicht zuletzt jetzt das verweigerte Visum für seinen Trainer Al-Sultan bei der Einreise sollen keine Entschuldigung sein. Der beim Laufen unschlagbare Lange sagt: „Ich bin am besten, wenn ich mich nur auf mich selbst konzentriere.“

Der größte Graben geht zwischen Lange und Sebastian Kienle auf. Kaum einer ist so meinungsfreudig und schlagfertig wie der frühere Physikstudent aus dem kleinen baden-württembergischen Örtchen Knittlingen. Ein Technikfreak, Tüftler – und Witzbold. In seinem Trainingsehrgeiz steht der Hawaii-Triumphator von 2014 den Konkurrenten in nichts nach. Mit seiner Frau, Christiane Schleifer, einer exzellenten Läuferin, teilt der 35-Jährige das Faible fürs die Ausdauer. Sein Erfahrungsschatz auf der Langdistanz ist am größten, und vielleicht deshalb hat er den erst 2015 in die Ironman-Szene drängenden Lange so argwöhnisch beäugt. Die im Vorjahr erhobenen Schummelvorwürfe bezogen sich auf dessen Renntaktik und vor allem aufs angebliche Windschattenfahren auf dem Rad. Dabei schauen die Schiedsrichter nirgendwo so genau hin wie auf diesem Abschnitt mit dem Wendepunkt in Hawi.

Klartext hat Kienle auch bei der Dopingproblematik gesprochen: Als die World Triathlon Corporation (WTC) 2015 versuchte, den gefallenen Radstar Lance Armstrong zur neuen Ironman-Figur aufzubauen, stemmte er sich verbal dagegen. Zur Kraftprobe mit Armstrong ist es nie gekommen, weil dessen Lügenkonstrukt vor einem Hawaii-Start zusammenbrach. Kienle hat nach seiner Aufgabe im Vorjahr den Reset-Knopf gedrückt, den Trainer gewechselt, monatelang mit dem Laufen ausgesetzt, um seine anfällige Achillessehne zu schonen. Kienle sagt: „Ich musste neue Wege gehen.“

Immer wieder spannend, welcher auf Big Island ans und ins Ziel führt.

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