Die einzige Olympiamedaillengewinnerin ihres Landes: Die Iranerin Kimia Alisadeh holte 2016 in Rio Bronze.
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Die einzige Olympiamedaillengewinnerin ihres Landes: Die Iranerin Kimia Alisadeh holte 2016 in Rio Bronze.

Olympiasiegerin kehrt nicht zurück

Iran-Krise erreicht den Sport

Die iranische Taekwondo-Kämpferin Kimia Alisadeh will für Deutschland starten.

Derzeit kämpft Kimia Alisadeh nicht gegen ihre Gegnerinnen, sondern gegen die Zeit. Ende der Woche läuft das Visum der Taekwondo-Kämpferin ab, dann müsste sie Hamburg verlassen. Doch in den Iran will sie nicht zurückkehren, die einzige Olympiamedaillengewinnerin ihres Landes ist aus ihrer Heimat geflüchtet. Aus Protest gegen das Regime – und damit ist die 21-Jährige nicht allein. „Ich bin eine von Millionen unterdrückter Frauen im Iran, mit denen sie seit Jahren spielen“, hatte sie in der vergangenen Woche bei Instagram erklärt. An Heuchelei, Korruption und Lügen habe sie sich nicht beteiligen wollen. Den Offiziellen warf sie Ausbeutung und Sexismus vor. Iranische Athletinnen würden gedemütigt: „Ich habe keinen anderen Wunsch als ein Leben mit Taekwondo, in Sicherheit und Gesundheit.“

Dieses Leben sucht Alisadeh in Deutschland. „Es gab am Sonntag in Hamburg ein Treffen zwischen dem Verband und Kimia, ihrem Mann sowie ihrem Berater. Darin hat sie explizit noch einmal bekräftigt, dass sie gerne für Deutschland starten würde“, teilte die Deutsche Taekwondo Union (DTU) mit: „Der Verband würde es begrüßen, wenn Kimia für Deutschland starten könnte und hat ihr bereits ein Befürwortungsschreiben ausgestellt, mit dem sie zu den zuständigen Behörden gehen kann.“

„Wir sind nur Werkzeuge“

Denn zunächst muss ihr Aufenthaltsstatus geklärt werden, ehe die DTU sie weiter unterstützen kann. Derzeit hält sich Alisadeh mit einem Schengen-Visum in Deutschland auf, nachdem sie zunächst Zuflucht in den Niederlanden gesucht hatte. Ein möglicher Start für Deutschland bereits bei den Sommerspielen in Tokio ist allerdings unwahrscheinlich. Eine verweigerte Freigabe durch den Iran könnte den Prozess des Nationalitätenwechsels verzögern.

Im Iran sieht sie für sich und ihrem Mann keine Zukunft. Obwohl sie nach ihrer Bronzemedaille von Rio öffentlich und landesweit gefeiert wurde. Auch von den Hardlinern, die die erfolgreichste Sportlerin des Landes zu instrumentalisieren versuchten. „Ich habe jeden Satz wiederholt, den sie angeordnet haben. Wir sind ihnen nicht wichtig, wir sind nur Werkzeuge“, sagte sie.

In den vergangenen Tagen hatte Alisadeh in Eindhoven trainiert. „Sie hat alles im Iran zurückgelassen. Die Situation ist sehr schwierig für sie“, sagte ihr dortiger Trainer Mimoun El Boujjoufi der Nachrichtenagentur AFP: „Aber sie ist sehr professionell.“ Und sie steht nicht alleine da. Der ehemalige Judo-Weltmeister Saeid Mollaei war im vergangenen Jahr ebenfalls geflüchtet. Er hatte öffentlich gemacht, dass er vom iranischen Verband gezwungen worden war, im Halbfinale absichtlich dem Belgier Matthias Casse zu unterliegen, um im Finale nicht gegen den Israeli Sagi Muki antreten zu müssen. Inzwischen hat der Weltverband IJF den Iran komplett gesperrt.

Auch zwei Fälle im Schach hatten für Aufmerksamkeit gesorgt. Der erst 16 Jahre alte Großmeister Alireza Firouzja trat bei der Schnell- und Blitzschach-WM Ende Dezember unter der Flagge des Weltverbandes Fide an, da er sich einem Boykott des iranischen Verbandes widersetzte.

Bei der Frauen-WM war Schiedsrichterin Shohreh Bayat unfreiwillig in den Fokus gerückt. Während des Turniers war sie in ihrem Heimatland wegen des angeblich zu laxen Tragens ihres Kopftuches angefeindet worden. Anschließend verzichtete sie als Reaktion sogar ganz auf das Kleidungsstück. Medienberichten zufolge will sie aus Angst vor Repressalien nicht mehr in den Iran zurückkehren. (sid)

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