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Immer an der Schmerzgrenze: Vico Merklein.

Paralympics

Immer geradeaus

Handbiker Vico Merklein will endlich mal Gold.

Zum Glück hat Vico Merklein sich damals richtig entschieden. In den schwierigen ersten Jahren nach seinem Unfall sei er „an einem Punkt gekommen, an dem es für mich zwei Möglichkeiten gab“, erzählt er heute: „Entweder ich springe vom Hochhaus oder ich tue etwas, um voranzukommen.“ Er hat sich für letzteres entschieden.

Heute sei sein Leben „nicht mehr langweilig“, sagt Merklein in einem Interview des Sport-Informationsdienstes. „Ich werde oft gefragt: Würdest Du gerne wieder laufen können? Klar, einerseits wäre das super. Aber ich habe mein Leben so arrangiert. Makaber gesagt würde ich deshalb wohl nicht mehr tauschen wollen.“ Er sei „nicht gläubig“, sagt der 39-Jährige: „Aber für jeden gibt es das Buch des Lebens. Bei mir hat es sich beim Umschlag von einer auf die anderen Seite komplett geändert. Aber ich nehme es so, wie es ist und lese es zu Ende.“

Mit dem Tag, der alles komplett änderte, hat er inzwischen seinen Frieden geschlossen; er kann sogar humorvoll davon erzählen. Einen Tag vor seinem 20. Geburtstag geschieht es, am 11. August 1997. Merklein fährt mit dem Motorrad, „vielleicht 15 km/h“, als der Ersatz-Helm auf den Lenker rutscht. Er will reagieren, verreißt das Motorrad. „Es hat sich aufgestellt“, berichtet Merklein. Er rutscht eine Böschung herunter. „Vielleicht 50 Zentimeter. Dort war ein Zuckerrüben-Acker.“ Er machte eine kurze Pause: „Und dann bin ich wohl unglücklich auf einer Zuckerrübe aufgekommen.“

Klingt harmlos, und sein Rückenmark ist zunächst auch gar nicht zerstört. „Es war nur gequetscht“, erzählt er: „Aber ein blauer Fleck hat die Nervenbahn abgeklemmt. Heute gibt es für so etwas Spritzen.“

Die Phase der Orientierung danach hat lange gedauert, „weil 20 ein Scheißalter ist für eine Querschnittslähmung“. Initialzündung für den Sport ist ein Rollstuhlfahrer, den er im Fernsehen Fahrrad fahren sieht. Seine Oma kauft ihm ein 6500 Euro teures Handbike. „Ich habe mich draufgesetzt und bin gefahren, bis ich nicht mehr konnte. Normal fährt man Runden und hört auf, wenn man nicht mehr kann. Ich bin immer geradeaus gefahren, bis ich nicht mehr konnte. Und dann musste ich irgendwie zurück.“ Dieser Antrieb machte ihn zu einem der besten Handbiker der Welt.

In Rio will er erstmals Gold gewinnen. „Sehr weit weg von der Realität ist das nicht“, sagt er. Doch das Kuriose ist: Merklein hat noch keinen großen Titel gewonnen, aber seit 2011 war er bei Weltmeisterschaften und Paralympics schon sechsmal Zweiter. „Der Reiz davon ist: Ich bin der, der immer jagen darf“, sagt er: „Aber so langsam habe ich keinen Bock mehr, der ewige Zweite zu sein.“ (sid)

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