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Olympia-Traum gefährdet: Gina Lückenkemper.

Leichtathletik

„Ich will schwer hoffen, noch mal ein Rennen laufen zu können“

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Die Sprinterin Gina Lückenkemper über ihren gefährdeten Olympia-Traum, Training in Zeiten des Virus und warum sie eine Hausarbeit auf dem Beifahrersitz schreiben musste.

Frau Lückenkemper, welche Auswirkungen hat das Coronavirus auf Ihr Training – auch mit Blick auf Ihre Trainingsgruppe in den USA?

Durch den Einreisestopp konnte ich nicht wie geplant zu meinem Trainer in die USA fliegen. Momentan trainiere ich da, wo man mich aktuell überhaupt noch trainieren lässt. Die Leichtathletikhallen in Deutschland und Fitnessstudios wurden ja geschlossen. Ich bin momentan in einigen Gesprächen, was die Nutzung diverser Anlagen alleine betrifft und hoffe, schnellstmöglich eine Lösung zu finden.

Sollten die Olympischen Spiele im Sommer aus Ihrer Sicht denn noch wie geplant stattfinden?

Mit einer Komplettabsage will ich mich aktuell noch nicht zu stark auseinandersetzten. Ich will mich bestmöglich vorbereiten. Wenn eine Komplettabsage erfolgt, kann ich daran eh nichts ändern.

Wie präsent ist Olympia denn gut vier Monate vor der Eröffnungsfeier schon bei Ihnen?

Olympia ist bei mir nicht erst seit ein paar Wochen brandaktuell. Seit der EM in Berlin 2018 sind die Olympischen Spiele eigentlich das nächste große sportliche Ziel, das ich die ganze Zeit vor Augen habe. Durch meinen Trainerwechsel ist das Ganze jetzt noch einmal bestärkt worden. Unser Coach Lance Brauman hält regelmäßig Motivationsansprachen, da betont er, dass wir ein Jahr wie dieses nur alle vier Jahre erleben können. Und er macht uns deutlich, warum wir eigentlich bei ihm sind, nämlich, weil wir das Bestmögliche aus uns herausholen wollen. Das pusht einen natürlich.

Die Spiele in Tokio könnten nach Rio de Janeiro Ihre zweiten Olympischen Spiele werden. Was ist diesmal anders als 2016?

Ich gehe diesmal natürlich ganz anders an die Olympischen Spiele heran als vor vier Jahren. 2016 habe ich im selben Jahr noch mein Abitur gemacht. Das heißt: Ich war noch kein Vollprofi. Jetzt habe ich zwar eigentlich noch mein Studium nebenbei, an der Uni habe ich mir aber zwei Urlaubssemester genommen, um den Fokus komplett auf den Sport legen zu können.

Das war ja zuletzt auch schon einmal anders.

Ja, und das war auch ein großer Fehler, den ich 2018 gemacht habe. Ich habe neben der Europameisterschaft im eigenen Land, die mir echt mental alles abverlangt hat, versucht, noch ein Sommersemester an der Uni zu machen. Das war einfach wahnsinnig viel Stress. Da gab es dann zum Beispiel solche Situationen wie auf dem Rückweg vom Wettkampf „Berlin fliegt“. Rebekka Haase ist gefahren und ich saß auf dem Beifahrersitz und musste noch eine Hausarbeit fertig schreiben, weil ich es sonst einfach nicht geschafft hätte.

Das heißt: So viel Zeit und so viel mentale Kapazität wie jetzt hatten Sie noch nie für den Sport?

So würde ich das nicht unbedingt sagen. Ich habe mir die Zeit ja schon irgendwie genommen, zum Beispiel, indem ich Nachtschichten eingelegt habe. Das war aber alles einfach ziemlich stressig. Daher habe ich wahnsinnigen Respekt vor Sportlern, die es wirklich schaffen, Studium und Sport auf dem Level nebeneinander betreiben zu können. Auf der anderen Seite muss ich aber auch sagen: Es hat schon einen Grund, warum wir in Deutschland nur relativ wenige Top-Athleten haben. Hier sind die Sportler eben darauf angewiesen, nebenbei noch etwas anderes zu machen. Und ich bin schon der Überzeugung, dass am Ende eines von beiden immer darunter leidet.

Können Sie jetzt schon ein konkretes Ziel für die Olympischen Spiele formulieren – sofern sie ausgetragen werden?

Gerade durch den Trainerwechsel ist das relativ schwierig. Ich merke auf jeden Fall, dass ich so fit bin, wie ich es noch nie in meiner Karriere war. Trotzdem bleibt natürlich die Frage: Wie wirkt sich das am Ende auf die Leistung aus? Daher muss ich die ersten Wettkämpfe abwarten, dann kann ich zu konkreten Zielen vermutlich mehr sagen. Sicherlich ist eines meiner großen Ziele, einmal bei Olympischen Spielen in einem Einzel-Finale zu stehen. Ob das schon in Tokio sein wird oder erst in vier Jahren, das steht aber in den Sternen.

Im vergangenen Jahr haben Sie auf einen Start über die 200 Meter verzichtet. Wie sieht das in diesem Jahr aus?

Ganz ehrlich: Bei der Quälerei, die ich derzeit im Training durchmache, will ich doch ganz schwer hoffen, dass ich in diesem Jahr auch mal wieder ein 200-Meter-Rennen laufe (lacht). Dafür habe ich mich im Training jetzt oft genug über längere Strecken gequält, die eigentlich echt nicht mein Fall sind.

Gut zwei Wochen nach den Olympischen Spielen würde noch die Europameisterschaft in Paris anstehen. Welchen Stellenwert hat die EM in Ihrer Saisonplanung?

Das ist ein sehr schwieriges Thema. Fakt ist: Der Fokus liegt in diesem Jahr komplett auf den Olympischen Spielen. Und Fakt ist auch, dass der Termin für die Europameisterschaft in diesem Jahr denkbar ungünstig ist. 2016 lag die EM vor den Olympischen Spielen, da konnte man die EM super als Vorbereitung mitnehmen. Diesmal ist es umgekehrt. Ich werde mich daher erstmal voll auf die Olympischen Spiele konzentrieren und danach schauen, ob die EM für mich überhaupt noch in Frage kommt. Es macht keinen Sinn, in Tokio gut abgeliefert zu haben und dann bei der EM ein Flop zu sein, weil ich einfach nicht mehr kann. Wenn man zur EM fährt, dann sollte man das auch ernst nehmen. Wenn ich nicht fit bin, dann lasse ich es lieber sein.

Interview: Sebastian Moritz

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