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Liebling in Düsseldorf: Tony Martin bei der Teampräsentation.

Tony Martin

"Ich bin total relaxed"

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Zeitfahrspezialist Tony Martin im Interview über das Gelbe Trikot, den Umgang mit Druck und warum er Marcel Kittel mit auf der Rechnung hat.

Herr Martin, ganz Deutschland erwartet von Ihnen zum Heimauftakt der Tour de France nicht weniger als den Sieg im Zeitfahren. Sie selbst auch. Ist das nicht ein bisschen viel Druck, der auf Ihren Schultern lastet?
Wenn ich mir das noch ein bisschen einrede, dann wird das sicherlich auch so sein. Aber ganz ehrlich, ich sitze hier ganz entspannt, bin total relaxed. Ich war gerade noch mal auf der Strecke, ohne jede Nervosität. Ich freue mich auf dieses Wochenende und die vielen Fans. Schade ist nur, dass das Wetter Russisch Roulette mit uns spielt. Aber ansonsten sitze ich hier durchweg mit positiven Gefühlen. Die Nervosität wird erst einsetzen, wenn ich auf der Startrampe stehe. Die brauche ich auch, das wird mich sicher noch puschen. Ich habe die Erfahrung, mit Druck umzugehen. Ich weiß nicht, ob man den Druck bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften noch ins Unendliche steigern kann im Vergleich zu einem Tourstart in Deutschland. Das sind vielleicht noch mal drei Prozent mehr, aber damit kann ich umgehen.

Wenn Sie die 14 Kilometer vor ihrem geistigen Auge abspulen, was sehen Sie?
Ich stelle mir vor, wie ich durch ein Fanspalier fahre. Ich habe diesen speziellen Heimvorteil, auf den ich mich nun schon seit vielen Monaten freue. Das können die Extraprozente sein, vielleicht das halbe km/h rauszukitzeln, das am Ende entscheidet. Ganz klar, das wird mich puschen.

Wie gut kennen Sie die Strecke?
Ich bin sie im Verkehr abgefahren, ich kenne etwa 90 Prozent, der Rest war Gegenverkehr. Wenn es trocken bliebe, wäre es eine sehr schöne, sehr flüssige Strecke, die mir entgegenkommt. Sollten die Straßen nass sein, sieht das Ganze natürlich anders aus. Dann wird es wegen der Straßenbahnschienen und Zebrastreifen deutlich gefährlicher.

Es wird nass. Das zumindest sagt der Deutsche Wetterdienst, der für Samstag anhaltenden Regen prognostiziert hat.
Regen stellt für mich ein unnötiges Risiko dar. Ich komme bei Nässe schon gut um die Runden, vielleicht teilweise besser als meine Konkurrenten, aber auch für mich besteht eine enormes Sturzrisiko, wenn man um jedes Zehntel kämpft. Aber ich muss es nehmen, wie es kommt. Mir wäre nur wichtig, dass alle dieselben Bedingungen haben und nicht am Ende einer gewonnen oder verloren hat, weil es die Witterungsverhältnisse so wollten.

Können Sie Ihre Startzeit selbst bestimmen?
Generell kann die Mannschaft die Startzeit für ihre Fahrer setzen, allerdings hält sich der Veranstalter ASO vor, die Favoriten am Ende fahren zu lassen, um die Spannung hochzuhalten. Aber wer weiß schon, wie das Wetter sein wird. Vielleicht ist es ja sogar förderlich, als einer der Letzten zu starten.

Wer sind am Samstag Ihre größten Konkurrenten im Kampf gegen die Uhr?
Einige vermeintliche Topfavoriten wie Tom Dumoulin aus den Niederlanden und Rohan Dennis aus Australien sind nicht hier. Ich denke, Stefan Küng aus der Schweiz von BMC wird sicherlich ganz vorne dabei sein, auch der Niederländer Jos van Emden und Primoz Roglic aus Slowenien sind stark. 14 Kilometer sind eine Distanz, die allerdings auch Nicht-Zeitfahrer gut bewältigen können.

Zu denen zählt ihr Freund, Trainingspartner und ehemaliger Teamkollege Marcel Kittel. Er gehörte bei den Junioren zu den Besten im Rennen gegen die Uhr. Gibt es zwischen Ihnen ein internes Frotzelduell?
Klar machen wir unsere Sprüche, heizen uns an. Aber das ist nur ein Geplänkel im Training. Ganz ehrlich, wäre die Strecke technisch etwas schwieriger, hätte ich Marcel sogar auf der Rechnung für ganz vorne. Von den Sprintern hat er vermutlich die beste Chance, sich eine gute Ausgangsposition zu schaffen, um auf den darauffolgenden Etappen mit den Boni ins Gelbe zu fahren. Wenn ich am Samstag mit dem Gelben Trikot auf dem Podium stehe und es Marcel am Sonntag in Lüttich übernehmen würde, könnte ich ganz gut damit leben.

Würden Sie im kommenden Jahr gerne wieder mit Marcel Kittel (zur Zeit Quick-Step; Anm. d. Red.) in einem Team fahren?
Ja.

Wie groß ist die Chance?
Ich denke, das werden die nächsten Wochen zeigen.

Sie kennen das Gefühl, das Gelbe Trikot zu tragen. Vor zwei Jahren schlüpften Sie erstmals in das begehrte Leibchen. Was hat das in Ihnen ausgelöst?
Ein unglaubliches Gefühl, das ich vorher noch nie hatte. Selbst dann nicht, als ich das Weltmeistertrikot überstreifen durfte. Da merkt man einfach, dass man der Mittelpunkt des Radsports ist. Die ganze Radsport-Welt schaut auf einen. Ein sehr erhabenes Gefühl, das mit nichts im Radsport zu vergleichen ist.

Das Zeitfahren ist das eine, die Tour de France aber dauert drei Wochen. Haben Sie sich auch schon ein paar andere Etappen ausgesucht, auf denen Sie sich Chancen ausrechnen?
Nein, ich bin voll und ganz auf Samstag geeicht. Ansonsten weiß ich gar nicht, was mich die nächsten drei Wochen erwartet. Brauche ich auch nicht, alles andere ist aus heutiger Sicht nebensächlich.

Alles andere als nebensächlich ist die Rückkehr der Tour de France nach Deutschland. Was bedeutet der Grand Départ für Deutschland?
Erst einmal ist es ein starkes Zeichen für den Radsport, dass wir hier in Düsseldorf sind. Damit haben wir schon sehr viel erreicht. Auch wenn man sieht, wie groß das Interesse der Medien und der Fans im Vorfeld war. So etwas habe ich noch nie erlebt. Das ist auch für mich ein Höhepunkt. Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass wir irgendwann mal wieder einen Tourstart in Deutschland haben werden? Ich denke, wir können uns an diesem Wochenende auch ein bisschen selber feiern.

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