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Lieber kleiner Gorilla als Mauerblümchen - Trainer Christian Streich über den SC Freiburg.

SC Freiburg Trainer Christian Streich im Interview

"Ich kann einem unserer Spieler nicht mehr vertrauen"

Freiburgs Trainer Christian Streich über seine Art der Mannschaftsführung, den Job als Bundesligatrainer, Gorillas und warum er mit Thomas Tuchel nicht zusammenarbeiten könnte.

Christian Streich kommt eine knappe halbe Stunde zu spät zum Interview. Aus gutem Grund: Der 45-Jährige hatte sich in ärztliche Behandlung begeben müssen, weil er einen Druck auf dem Herzen verspürte. Im EKG war aber dann alles okay. „Wahrscheinlich ein Phantomschmerz, ich habe so oft draufgedrückt, dass es dann ja weh tun muss“, scherzt Streich - und legt los.

Herr Streich, Sie haben einen knapp zweijährigen Sohn. Ist der schon beim Vater in der privaten Freiburger Fußballschule?
Nein, der hat eine Großmutter, die ist Künstlerin. Ich sehe jetzt schon viel schauspielerisches Talent bei dem Bub. Ich glaube, es geht in eine andere Richtung.

Das bedauern Sie sicherlich?

Ach, es muss nicht unbedingt Fußball sein. Wirklich nicht. Der soll machen, was er will. Das Problem ist allerdings, dass er immer wieder mit mir mit kommen muss in die Fußballschule zu den Jugendspielen. Da schaut er dann automatisch beim Fußball zu. Wir können ihn ja nicht am Theater abstellen.

Sind Sie ein strenger Vater, strenger als Sie als Fußballtrainer sind?

Meine Tochter ist 17 Jahre alt. Die findet mich überhaupt nicht streng. Ich glaube, ich lasse dem Buben ziemlich viele Freiheiten.

Mehr als Ihren Spielern?

Ich spreche jetzt mal aus eigener Erfahrung als Spieler: Mich hat das genervt, wenn der Trainer alles vorgeben wollte. Gewisse Regeln gelten natürlich schon. Zum Beispiel ist es besser, man trifft sich um zwei, wenn das so abgesprochen wurde, und nicht erst um halb drei, weil ja dann wieder jemand anderes warten muss. Aber ich bin der festen Überzeugung: Ein Mensch bringt am meisten von seiner Persönlichkeit ein, wenn man ihm so viel Freiheit wie möglich gibt. Dann fühlt er sich am wohlsten.

Und dann ist er auch disziplinierter?

Ja, auch das. Das ist der Wohlfühleffekt. Dann hab ich mit diesen jungen Menschen so viele Möglichkeiten mehr auf dem Trainingsplatz, damit sie ihre Kreativität ausleben.

Ihnen ist es auch sehr wichtig, dass Dinge intern bleiben. Führt das nicht automatisch zu einer Wagenburgmentalität?

Die Jungs dürfen fast alles sagen.

Wie bitte? Sie waren stinksauer, als in der Sportbild über eine Mannschaftssitzung berichtet wurde!

Ja, natürlich. Wenn jemand aus unserem Kreis der Presse aus einer Videositzung berichtet, istdas im besten Fall eine Dummheit.

Und im schlimmsten Fall?

Diskreditiere ich so mindestens meinen Mannschaftskollegen, der in der Sitzung vom Trainer kritisiert worden war.

Die Kabine ist Ihnen heilig?

Ich habe sonst gar keine andere Möglichkeit, mich in einer Gruppe konstruktiv zu bewegen. Wenn ich mit meiner Freundin oder mit einem Freund etwas Intimes bespreche, bei dem ich mich persönlich öffne, ist das genauso. Bei einer Videoanalyse öffne ich mich auch. Wenn das dann jemand nach außen trägt, ohne dass das mit mir abgesprochen wurde, ...

... dann werden Sie stinksauer?

Dann bewegen wir uns in einem Bereich, in dem wir Gefahr laufen, in die totale Unfreiheit zu geraten. Dann fühle ich mich persönlich angegriffen. Und die Spieler auch. Dann werden wir in unseren Möglichkeiten beschränkt. Dann bricht uns etwas ganz, ganz Wichtiges weg: unser gegenseitiges Vertrauen. Ich kann jetzt einem unserer Spieler leider nicht mehr vertrauen. Ich weiß auch, wer es war. Ich musste diesen Menschen an den Pranger stellen, nicht vor der Mannschaft, sondern hier im Büro. Dazu hat mich dieser Mensch gezwungen. Das werde ich ihm nicht wieder vergessen.

Wird er nicht mehr spielen dürfen?

So ist es nun nicht, aber das, was er getan hat, das bleibt.

Ist es Ihnen wichtig, dass Ihre Spieler nicht nur gute Fußballer werden, sondern auch gute Menschen?

Das wäre mir zu hoch gegriffen. Ich möchte gerne, dass wir gut miteinander umgehen.

Konkret gefragt: Wäre es legitim, wenn einer Ihrer Spieler im entscheidenden Spiel um den Klassenerhalt mit einer Schwalbe den entscheidenden Strafstoß herausholt?

Ich bin kein Heiliger. Ich würde aber danach nicht jubelnd auf den Platz rennen. Ich habesogar selbst mal einen Elfmeter geschunden, aber ich bin nicht stolz drauf.

Aber wenn ein Spieler eine Rote Karte für den Gegner fordert oder wenn er sich rassistisch äußert, dann könnte man als Trainer auch einen klaren Punkt machen und sagen, dass man so
etwas nicht sehen will.

Was glauben Sie, worüber wir in den ersten Wochen im Trainingslager vor allem geredet
haben?

Über Taktik?

Ach wo. Ich habe keine blauen, roten oder gelben Strichmännchen an die Taktiktafel geschrieben. Das war nicht das Thema. Wir haben über schwarz und weiß geredet, darüber, wie wir miteinander umgehen. Es ging darum, wieder eine Möglichkeit des Zusammenlebens zu finden. Wir standen am Abgrund, fünf Spieler waren weg. Ich musste die Spieler auch überzeugen, dass ich nicht für die Beurlaubung von Marcus Sorg verantwortlich war.

Stimmt es, dass Sie im Dezember mit dem festen Vorsatz auf die Geschäftsstelle gekommen sind, den angebotenen Cheftrainerposten nicht anzunehmen?

Selbstverständlich habe ich zunächst abgesagt.

Und dann haben sie gehört, dass Murat Yakin oder Falko Götz Trainer werden könnten, und es sich schnell anders überlegt?

Nein, mit anderen Namen hatte das nichts zu tun. Es war so: Ich hatte noch ein paar Minuten Zeit, mich zu entscheiden. Da habe ich mir gedacht: Schluss, ich mach es nicht.


Und dann?

Habe ich überlegt: Was denken die jetzt hier im Verein, wenn ich nein sage? Und dann habe ich gesagt: Okay, ich mach es. Aber zitternd natürlich!

Weil Sie auch befürchtet haben, dass Sie so, wie Sie sind, als Bundesligatrainer nicht mehr bleiben können?

Das auch. Die ganze Maschinerie, die dann angeworfen wird, die Leute, die im Umfeld dadran hängen – ich will hier jetzt keine Berufssparte nennen.

Ihre besonderen Freunde: die Berater - und wir Journalisten. Da kam eine ganz schöne Lawine auf Sie zugerollt. War es schlimmer als befürchtet?

Nein, war gar nicht so schlimm. Für mich steht aber auch fest: Wenn es nicht mehr geht, dann lass ich es wieder sein. Die Gefahr ist natürlich, dass du vorm Spiegel stehst und denkst, alles ist in Ordnung, und dann kommen zwei, drei Freunde daher und sagen dir: nichts ist in Ordnung. Ich hoffe, dass ich dann so stark bin und sagen kann: Schnell raus hier, danke, tschüss.

Ihre Spieler würden Sie so schnell nicht vergessen. Es sind neun Spieler aus der Fußballschule im Kader…

… die ich noch übrigens noch nie öffentlich gelobt habe.

Warum denn das nicht?

Brauchen die nicht. Die kriegen von mir das Lob auf anderem Weg zu spüren. Mal ein kleiner Schlag auf die Schulter oder ein Knuff in die Seite, ein Patscher auf die Wange – das sagt manchmal viel mehr.

In der Wahrnehmung der Nicht-Fußballfachleute sind Sie vor allem der schrullige Freiburger Trainer, der sich vor Spielen auf dem Platz in Jeans aufwärmt. Ärgert es Sie, dass die
Menschen über diese Bilder aus der Sportschau mehr reden als über die positive Entwicklung, die der SC unter Ihnen genommen hat?

Ich habe erkannt, dass ich zu einer Projektionsfläche geworden bin. Manchmal steh ich neben mir und schaue mich so an.


Wie die sechs Millionen vor der Sportschau!

So ähnlich. Und wissen Sie was: Wenn ich in vier Wochen nicht mehr Trainer bin, dann fragen die Leute in acht Wochen: Wie hieß dieser Streich noch? Joachim Streich?

Das war ein sehr erfolgreicher DDR-Nationalspieler.

Genau. Und in vier Monaten heißt es: Da gab es mal so einen komischen Trainer in Freiburg, der ist immer mit dem Fahrrad zum Training gefahren.

Herr Streich, Sie sind ein Fußball-Maniac?

Ach..das Wort gefällt mir nicht.

Aber besessen vom Fußball sind Sie durchaus?

Nein, aber ein bisschen eitel bin ich schon. Ich will mich in dem, was ich so oft und gerne tue, auch als Person ausdrücken. Und ich bin eben Fußballtrainer und nicht Schreiner geworden. Wäre ich Schreiner, würde ich mich hoffentlich wahnsinnig um das Holz kümmern. Dann würde kaum jemand hinschauen, was ich den ganzen Tag lang tue. Aber ein paar Menschen würden doch merken, ob das Stuhlbein schön geschwungen ist.

Das wäre eine Form der Anerkennung?

Eine hohe Form der Anerkennung!

Apropos Anerkennung: Ihr Mainzer Kollege Thomas Tuchel sagt, mit Ihnen mache es wie mit keinem zweiten Kollegen Freude, über Fußball zu reden.

Das geht mir umgekehrt auch so. Wobei Fußball ist mehr als Fußball. Vielleicht ist diese besondere Verbindung zum Menschen auch das Besondere. Da kicken ein paar Jungs, einer ist aus der Schweiz, einer aus dem Senegal, alle sind elf, zwölf Jahre alt. Wenn du die Jungs dann zusammenholst und fragst, wer denn was gut gekonnt habe, sagt der Schwarze: der Schweizer war gut. Und der Schweizer: Der aus dem Senegal, der kann gut köpfen.

Das ist eine große Freude?

Das ist der Grund, warum man gerne lebt. Ich war früher so oft unterwegs, mit dem Rucksack in Marokko, in Indien oder Indonesien. Da kickst du am Strand und plötzlich gehen die Türen auf. Nicht nur, weil man gut gekickt hat, sondern weil man zusammen gelacht hat. Die sind Muslime oder Hindu, und ich zufällig evangelisch. Und wir waren gleich.

Thomas Tuchel sagt aber auch: Zwischen 15.30 und 17.20 Uhr sind Sie der Kollege, mit dem er am schnellsten Streit bekommen kann.

Ja, wenn er sich nicht anständig benimmt.

Tuchel ist also schuld?
Der Kollege ist viel größer als ich – auch körperlich. Der packt gern alles Mögliche aus, damit die Schiedsrichter nicht gegen Mainz entscheiden (lacht).

Sie packen auch alles Mögliche aus und sind ständig an der Außenlinie unterwegs. Wenn Sie emotional sind, hat man allerdings eher den Eindruck, dass sich das eher an die eigene Mannschaft
richtet als an den Schiedsrichter.

Da bin ich sehr froh, wenn Sie das sagen. Auch wenn ich nicht ausschließen mag, dass ich auch mal überreagiere.

Muss man als kleiner Verein besonders brav sein? Muss man in Freiburg immer das Mauerblümchen anbeten?

Aber nein! Wir müssen schon auf Gorilla machen, also auf kleiner Gorilla.

Als kleiner Gorilla waren Sie der Boss des besten Nachwuchsleistungszentrums der Bundesliga - mit 71,5 von 100 Punkten. Was ist Ihnen wichtiger: Mit der ersten Mannschaft den Klassenerhalt zu
schaffen oder das Nachwuchsleistungszentrum auf dem Top-Niveau zu halten?

Mittelfristig ist es sicher wichtiger, das Nachwuchsleistungszentrum auf diesem Niveau zu halten. Oben drauf Bundesligafußball ist wie eine Zwetschgenwaie – ihr sagt ja Kuchen dazu –, die mit Sahne serviert wird.

Hmm, hört sich lecker an.

Ja, mit Sahne schmeckt`s besser, aber ohne schmeckt´s auch gut. Es kommt darauf an, was du für Zwetschgen hast. Es kann auch passieren, dass du Zwetschgenkuchen ohne Sahne bekommst, aber die Zwetschgen sind besser als die bei dem Kuchen mit Sahne.

Sie selbst sind derzeit der Zwetschgenkuchenmann mit Sahne. Wie kann man sich da in einer Stadt wie Freiburg bewegen? Merken Sie, dass Sie anders wahrgenommen werden?

Klar, vorher haben mich viele Leute halt gekannt, weil ich so lange hier schon lebe, hier studiert und gekickt habe. Und jetzt ist es eben nicht mehr jeder Zehnte, der einen grüßt, sondern viele mehr, weil die mich halt im Fernsehen oder in der Zeitung gesehen haben.

Der berühmteste Trainer dieser Stadt, Joachim Löw, sagt: „Nur schöner Fußball ist erfolgreicher Fußball.“ Ist das auch Ihre Philosophie?

Da frage ich mal zurück: Was ist schöner Fußball?

Flachpassspiel, viele Kombinationen, keine tumben langen Bälle.

Ich nenne Ihnen mal ein Beispiel: Für einen italienischen Trainer ist schöner Fußball wohl eher ein 0:0. Wenn der bei einem Spiel zusieht, in dem irgendwann das 2:2 fällt, lässt der seinen Kaffee stehen und sagt: „Das schaue ich mir nicht weiter an. Das ist ja eine Katastrophe.“

Was ist für Sie schöner Fußball?

Ich erfreue mich an einem gewissen Rhythmus und funktionierenden Abläufen. Ich kann mich auch über intelligentes Verteidigen freuen.

Sagen Sie mal, Herr Streich: Wollte Thomas Tuchel Sie als Co-Trainer nach Mainz holen, oder Sie ihn als Trainer für die Fußballschule? Beides wurde kolportiert.

Ich sage mal so: Es ist nicht alles gelogen, ich will aber nichts dazu sagen.

Würde bei Ihnen beiden die Zusammenarbeit denn klappen?

Bei Thomas und mir? Um Gottes Willen!

Das heißt, man kann riesigen Respekt voreinander haben und dennoch wissen: Zusammen funktioniert es nicht mit zwei Alphatieren?

Alphatier mal dahin gestellt, aber das ist im Leben ja oft so. Man kann eine Ex-Freundin haben, die man auf eine Art bis zum letzten Atemzug liebt. Und beide wissen doch: Zusammen geht es nicht.
Das Gespräch führten Christoph Ruf und Jan Christian Müller

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