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Der ideale Ort für die WM

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Men play chess in Washington Square Park taking advantage of good weather in New York May 4, 2007. REUTERS/Eric Thayer (UNITED STATES) - RTR1PCOV
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Men play chess in Washington Square Park taking advantage of good weather in New York May 4, 2007. REUTERS/Eric Thayer (UNITED STATES) - RTR1PCOV n © © ERIC THAYER / Reuters (X02070)

In New York wird an vielen Plätzen Schach gespielt - und die Stadt ist die Heimat eines der größten Spieler

Von Sebastian Moll

Die Schachspieler vom Washington Square Park sind harten Wettbewerb gewohnt, das Spielniveau an den Tischen im Herz von Greenwich Village ist legendär. Doch so etwas, wie an diesem Montag hatten sie noch nie erlebt. „Ich hatte keine Ahnung, wer der Junge ist“, sagte später ein älterer Mann namens Javier, der jeden Tag hier spielt. „Ich habe nur nach den ersten Zügen gemerkt, dass das ein starker Spieler ist.“ Nach nur zehn Zügen war Javier jedoch schachmatt – ebenso, wie ein halbes Dutzend seiner Kollegen.

Zunächst waren die Männer vom Park wie vor den Kopf gestoßen, doch als sie erfuhren, wer sie da so nonchalant überrannt hatte, flog allen ein breites Lächeln über das Gesicht. Es war kein geringerer als Magnus Carlsen, der amtierende Weltmeister. Der Norweger ist in der Stadt, um seinen Titel zu verteidigen, an diesem Samstag beginnt die WM gegen Sergej Karjakin im historischen Seehafen an der South Street. Und da Carlsen schon in New York war, fand er es angemessen, die große Schachkultur von New York zu würdigen.

Bevor er zum Washington Square wanderte, „um dort die Ehre der norwegischen Spieler zu zu verteidigen“, wie er sagte, hatte er dem Marshall Chess Club an der 10. Straße einen Besuch abgestattet. Der 101 Jahre alte Club ist der traditionsreichste der Vereinigten Staaten mit so prominenten Mitgliedern wie dem Künstler Marcel Duchamp und dem bislang einzigen US-Weltmeister Bobby Fischer.

1956 focht der damals 13 Jahre alte Fischer, der das Spiel in den Straßen von Brooklyn gelernt hatte, in den Räumen des Marshall Clubs das „Spiel des Jahrhunderts“ aus – wie die Partie gegen den Großmeister Donald Byrne damals genannt wurde. Der 13-Jährige schlug sich so gut, dass die gesamte Schachwelt auf ihn aufmerksam wurde. Es war der Beginn einer der größten internationalen Schach-Karrieren.

New York als Austragungsort für eine Schach-WM ist eine überaus stimmige Wahl. Der Sport hat tiefe Wurzeln in dieser Stadt. So glaubt Michael Propper, Präsident der Schachvereinigung Chess NYC, dass rund 70 Prozent der Schachspieler des Landes in New York sind. Das reicht von Jugendspielern über die vielen Straßenspieler in den Parks bis hin zu Weltklasse-Spielern wie den beiden Großmeistern Hikaru Nakamura und Fabiano Caruana.

Bei Jugendlichen sehr beliebt

Am sichtbarsten ist die Schachkultur der Stadt sicherlich in den beiden Parks von Downtown Manhattan, wo das Spiel gepflegt wird. An jedem Tag, an dem das Wetter es zulässt, sind am Union Square und am Washington Square je rund zwei Dutzend Tische von morgens bis abends belegt. Es geht immer um Geld, 20 oder 30 Dollar pro Spiel und die Züge sind auf fünf Minuten begrenzt. So sind die Spiele so schnell wie das Tempo auf New Yorker Straßen. Die Spieler sind meistens Autodidakten, die auf verschlungenen Wegen zum Sport gekommen sind. Wie etwa Carl aus Brooklyn, der arbeitslos ist und hier am Tag bis zu 200 Dollar verdient. Angefangen hat Carl, als er erfuhr, dass Bobby Fischer auf dieselbe High School gegangen ist, wie er.

Rund um den Washington Square florierten auch lange Zeit Dutzende von Schachcafés, in die man einfach hinein marschierte und jederzeit einen Gegner fand. Im Zuge der Gentrifizierung und steigender Mieten mussten viele schließen. Einige machen jedoch als gemeinnützige Organisationen weiter und bieten unter anderem Schachprogramme für Schulkinder an.

Überhaupt ist Schach unter Jugendlichen in New York erstaunlich beliebt. Gerade in schlechteren Gegenden der Stadt drängen Eltern ihre Kinder zum Schachspiel, damit sie von der Straße wegkommen. Hunderte von Schulen bieten Schachprogramme nach der Unterrichtszeit an. Es ist eine der effektivsten und billigsten Arten, die Kinder zu beschäftigen, bis die Eltern von der Arbeit kommen. Geschichten wie die des 14 Jahre alten Justice Willams aus der Bronx, der bereits Großmeister-Status hat und zu einem der zehn einflussreichsten jungen Afro-Amerikanern des Landes gewählt wurde, sind keine Ausnahme.

So verfügt die Stadt über ein riesiges Talentreservoir und über einen ebenso großen Pool an Fans für die Weltmeisterschaft. Deshalb erwarten die Veranstalter auch deutlich mehr Zuschauer als die 1200, die 1995 täglich in das World Trade Center kamen, um die Partie zwischen Garry Kasparow und Viswanathan Anand zu beobachten. Anthony Saquisili etwa, ein 17-Jähriger, der für die Edward Murrow High School spielt, kann es kaum erwarten, sich „die Taktik und das Genie von Magnus“ aus der Nähe anzuschauen. Auch wenn man heutzutage die Partien live im Netz verfolgen kann – Carlsen aus der Nähe zu erleben, ist selbst für New Yorker Teenager heute noch etwas ganz besonderes.

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