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Caster Semenya beim Internationalen Stadionfest im Berliner Olympiastadion 2017.

Internationaler Sportgerichtshof CAS

Entscheidung im Fall Caster Semenya naht

Bis Ende April soll es im Fall Caster Semenya ein Urteil des Internationalen Sportgerichtshof CAS geben. Die Entscheidung über die sogenannte „Testosteron-Regel“ des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF könnte weitreichende Folgen für den gesamten Sport haben.

Die Emotionen im „Fall Semenya“ kochen schon vor der Urteilsverkündung hoch. Marathon-Weltrekordlerin Paula Radcliffe warnte vor einem „Ende des Frauensports“, Politiker aus Semenyas Heimatland Südafrika protestierten gegen „verkleideten Hass“ - und selbst der UN-Menschenrechtsrat sah sich zu einer Resolution veranlasst.

Der Stein des Anstoßes ist die sogenannte „Testosteron-Regel“ des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF, gegen die die zweimalige 800-m-Olympiasiegerin Caster Semenya vor dem Internationalen Sportgerichtshof CAS Einspruch eingelegt hat. Nach der geplanten Regel dürfen Frauen, wenn sie auf bestimmten Strecken (400 m bis Meile) international starten wollen, einen Grenzwert für körpereigenes Testosteron von fünf Nanomol pro Liter nicht überschreiten.

Was nur wie eine mittelmäßig verständliche medizinische Vorgabe daherkommt, ist seit Jahren Gegenstand erbitterten Streits. Denn Athletinnen mit „Differences of Sexual Development“ (DSD) müssten ihren Testosteronwert mit Hilfe von Medikamenten senken. Ihre Werte sind auf natürliche Weise zumeist deutlich erhöht.

Urteil im Fall Caster Semenya wird bereits jetzt mit dem Bosman-Urteil verglichen

Die englische Tageszeitung The Guardian verglich die möglichen Auswirkungen bereits mit dem Bosman-Urteil im Fußball. Von einem „monumentalen Urteil für die Zukunft des Frauensports“, sprach IAAF-Präsident Sebastian Coe. Sein Verband argumentiert, Athletinnen wie Semenya hätten durch ihren Testosteronwert uneinholbare Vorteile gegenüber ihren Konkurrentinnen. Laut einer - allerdings kritisierten - IAAF-Studie soll der Vorteil bis zu 4,5 Prozent betragen.

Der gesamte Sport, denn der Richterspruch wird auch von vielen weiteren Verbänden mit großem Interesse beobachtet, steht vor einem Dilemma: Kann man einen kleinen Teil von Sportlerinnen zur Einnahme von Medikamenten zwingen, damit der große Teil mehr Chancen hat? Was ist mit möglichen Spätfolgen der Medikation? Geht es nicht beim Sport immer darum, körperliche Vorteile in Erfolg umzumünzen? Aber: Könnten nicht bald nur noch Frauen mit erhöhtem Testosteronwert in bestimmten Disziplinen Chancen auf Erfolg haben?

Bis Ende April soll es nun eine Entscheidung des CAS geben. Den ersten Termin Ende März konnte das Gericht nicht einhalten. Der Sportgerichtshof selbst sprach von einem der grundlegendsten Fälle in seiner Geschichte.

Urteil im Fall Caster Semenya: Tiefe Eingriffe in Persönlichkeitsrechte

„Es gibt viel zu bedenken. Es geht um tiefe Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte“, sagte Ulrike Spitz vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB): „Was allerdings wichtig ist: Man darf niemanden ausschließen, Sport zu treiben.“ Deutsche Spitzensportlerinnen würden ihres Wissens derzeit nicht von der Testosteron-Regel betroffen sein.

Spitz erinnert auch an die Änderung des Personenstandrechts in Deutschland im vergangenen Jahr. Ist eine dritte Klasse eine Option auch für den Sport? „Man muss prüfen, ob es im Sinne der entsprechenden Athlet*innen ist. Das sollte von den Betroffenen abhängen, auch deshalb sind wir im Austausch mit Interessenverbänden“, sagte Spitz, die sich bei der Thematik für mehr Aufklärung aussprach, aber auch anfügte: „Ich kann es mir nur schwer vorstellen, dass es eine absolute Regelung gibt, die allen gerecht werden kann. Man muss jeweils passende Lösungen finden.“

Die IAAF ist jedenfalls klar gegen die Einführung einer neuen Kategorie. „Es geht ganz einfach darum, dass weibliche Athleten an Wettkämpfen teilnehmen können und einigermaßen davon überzeugt sein können, dass sie in einem fairen Konkurrenzfeld starten. Im Moment ist das nicht der Fall“, sagte Coe der ARD.

Paula Radcliffe warnt vor „Ende des Frauensports“

Radcliffe denkt bei ihren Befürchtungen, die sie beim englischen TV-Sender Sky äußerte, noch einen Schritt weiter. Sollte Semenya Recht bekommen und dies das Tor dazu öffnen, dass auch Transgender-Sportlerinnen im Frauenbereich ihre Testosteron-Werte nicht anpassen müssten, wäre dies das „Ende des Frauensports“.

Für Semenya geht es um ihre Karriere. Sie musste bereits einige Zeit lang ihren Testosteronwert senken - und konnte währenddessen nicht an ihre Leistungen anknüpfen. Erst Ende 2015, nachdem der CAS eine Neuregelung gefordert hatte, durfte sie ohne Medikamente starten. Seitdem hat sie alle ihre Rennen über 800 m gewonnen.

Doch Semenya ist kein Einzelfall: Erst in der vergangenen Woche erklärte ihre größte Rivalin, Francine Niyonsaba aus Burundi, dass sie ebenfalls unter die Testosteron-Regel fallen würde. Niyonsaba gewann 2016 Silber bei Olympia in Rio und 2017 Silber bei der WM in London - jeweils hinter Semenya. (Von Dominik Kortus, sid)

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