+
Plant seine erste Tour-Teilnahme: Maximilian Schachmann.

Maximilian Schachmann

„Am Ende fahren wir nur Rad“

  • schließen

Bora-Radprofi Maximilian Schachmann über Druck, den Spaß am Rennen und Peter Sagan.

Herr Schachmann, sind Sie abergläubisch?
Eigentlich nicht. Warum?

Sie haben zu Beginn der vergangenen Saison eine Etappe der Katalonien-Rundfahrt gewonnen - und sind dann in den kommenden Monaten durchgestartet. Nun ist Ihnen dieses Kunststück erneut geglückt.
Ich war selbst erstaunt. Ich habe gemerkt, dass die Beine richtig gut waren. Vom ersten Tag an war ich richtig stark. Deshalb dachte ich mir, du musst es probieren. Und am Ende der fünften Etappe hat’s dann geklappt.

Also alles so wie im Vorjahr. Damals sagten Sie: Hingefahren, gute Form, gute Beine, Etappe gewonnen...
...ehrlich gesagt, die Form ist in diesem Jahr sogar noch um einiges besser.

Also wird diese Saison noch besser? Ist der Druck noch höher?
Erwarten kann man von mir schon etwas. Ich will schnell fahren, Erfolge feiern und Spaß haben. Aber Druck? Ich weiß nicht? Am Ende fahren wir nur Rad. Das ist nicht weltbewegend. Ich sage immer, ich stehe nicht an der Spitze eines Landes - dort spürt man Verantwortung. Ich fahre nur Rad und unterhalte andere Leute. Und wenn ich nicht schnell fahre, fährt ein anderer schnell - und die Leute zu Hause haben dennoch Spass. Das ist alles ein großes Spiel. Und ich bin froh, dass man damit Geld verdienen kann. Denn es macht unheimlich Spaß, Rennen zu fahren. Hart ist nur die Zeit zu Hause im Training. Viele glauben allerdings, es sei andersherum.

War das Geld der Grund, weshalb Sie das Team gewechselt haben und nun für ein deutsches Team fahren?
Nein, die Angebote von meinem alten Arbeitgeber Quick-Step war dem von Bora sehr ähnlich. Ich hatte? bei Quick-Step aber das Gefühl, führ meine Anliegen nicht immer ein offenes Ohr zu finden. Das Team war und ist in der Breite sehr stark aufgestellt. Da ist es schwierig, die Chance zu bekommen, um mal herauszustechen. 

Lesen Sir auch: John Degenkolb vor der Deutschlandtour in guter Form

Manchmal geht das, aber oftmals ist es nur Glück, wenn einer der Leader einen Platten hat oder sich schlecht fühlt. Darauf wollte ich es in der Zukunft aber nicht mehr ankommen lassen. Deshalb bin ich zu Bora gewechselt. Dort sehe ich einen guten Platz für mich und habe in Dan Lorang einen tollen Trainer gefunden. So einen guten Trainer hatte ich bislang noch nie.

Ist der neue Coach für Ihre gute Form verantwortlich?
Seit fünf, sechs Jahren geht es bei mir stetig bergauf, ein gesundes Wachstum. Dazu kommt natürlich die tolle Zusammenarbeit mit Lorang. Er ist so motiviert, hat so tolle Ansätze. Es ist ein perfektes Zusammenspiel: Ich analysiere mich selbst, gebe mein subjektives Feedback. Er sieht den Sportler in Zahlen und gibt eine objektive Bewertung ab.

Jetzt stehen die Frühjahrsklassiker an. Sie werden beim Amstel Gold Race einsteigen. Mit welchen Chancen?
Ich bin das Amstel Golf Race erst einmal gefahren, aber ich habe die Bilder des vorigen Jahres im Kopf, als der Däne Michael Valgren überraschend gewann - in dieser Konstellation im Finale traue ich mir das auch zu. Er hat die Möglichkeit gesehen und seine Chance genutzt. Das kann in diesem Jahr natürlich völlig anders aussehen. Das zeigt mir einfach, die Strecke und das Rennen geben es her. Wie ich am Ende mit der Länge klarkomme, wird sich zeigen. In meinem Alter fährt man solch ein Rennen auch, um zu lernen und Erfahrung zu sammeln. Wie fühlen sich die Beine an? Wie die Beine der anderen? Diese Fragen werde ich dann selbst beantworten können.

Sie werden auch am Start von Lüttich-Bastogne-Lüttich stehen. Dem wohl schwersten Klassiker.
Gerade die Katalonien-Rundfahrt hat mir gezeigt, dass ich auf unterschiedlichstem Terrain die Möglichkeit habe, mitzufahren. Ich glaube, dass ich bei allen drei Klassikern eine Chance habe, auch wenn der Schlussanstieg beim Flèche Wallonne extrem auf Julian Alaphilippe (Sieger von Mailand-Sanremo; Anmerk. der Red.) zugeschnitten ist, der bei solchen Ankünften in einer eigenen Liga fährt. Lüttich-Bastogne-Lüttich ist aber definitiv der schwerste Klassiker. Die Länge plus die zahlreichen schweren Anstiege und die Höhenmeter die zu bewältigen sind - keine Frage, das ist das Rennen, das am meisten über die Beine entschieden wird. Allerdings fällt in diesem Jahr der Schlussanstieg weg. Das wird für alle neu sein, von daher ist auch für alle mehr möglich. Keiner weiß, was wird passieren nach 250 Kilometern hoch und runter.

Das Frühjahr vor der Brust, den Sommer schon im Kopf? Mit anderen Worten: Denken Sie schon an Ihre erste Tour de France?
Definitiv ist das mein großes Ziel, auch was die Trainingssteuerung betrifft. Dort möchte ich am Schnellsten fahren. Ob mir das gelingt, wird sich dann zeigen.

Peter Sagan für die Sprints und Emanuel Buchmann fürs Gesamtklassement werden als Kapitäne nach Frankreich fahren. Welche Rolle bleibt dann für Sie?
Gerade in der Woche zwei und drei gibt es ausreichend Chancen für Fluchtgruppen. Da sehe ich meine Chance, wenn ich sie bekäme, sollte ich sie auch nutzen.

Peter Sagan ist der Popstar des Radsports. Bleibt da im Team überhaupt noch Luft für andere?
Ganz sicher. Gerade Peter ist eine große Chance im Team. Das sehe ich in jedem Rennen. Jeder schaut auf ihn. Der ist wie ein Magnet für die Augen der anderen. Das kann ein Vorteil sein für die restlichen Kollegen. Wenn wir uns schlau anstellen und in allen Gruppen vertreten sind, kann man anfangen zu spielen. Das kann für die Mannschaft eine optimale Konstellation sein. Peter bleibt einfach in der Gruppe der Besten und die anderen fahren einfach. Dann fragen sich die anderen: „Sollen wir hinterherfahren? Dann sprintet uns am Ende Peter ab. Bleiben wir sitzen? Dann gewinnt einer der Ausreißer.“ Das ist Teamwork. Das ist Radsport.

Jetzt spielen wir schon seit Jahren das Spiel, Deutschland sucht den Rundfahrer. Fühlen Sie sich da angesprochen?
Da zitiere ich meinen Trainer, der sagt: „Bis jetzt bist du noch ein Multikulti. Mal schauen, ob wir das mit dem Rundfahrer hinbekommen.“

Werden Sie auch am 1. Mai bei deutschen Radklassiker Eschborn - Frankfurt am Start stehen?
Bis jetzt bin ich Reserve. Ich habe auch ein ganz schön knackiges Rennprogramm. Die Charakteristik des Rennens liegt mir. Trotzdem werden wir das erst nach den Ardennen-Klassikern entscheiden.

Aber wie haben Sie so schön gesagt: Rennenfahren macht mehr Spaß als zu Hause zu trainieren.
Definitv, aber wenn man einmal über den Punkt ist, macht Rennfahren ganz schnell nicht mehr so viel Spaß.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare