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Am Chronischen Erschöpfungssyndrom erkrankt und nur noch ein Schatten seiner selbst: der frühere Profi-Kicker Olaf Bodden.

Immer müde

Der frühere Fußballprofi Olaf Bodden war ein Energiebündel, bis er vor fast sieben Jahren am chronischen Erschöpfungssyndrom CFS erkrankte, das ihn berufsunfähig machte

Von SABINE KRISCHKE

Das Gedächtnis zu verlieren, ist für ihn eine grausame Vorstellung. "Man lebt doch auch von seinen Erinnerungen", sagt Olaf Bodden. Er kneift die Augen zusammen und blinzelt in die Sonne. "Die vertrage ich auch nicht mehr", sagt er und kurbelt die Markise heraus. Schatten fällt auf die kleine Terrasse mit den weißen Gartenstühlen aus Plastik. Auf der anderen Seite der Doppelhaushälfte am Münchner Stadtrand rumoren die Nachbarskinder. Olaf Bodden nippt an seiner Apfelschorle, versteckt das bleiche Gesicht im Schatten. Seine Frau Sina sagt: "Man gewöhnt sich an den Zustand."

Kopfball-Ungeheuer, Brecher, Reißer, weiß-blauer Riese. So feierten die Fans einst Olaf Bodden. Als der 1,93 Meter große Hüne noch flanken, sprinten, passen, köpfen und Tore schießen konnte. 90 Minuten lang. Ohne Pause. Ohne Schwäche. Mit Ehrgeiz. Wie das eben erwartet wird in der ersten Fußball-Bundesliga. 92 Einsätze kann Olaf Bodden vorweisen. Zuletzt stürmt er für den TSV 1860 München. 67 Spiele, 25 Tore. Das letzte schießt er im Oktober 1997 gegen Wolfsburg. Er steht nur kurz auf dem Platz. Schon seit Wochen fühlt er sich schlapp, träge, müde, hundeelend. Und jetzt quälen ihn auch noch Migräne, Dauerübelkeit, Durchfall und Muskelschmerzen. Im Januar 1998 dann die Diagnose: Chronisches Erschöpfungssyndrom, kurz CFS. Ursache? Unbekannt. Therapie? Schulterzucken. Bodden ist 28 Jahre alt.

"Es ist so, wie es ist", sagt der Ex-Stürmer und rückt den Gartenstuhl tiefer in den Markisenschatten. Nein, es gehe ihm nicht gut. Und Sonne verschlechtere seinen Zustand. Das wisse er seit Gran Canaria. Vom milden Insel-Klima hatte er sich Besserung erhofft: "Stattdessen hat mir die Sonne geschadet." Der Luftwechsel war eine von vielen Therapien, die Bodden in den vergangenen sechs Jahren versucht hat. "Man greift nach jedem Strohhalm", sagt er. Sogar mit Voodoo habe er es versucht: "Ich wurde in ein Tuch gehüllt und total eingenebelt." Vom bösen Zauber hat ihn der Hokuspokus nicht befreit. Ebenso wenig halfen Eigenbluttherapie, Störfeldspritzen, Entsäuerungsbäder, Elektroakupunktur, Vitamincocktails, Darmsanierung, Haysche Diät, Sauerstoff-Therapie und ähnliches: "Ich wollte nichts unversucht lassen", sagt Bodden. Seine Frau sagt: "Krank, krank, immer nur krank, da verliert man die Hoffnung."

Fußball habe er gespielt, seit er laufen kann, erzählt Olaf Bodden. Seit er fünf ist im Verein. In seinem Heimatdorf Hasselt in Nordrhein-Westfalen. Einem Gemeindeteil von Bedburg-Hau. Das Talent hat Olaf vom Vater. Der kickt in der höchsten Amateurklasse. Auch er hatte das Zeug zum Profi. Nur nicht die Zeit. Der Vater ist Unternehmer, hat ein großes Möbelhaus aufgebaut. Sohn Olaf, mittlerweile volljährig, spielt bei Victoria Goch in der Oberliga, und macht eine Lehre als Einzelhandelskaufmann. 70 Stunden schuftet und rackert er in der Woche. Erst die Arbeit, dann Training, am Wochenende Punktespiele und dazu noch zweimal wöchentlich Tennis und Kickboxen. "Alles ist nur eine Frage des Wollens", sagt der Unternehmersohn. Und des Fleißes. Und des Ehrgeizes. Mit 21 Jahren spielt Bodden in der ersten Bundesliga für Mönchengladbach, 1991 wechselt er zu Hansa Rostock, 1994 holen ihn die Münchner Löwen.

"Entweder lebe ich damit oder ich bringe mich um", sagt Olaf Bodden. Er dreht die Markise weiter heraus. Der Schatten gewinnt Terrain. Anerkannt berufsunfähig sei er mittlerweile. Mit 36 Jahren. In diesem Alter endet normalerweise die aktive Karriere eines Fußballers. Bodden weiß: "Für mich gibt es kein Zurück." Er könne das mittlerweile akzeptieren, habe kaum noch Aggressionen. Auch wegen des Alters. "Aber das war ein langer, schwieriger Prozess." Selbst in der Zeit, in der es ihm hundsmiserabel ging, gab er die Hoffnung auf ein Comeback nie auf. Die ersten Jahre nach der Diagnose liegt der ehemalige Leistungssportler fast ständig darnieder, ist bettlägerig wie ein Greis, kann kaum zwei Schritte tun, ohne zu ermüden: "Selbst der Weg zum Briefkasten war zu viel." Übelkeit quält ihn, er isst kaum etwas, nimmt 30 Kilo ab und denkt mehr als einmal an Freitod. "Das schlimmste ist, dass dich keiner versteht", sagt er.

Die Krankheit zu erklären sei unmöglich: "Bleiben Sie 80 Stunden am Stück wach, so fühle ich mich ständig", versucht er es dennoch. Früher sagte er: "Das ist wie eine sehr schwere Dauergrippe." Wie es wirklich ist, weiß nur er. Erahnen können es Leidensgenossen. 300 000 CFS-Kranke soll es in Deutschland geben. Es trifft oft die Jungen, die Aktiven, die Erfolgreichen. Boddens Frau sagt: "Die schlimmsten Phasen? Das war zum Kotzen!"

Boddens Vertrag mit dem TSV 1860 München lief im Sommer 2000 aus. Zwei Jahre ohne Einsatz. Verabschiedet wird er nicht. Als einziger Spieler in der Vereinsgeschichte. Sang- und klanglos endet die Karriere des Kopfballungeheuers. Drei Tore in einem Spiel gegen Arminia-Bielefeld. Der so wichtige Treffer gegen Bremen in der 89. Minute. Sein Tor gegen Wolfsburg. Vergessen. Vergangenheit. Als Boddens seltsame Krankheit beginnt, lästert Trainer Werner Lorant über seinen ewig müden Stürmer: Ein Simulant, der mit Alibigequatsche von zu wenig Training ablenken wolle.

Angefangen hatte Boddens sportlicher Untergang recht harmlos: 1996 erkrankt er am Pfeifferschen Drüsenfieber, einer Viruserkrankung des Lymphsystems. Fünf Wochen, dann sind Sie wieder fit, hieß es. Bodden aber kämpft monatelang mit der Krankheit. Als er wieder voll trainieren kann und 90 Minuten durchhält, fühlt er sich geheilt. Ein Trugschluss. Sein Körper streikt bald darauf erneut. Wehrt sich gegen jede Bewegung. Fordert Schlaf. Ruhe. Will nicht mehr. Da hilft alles Wollen nichts.

"Ich kann nichts dran ändern", sagt Olaf Bodden. Seine Zunge wird müde. Die Vokale dehnen sich. Ein Schluck aus der Apfelschorle soll helfen. Die Nachbarskinder klappern mit Geschirr. Es ist bald Mittagszeit. Nein, Werner Lorant trage er nichts nach, sagt er. Im Gegenteil: "Ich habe ihm viel zu verdanken." Der ruppige 1860-Trainer habe öffentlich viel gequatscht, gern den harten Hund markiert. "Unter vier Augen hat sich das aber immer ganz anders angehört." Nur darauf komme es an. Lästern liegt Bodden nicht. Und dass die Löwen ihm den Abschied verweigerten? "Das war traurig", sagt er. Bis heute kenne er nicht den Grund.

Mit Karl-Heinz Wildmoser habe er danach nie wieder ein Wort gesprochen. Ehrlichkeit ist Boddens Ding. Ob das harte Training, der Erfolgsdruck, sein Ehrgeiz die Krankheit mitbedingten? "Kann sein", sagt Bodden. Er glaube aber eher, dass er einfach Pech hatte. Und überhaupt: Was früher war, "interessiert mich alles nicht mehr", sagt er. Zu lange her. Für ihn als Leistungssportler sei damals eine Welt zusammengebrochen. Er habe sich eine neue geschaffen. Ganz langsam.

Heute ist die Familie der Lebensmittelpunkt. Seine Frau Sina, die 15-jährige Tochter Denise und die fünfjährige Anisja. Foto neben Foto im Wohnzimmer dokumentieren: Hochzeit, Babyzeit, Einschulung, Urlaubsglück. Kein Fußballbild dazwischen: "Die hängen oben." Boddens Tagesablauf heute: Ausschlafen, "mindestens 12 Stunden", spazieren gehen, "höchstens 20 Minuten", Zeitung lesen, Mittagessen, bei Hausaufgaben helfen, zum Trainingsgelände von 1860 fahren, gucken, beim Abendessen mithelfen "wenn's geht", fernsehen, schlafen. Frau Sina sagt: "Wir haben uns arrangiert."

Vor drei Jahren fand Olaf Bodden einen Arzt, der zumindest den schlimmsten Zustand lindern konnte: Ein Immunologe aus Düsseldorf. Der Experte für das Chronic Fatigue Syndrome untersucht sein Blut auf eine Art und Weise, die keine Krankenkasse bezahlt. Er spritzt Hormone, Antivirostatika und sonstige Infusionen, die selbst die Privatversicherungen als "medizinisch nicht notwendig" einstufen. Der Experte sagt: Es gibt keine psychosomatischen Erkrankungen. Die Privatversicherung sieht gerade hier Handlungsbedarf: "Eine Psychotherapie mit Antidepressiva würden die bezahlen." Damit aber kann Bodden nichts anfangen.

Er will zurück nach Düsseldorf. Die Therapie dort habe ihm geholfen. Nur leisten kann er sie sich nicht mehr. Kein Geld mehr da. Hunderttausende hat der Ex-Profi für den Kampf gegen die Krankheit ausgegeben. Alles aus eigener Tasche bezahlt. Der Prozess mit der Krankenkasse läuft seit Monaten. Mal wieder einer. Die Elektroakupunktur wollte die Versicherung auch nicht zahlen. Bodden verlor. Diesmal hofft er auf Erfolg. Ein positives Gutachten macht ihm Mut. Die Therapie in Düsseldorf taugt was, steht darin. "Es geht mir seitdem besser", sagt Bodden: "Aber ich bin längst nicht gesund." Seine Frau Sina sagt: "Ich habe mich damit abgefunden."Ja, sicher, die Münchner würden ihn schon noch kennen, sagt Olaf Bodden. Zumindest die Fußballinteressierten. Jeden Tag fährt er auf den Trainingsplatz, guckt zu, ist bei jedem Heimspiel dabei. "Ich halte den Kontakt", sagt Bodden und rückt seinen Gartenstuhl so dicht es geht an die Terrassentür. Der Markisenschatten schwindet in der Mittagssonne. Das Telefon klingelt. Ein Journalist. "Ja; gegen den Kahn; damals; ein Rempler im Derby; zwei Rote Karten", kommen Boddens Antworten. "Es rufen jede Woche welche an", sagt er. Lokalredakteure. Man schätze ihn als Experten, "weil ich objektiv bin". Und er gibt gerne Auskunft. "Ich wünsche mir wieder eine Aufgabe im Leben."

Wie es weitergeht? "Ich mache keine Pläne", sagt Bodden. Seine Hoffnung? "Ich wäre so gern gesund." Und seine Familie? "Ich weiß auch nicht, wie wir das alles bis jetzt geschafft haben." Seine Frau sagt: "Man kann niemand in einer solchen Situation im Stich lassen."

1999 haben Chirurgen bei Sina Bodden einen faustgroßen Tumor aus dem Gehirn geschnitten. Keine Metastasen. Aber sie ist auf einem Ohr taub. Und muss regelmäßig zur Nachkontrolle. Die Krankheit ihres Mannes nimmt keine Rücksicht: Sina kümmert sich allein um Haushalt, Kinder, Garten. Verdient als Immobilienmaklerin hinzu, was zum Leben in einer Münchner Doppelhaushälfte mit kleiner Terrasse fehlt. Olaf Boddens private Berufsunfähigkeitsrente entspricht dem dreißigsten Teil seines einstigen Profigehalts. "Es hilft doch nichts, da muss ich Realist sein", sagt er, schluckt ein letztes Mal an der Schorle und steht auf. Kurbelt die Markise zurück.

Frau Sina hat gerade Wäsche aufgehängt. Die soll in der Sonne trocknen. Die Nachbarskinder schweigen. Die Mittagsruhe am Stadtrand Münchens beginnt. Frau Sina sagt: "Es ist schlimm, wenn junge Leute so ein Schicksal trifft." Olaf Bodden, 1,93 Meter groß, 36 Jahre alt, sehr müde, aber dank Düsseldorf wieder 92 Kilo schwer, entgegnet: "So ist das Leben, Realismus, das ist sehr wichtig." Sina Bodden streift ein Frottee-Handtuch über die Leine: "Ja, ja, manche Menschen träumen ja ständig, schweben in den Wolken. Aber die Realität kann manchmal wirklich grausam sein."

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