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Stiller Genießer: Karl Geiger, Dritter der Vierschanzentournee.

Skispringen

Ingenieur der Träume

Karl Geigers Klasseauftritt bei der Vierschanzentournee eröffnet Perspektiven.

In seine ersehnte Freizeit startete Karl Geiger mit einer Dose Bier. Auf dem Weg aus dem Sepp-Bradl-Stadion in Bischofshofen stoppte der Allgäuer am Kühlschrank im Pressezentrum, griff beherzt zu und verabschiedete sich mit einem Lächeln in eine kurze Erholungspause. „Ich bin froh, dass ich mal die Füße hochlegen kann“, sagte der Dritte der Vierschanzentournee.

Geiger will Zeit mit seiner Familie verbringen, den Akku aufladen. Dann geht‘s am Wochenende in Italien schon wieder um Weltcuppunkte. Und die können für den derzeit besten deutschen Skispringer noch wichtig werden.

„Es wird ein kurzes Krafttraining geben zu Hause, am Donnerstag ist die Anreise nach Predazzo und dann läuft der Zirkus ganz normal weiter“, stellte Bundestrainer Stefan Horngacher nüchtern fest. Nach seinen furiosen Tourneeauftritten mit drei zweiten Plätzen liegt Geiger im Gesamtweltcup nur 25 Punkte hinter dem japanischen Vorjahreschampion Ryoyu Kobayashi. Um an das Gelbe Trikot für den besten Springer der Saison zu denken, sei es noch zu früh, sagte Horngacher. Der Skisprungfachmann aus Österreich meinte aber auch: „Der Karl hat die Stabilität.“

Sein derzeit bester Springer war in dieser Saison nie schlechter als Achter. Mit seiner konstanten Stärke und der neuen Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit geht der Oberstdorfer Naturbursche bemerkenswert unaufgeregt um. Den großen Trubel braucht der 26-Jährige nicht, er ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was man eine „Rampensau“ nennen würde.

Gegenentwurf Eisenbichler

Zu Kampfansagen ließ sich Geiger auch nach den famosen Auftritten bei den Heimspringen in Oberstdorf und in Garmisch-Partenkirchen nicht verleiten. Geiger ist im Team der analytische „Ingenieur“, nicht der extrovertierte Sprücheklopfer. Für markige Aussagen sind in der deutschen Mannschaft andere zuständig - Geigers Freund und Dreifachweltmeister Markus Eisenbichler zum Beispiel.

Wie „Yin und Yang“ seien sie, beschrieb „Eisei“ vor ein paar Wochen den Unterschied zwischen sich selbst und seinem Zimmerkollegen, mit dem er schon viele sportliche Höhen und Tiefen erlebte. „Karl ist eher so der Denker, er muss alles gut durchdenken. Ich bin eher der Gefühlsspringer. Der eine kann vom anderen was lernen und andersrum.“

Geiger analysiert sachlich und erklärt seine Sprünge unaufgeregt und meist ohne große emotionale Ausschläge. Ruhig und stetig verlief auch seine Karriere. Geiger tauchte nicht aus dem Nichts plötzlich auf und gewann alles. Sein Weg in die Weltspitze war ein langer und kontinuierlicher. Der „Bachelor of Engineering“ in Energie- und Umwelttechnik hat für den Erfolg hart geschuftet.

Lange stand Geiger im Schatten von Severin Freund, Richard Freitag, Andreas Wellinger oder Eisenbichler. So richtig in den Mittelpunkt trat er erst bei der WM im vergangenen Jahr in Seefeld, als er Gold mit der Mannschaft und im Mixed-Team holte sowie Silber von der Großschanze gewann. Wenn er seine Tourneeleistung dauerhaft abruft, kann er der erste deutsche Gesamtweltcupsieger seit Freund 2014/15 werden.

Geigers Leidenschaft für das Springen auf Skiern entwickelte sich früh. Bereits als Kind hüpfte er über Kuppen und Anhöhen – zunächst noch mit Alpin-Ski. In der Jugend probierte er sich auch in der Nordischen Kombination, trainierte mit dem späteren Olympiasieger Johannes Rydzek. Am Langlauf habe er aber „nichts dran gefunden“, erzählte er mal lachend.

Das Fliegen begeisterte ihn dafür umso mehr. „Ich genieße die Geschwindigkeit, das schwerelose Gefühl, es ist einfach cool“, beschrieb Geiger im „Bayerischen Rundfunk“ seine Leidenschaft für das Skispringen: „Man spielt mit den Grenzen.“ Wo seine persönlichen liegen, ist noch lange nicht klar. (dpa)

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