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Sein größter Erfolg: Weltmeister 1990 in „meiner Stadt.“ Damals spielte Rudi Völler bei AS Rom.

Rudi Völler im Interview

„Ich bin schon ein bisschen besessen“

Am Ostermontag wird Rudi Völler 60: Vorab spricht der gebürtige Hanauer über die schönste Nacht seines Fußballerlebens in Rom, ein Fluchtszenario als Bundestrainer nach Australien und darüber, wie lange er noch im Fußballgeschäft mitmischen möchte.

Am Ostermontag feiert Rudi Völler seinen 60. Geburtstag. Mit der FR spricht der gebürtige Hanauer vorab über die schönste Nacht seines Fußballerlebens und eine Flucht nach Australien. Außerdem verrät er, wie lange er noch im Fußballgeschäft mitmischen möchte.

Herr Völler, rund zwei Drittel Ihres Lebens haben Sie im Kosmos des Profifußballs verbracht, als Spieler, Trainer und Manager. Sie werden auf der ganzen Welt erkannt und haben viel erlebt.

Es gibt zwei Geschichten, auf die ich immer angesprochen werde, wahrscheinlich bis an mein Lebensende. Im deutschsprachigen Raum auf die Nummer mit Waldemar Hartmann. Und das mit Frank Rijkaard ist eine weltweite Geschichte. Egal wo ich auf der Welt bin, irgendein Taxifahrer spricht mich immer darauf an. Das ist bei allen in den Köpfen drin. Dass ich ab und zu auch mal einen Ball reingeköpft habe, sagt mir keiner. (lacht)

Sie sprachen eben selbst Ihren Wutausbruch im TV-Interview mit Waldemar Hartmann an. Wie erklären Sie sich das rückblickend?

Das habe ich von meinem Vater. Ein bisschen zu überziehen, wenn einem etwas nicht gefällt, wenn man denkt, man muss sich oder eine Sache verteidigen.

Haben Sie das auch an Ihre Kinder weitergegeben?

Nein, meine drei Jungs sind da nicht so.

Sie sind in Hanau, östlich von Frankfurt, geboren. Welche Erinnerungen haben Sie noch an Ihre Kindheit? Wo haben Sie damals gekickt?

Ich bin Ur-Hanauer, erst waren es die Hinterhöfe vor den Garagen, dann der Platz bei der Schule und später bei den Sechzigern auf dem Sportplatz. Da bin ich jeden Tag hingelaufen, auch wenn kein Training war. So war das Leben vor Social Media. Ich bin ja noch aus der Generation, in der es nur drei Fernsehprogramme gab und bis 16 Uhr das Testbild zu sehen war. Man musste einfach raus.

Schauen Sie auch noch gezielt nach dem Fußball in Ihrer Heimat Hanau?

Mein Lebensmittelpunkt ist jetzt bei Bayer Leverkusen. Das ist mein Klub. Kickers Offenbach verfolge ich etwas mehr als den Hanauer Fußball. In so einer Stadt in der Größe von Hanau spielt der Fußball leider nicht so eine Rolle, wie man sich das vielleicht vorstellen könnte. Aber das ist ja schon seit ewigen Zeiten so. Einen Regionalligaverein könnte man da eventuell schaffen, aber das kriegt eben keiner hin.

Beim TSV 1860 Hanau konnte man Sie nicht lange halten.

Ich bin mit 15 weg. Das war zwar eine tolle Zeit, ich habe das genossen, aber ich wollte immer weg, wusste ja schon in der Jugend, dass ich vielleicht ein bisschen besser bin. Da versucht man dann, zu Kickers Offenbach oder Eintracht Frankfurt zu wechseln. Obwohl mir letztlich immer klar war, dass ich nach Offenbach gehe. Ich war einfach durch meinen Bruder Dieter vom OFC begeistert. Wir sind schon in den 70ern immer zum Bieberer Berg gefahren.

Die Eintracht war damals also keine Option?

In den 70er und 80er Jahren war Hanau OFC-Land. Das weiß ich noch ganz genau. Das hat sich im Laufe der Jahre zum Schaden von Kickers Offenbach gewandelt. Beim OFC ging es abwärts, bei der Eintracht nach oben.

Hatten Sie in Kinder- oder Jugendtagen ein Idol?

Seit Jahren in verschiedenen Tätigkeiten für Bayer Leverkusen tätig: Rudi Völler.

In den 60ern und 70ern war das Gerd Müller, weil er viele Tore gemacht hat, und beim OFC Erwin Kostedde. Er war zwar ein ganz anderer Spielertyp als ich, hat aber immer den Übersteiger, den ich zu Hause auch ständig geübt habe, gemacht. Erwin Kostedde hat ihn erfunden und ich habe ihn, vor allem in der ersten Zeit meiner Karriere, auch ganz gut hinbekommen. Der Einzige, der den ein bisschen misshandelt hat, war Jan Age Fjörtoft bei der Eintracht im Spiel gegen Kaiserslautern, das für Frankfurt letztlich den Klassenerhalt bedeutete. Wie man einen Übersteiger so schlecht machen kann und er funktioniert trotzdem, da haben sich mir die Nackenhaare hochgestellt. (lacht)

Später spielten sie auch in Bremen, unter Trainer Otto Rehhagel. Hat er Sie geprägt?

Er war der Trainer, der mich am meisten gefördert und nach vorn gebracht hat. Ich kam 1982 nach Bremen, bin direkt nach der WM Nationalspieler geworden. Im ersten Jahr war das ein Traum für mich. Ich wurde Torschützenkönig, Fußballer des Jahres. Besser ging es ja nicht. Ich hatte die Freiheiten für mein Spiel, die ich gebraucht habe, die hat Otto mir gegeben.

Warum sind Sie eigentlich nie bei Bayern München gelandet? Als Spieler nicht und auch nicht später als Manager.

Ich war ein paar Mal nah dran. Es gab mal eine Anfrage, dort Sportdirektor zu werden, noch bevor Matthias Sammer in dieser Funktion in München tätig war. Und als ich in Bremen spielte, war Bayern zwar auch schon was, aber wenn man was ganz Großes machen wollte, musste man damals nach Italien. Es war das Land, in dem die weltbesten Fußballer gespielt haben. Italien hatte die weltbeste Liga – eindeutig.

In Rom sind Sie auch Weltmeister geworden. War das die überragende Nacht Ihres Fußballerlebens?

An einer WM teilzunehmen, ist für jeden Fußballer das Größte. Dann sogar Weltmeister zu werden, ist gar nicht zu toppen. Und das auch noch in „meinem“ Stadion. Ich war schon drei Jahre in Rom. Das Endspiel in meinem Heimstadion – mehr geht nicht. Die Leute haben alle gehofft, dass wir Weltmeister werden. Thomas Berthold und ich haben damals ja bei AS Rom gespielt, da waren die Sympathien klar auf unserer Seite.

Und drei Jahre später haben Sie mit Olympique Marseille die Champions League gewonnen. Im Finale mit 1:0 gegen den AC Mailand.

Wenn mir jemand sagt, ich sei ja nie deutscher Meister geworden, antworte ich immer: Dafür habe ich die wichtigen Titel gewonnen. Dieser Titel kam im Spätherbst meiner Karriere. Weltmeister war ich mit 30, Champions-League-Sieger mit 33. Das geht aber auch nur, wenn du in guten Mannschaften bist. Wir spielen ja einen Mannschaftssport und kein Tennis.

Und doch gibt es da ein Spiel, das rückblickend für Sie noch wichtiger war.

Natürlich sind diese Titel schön. Aber was Freude und Glücksempfinden angeht, gibt es Spiele, die genauso einzuordnen sind. Eines vor allem: Als wir 1996 hier in Leverkusen nicht abgestiegen sind. Wir waren mit einem Bein schon in der zweiten Liga, lagen am letzten Bundesligaspieltag gegen Kaiserslautern bis kurz vor Schluss 0:1 zurück – da hat Markus Münch das Tor gemacht und uns gerettet. Da habe ich mich fast noch mehr gefreut als über den Champions-League-Sieg.

Was halten Sie von Zahlen und Statistiken? Sie hatten ja immer tolle Torquoten.

Ich weiß, dass ich schon ein paar Törchen gemacht habe, dass ich nicht ganz so schlecht war. Bei den Länderspielen bekomme ich es zusammen. 90 Länderspiele, und ich glaube 44 oder 45 Tore.

ZUR PERSON

Rudolf „Rudi“ Völlerwurde in Hanau geboren, er war zeit seiner aktiven Fußballkarriere in Deutschland, Frankreich und Italien am Ball, auch absolvierte er 90 Spiele für das Nationalteam und wurde 1990 Weltmeister. Von 2000 bis 2004 war er Teamchef der deutschen Nationalkicker. Seit Juli 2018 ist Völler Geschäftsführer Sport bei Bayer Leverkusen, zuvor war er in verschiedenen Funktionen für den Bundesligisten tätig.

47 waren es.

Ah, okay. Wie viele es in der Bundesliga waren, kann ich aber nicht sagen.

132 Bundesligatore.

Das hört sich erst mal gar nicht so viel an, aber ich war ja sieben Jahre, in der Topzeit meiner Karriere, im Ausland.

Nuber, Calmund, Rehhagel, Beckenbauer – wem haben Sie am meisten zu verdanken?

Die haben alle von ihrer Aura gelebt. Auch Hermann Nuber, der mich als Jugendtrainer gefördert hat. Mit seiner speziellen Art, die für mich damals wichtig war. Die so genannten jungen Laptoptrainer, die jede Taktik in acht verschiedenen Sprachen erklären können, sind ja schön und gut, das ist zeitgemäß und heutzutage auch wichtig. Aber auch auf die Basics kommt es an. Die hat Hermann Nuber vermittelt, als harter Hund.

Welche Übungen waren das?

Ich bin zum Beispiel mit dem Kopfballpendel groß geworden. Mit Liegestützen vorher und dazwischen. Und wir hatten immer so ein Seil, mussten das selbst halten und drüber springen. Nach zehn oder 20 Wiederholungen wusste man auch, was man gemacht hatte. Das sind Übungen, die nach heutigem Kenntnisstand Gift für den Rücken sind. Aber das war halt so.

Würde ein Titel mit Bayer Ihre Funktionärskarriere abrunden?

Das ist ein bisschen unsere Sehnsucht. In den letzten zehn Jahren waren wir sechsmal in der Champions League. Aber dafür bekommt man ja nicht mal einen Wimpel. Die Europa League und der DFB-Pokal müssen für uns in Leverkusen immer ein Thema sein. Aktuell sind wir da ja auch sehr gut im Rennen – wir hoffen inständig, dass die Wettbewerbe trotz der Corona-Krise fortgeführt werden können.

2000 wurden Sie Teamchef der deutschen Nationalmannschaft. Das kam selbst für Sie überraschend, oder?

Sicher, das war ja alles eigentlich ganz anders geplant. Die EM 2000 war schlecht, wir sind in der Vorrunde ausgeschieden. Und es gab eigentlich nur zwei, die damals als Bundestrainer in Frage kamen: Christoph Daum und Ottmar Hitzfeld. Ottmar hatte gleich abgesagt und Christoph Daum konnten Reiner Calmund und ich in Leverkusen nicht einfach freigeben. Dann gab es das inzwischen fast legendäre Treffen in Köln zwischen der DFB-Spitze und den Vertretern der Bundesligatopklubs. Irgendwann herrschte relative Ratlosigkeit. Und dann sagte DFB-Präsident Mayer-Vorfelder: „Rudi, mach du das doch für ein Jahr. Als Übergangslösung.“ Alle, die in der Runde saßen, Uli Hoeneß, Kalle Rummenigge, Klaus Allofs sagten: „Ist doch ne gute Idee“. Da war ich auf einmal Teamchef. Eigentlich für ein Jahr und dann wurden es vier.

Es waren schwere Zeiten dabei: Immerhin hätte die WM 2002 beinahe ohne Deutschland stattgefunden.

Wir mussten in der Relegation gegen die vielleicht beste ukrainische Mannschaft der letzten 30 oder 40 Jahre ran. Das war schwierig.

Erinnern Sie sich an die Spiele?

Oh ja. Im November 2001 hatten wir in der Ukraine das erste Spiel vor 90 000 Zuschauern. Die ersten 20 Minuten sind wir gar nicht hinten rausgekommen, haben 0:1 hinten gelegen. Da habe ich zu meinem Co-Trainer Michael Skibbe schmunzelnd gesagt: „Wohin wandern wir aus? Ich nach Australien und du kannst woandershin.“

Deutschland hätte erstmals eine WM verpasst.

Man muss sich mal vorstellen, was das für ein Druck ist. Ich wäre der erste Nationaltrainer gewesen, der es nicht zu einer WM geschafft hätte. Ich habe selten in meinem Leben so einen großen Druck erlebt.

Bei Spielen in Bremen gibt es noch immer Rudi-Sprechchöre. Sie sind deutschlandweit hoch angesehen. Weil Sie sich nie verstellt haben?

Vielleicht liegt es ja an meinem Vornamen, genau wie bei Uwe Seeler. So ein gemeinsam geschmettertes, langgezogenes „uuuuuuu“ aus Tausenden von Kehlen klingt ja im Stadion ganz gut. Ich weiß es nicht. Manchmal überziehe ich auch, schimpfe hin und wieder mal mit dem Schiri, aber ich übertreibe es auch nicht. Die Leute haben mich überwiegend so akzeptiert, wie ich bin.

Dreht sich in Ihrer Freizeit eigentlich auch alles um Fußball?

Meine Frau verdreht manchmal die Augen, weil ich auch an einem Sonntag, an dem wir selbst spielfrei haben, immer noch Fußball schaue. Ich bin schon ein bisschen besessen davon.

„Tante Käthe“, „Es gibt nur ein Rudi Völler“: Können Sie diese Gesänge noch hören?

Heute geht’s sogar wieder. Nach der WM 2002 bin ich bei Einladungen gerne zu Podiumsdiskussionen gekommen oder habe Preise entgegengenommen, aber nur unter der Bedingung, dass das Lied nicht gespielt wird.

Spielen Sie aktuell eigentlich auch noch Fußball?

Eigentlich so gut wie nicht mehr. Ich habe ein bisschen Probleme mit meinem Knie, ein leichter Knorpelschaden. Ich kann noch ein-, zweimal joggen in der Woche.

Ihr Vertrag bei Bayer läuft bis 2022. Wie lange machen Sie noch?

Ich mache es wohl noch ein paar Jährchen, entscheide vielleicht im nächsten Dreivierteljahr, wie lange. Aber völlig relaxt. Da muss jetzt niemand ständig nachfragen.

Interview: Thorsten Jung

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