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Unvergessliche Emotionen: Gesa Felicitas Krause lässt sich nach ihrem EM-Titel im Berliner Olympiastadion hochleben.

Gesa Krause

"Ich habe mein Limit noch nicht erreicht"

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Die Frankfurterin Gesa Krause spricht im Interview mit der FR über ihr Trainingslager in Kenia, ihre schwierige Saison, den EM-Titel über 3000 Meter Hindernis und ihre Ziele bis zu den Olympischen Spielen 2020.

Frau Krause, Sie sind vor kurzem ins Trainingslager nach Kenia geflogen. Wo genau sind Sie?
Wir sind in Iten. Das ist eine Dreiviertelstunde mit dem Flugzeug von Nairobi nach Eldoret und dann eine halbe Stunde mit dem Auto. Ich bin jetzt schon zum 15. Mal hier.

Welche Aussicht haben Sie aus ihrem Zimmer?
Eine wunderschöne. Ich schaue direkt ins Rift Valley. Das Tal ist 1000 Meter tiefer, ungefähr 100 Meter vor meinem Zimmer geht es 400 Meter steil die Klippen runter. Man fühlt sich frei, kann die Seele baumeln lassen, aber man ist auf 2400 Metern Höhe. Das Training ist hier wesentlich anstrengender als zu Hause.

Wie sind die Bedingungen?
Wir haben hier zwischen 23 und 25 Grad. Es geht immer ein angenehmer Wind, der bei Tempoläufen vielleicht ein bisschen störend ist. Ansonsten finde ich das Klima aber sehr angenehm, es gibt keine hohe Luftfeuchtigkeit, also optimal zum Trainieren. An vier Tagen trainiere ich dreimal, an zwei Tagen zweimal und einen Tag lasse ich es locker angehen.

Wie groß ist ihr Team, das sie nach Kenia begleitet?
Mein Trainer Wolfgang Heinig ist dabei, der mich das ganze Jahre über begleitet, egal wo es hingeht. Diesmal haben wir noch eine Physiotherapeutin, Birgit Schmidt vom Olympiastützpunkt Frankfurt, dabei. Das wechselt aber, da ich keinen Physiotherapeuten habe, der mich fest begleitet. Wir sind sechs Monate im Jahr unterwegs, so lange kann sich ein Physiotherapeut einfach nicht freinehmen.

Und für das Laufen selbst?
Richard Ringer hat sich uns angeschlossen, der beim Frankfurt-Marathon für Arne Gabius das Tempo gemacht hat. Seine Freundin Nada Ina Pauer, die Langstreckenläuferin ist, ist auch dabei. Das ist ganz schön, da wir uns so ganz gut ergänzen können und ich nicht ganz alleine bin bei meinen Trainingseinheiten. Meine Trainingsgruppe ist verhältnismäßig klein. Meistens bin ich nur mit meinem Trainer und seiner Frau Katharina Heinig unterwegs. Aber sie wurde vor kurzem nach dem Frankfurt-Marathon operiert, deshalb hat es diesmal nicht gepasst.

Wie lange sind Sie jetzt noch in Kenia?
Wir sind bis zum 14. Dezember hier. Über die Weihnachtsfeiertage wird es dann ein bisschen ruhiger, erst am 25. oder 26. geht es mit intensiverem Training weiter. Ich laufe den Silvesterlauf in Trier und dann geht es am 2. Januar ins Trainingslager nach Südafrika nach Potchefstroom. Das liegt etwa zwei Stunden nordwestlich von Johannesburg und hat eine Höhe von 1400 Metern. Da sind wir drei Wochen und dann bestreite ich eine Hallensaison. Wir arbeiten bewusst mit einer großen Höhe für die Grundlagen und danach mit einer geringeren, um in der Hallensaison über die Mittelstrecken unterwegs zu sein.

Lassen Sie uns über Ihr zurückliegendes  Sportjahr sprechen. Anfangs sah es ja nicht gut aus für Sie. Was lief da schief?
Wir haben das Jahr ein bisschen anders geplant. Ich hatte vor, in den ersten Wettkämpfen sehr schnell zu laufen. Das hat nicht ganz funktioniert. Das Training im Vorfeld war sehr gut, aber auch sehr hart, wodurch die Erholung bis zu den Wettkämpfen nicht gegeben war. So konnte ich die Leistungsfähigkeit aus dem Training im Wettkampf nicht umsetzen. Ich glaube, jeder kennt es, wenn man ein Negativerlebnis hat, dann reitet man sich oft mit diesem weiter runter. Die nächsten Wettkämpfe kamen immer zu früh, sodass sich mein Körper und mein Geist nicht von dem vorherigen erholt haben. So bin ich an einen Punkt gekommen, wo ich gesagt habe: ‚Mist, die EM kommt immer näher und ich wollte hier etwas ganz anderes.‘ Ich habe daraufhin ein paar Wettkämpfe abgesagt, um mich neu zu sammeln.

Was haben Sie dann gemacht?
Wir sind in die Berge in der Schweiz gefahren, um an meine im Frühjahr absolvierten Trainingseinheiten anzuknüpfen. Ich hatte ja in ein paar Wettkämpfen angedeutet, dass mein Leistungsniveau ganz gut ist. In Dessau bin ich über die 800 Meter eine gute Zeit gelaufen und der Halb-Marathon im Frühjahr in Berlin war auch sehr gut. Ich wusste also, dass ich nicht krank bin oder sonst etwas mit meinem Körper nicht stimmt. In der Schweiz habe ich mich wieder Schritt für Schritt vorwärts gearbeitet, hatte dann auch wieder Selbstvertrauen, das vorher auch ein bisschen gelitten hatte.

So groß offensichtlich, dass es für den Titel bei den Deutschen Meisterschaften in Nürnberg gereicht hat ...
Die Deutschen Meisterschaften waren ein Lichtblick. Ich hatte mich vor dem Rennen ziemlich unter Druck gesetzt, weil ich diesen Titel erlaufen wollte. Da war die Zeit zweitrangig, trotzdem bin ich eine Saisonbestleistung gelaufen.

Was hat der Titel mit Ihnen gemacht?
Von da an bin ich mit Schwung in Richtung Berlin zur EM gefahren. Im eigenen Land starten zu können, war eine Herausforderung, aber auch eine super große Motivation und ich habe mich riesig auf den Wettkampf gefreut. Ich habe mir gesagt, ich laufe nicht nur für mich, sondern auch für meinen Trainer und alle, die für mich ins Stadion kommen. Am Ende hatte ich das Resultat, was ich mir immer erträumt habe. Ich habe das Ziel nie aus dem Fokus verloren, auch wenn ich zwischendrin manchmal gezweifelt habe. Es war ein herausforderndes Jahr mit vielen Tiefen, aber auch mit ein paar unwahrscheinlich großen Gipfeln. 

Wie oft haben Sie Ihren Schlussspurt zum EM-Titel in Berlin im August angeschaut?
Auf diversen Veranstaltungen und Ehrungen habe ich es oft gesehen. Mit ein bisschen Abstand freue ich mich immer mehr darüber, weil es zeigt, welches Potenzial in mir steckt und das ich mein Limit noch nicht erreicht habe. Ich weiß, dass ich hinten raus auf den letzten Metern sehr flink unterwegs war. Und das gibt einem Mut für die kommenden Aufgaben und Träume von neuen Rekorden. Vor allem hat sich in meinem Kopf die einmalige Atmosphäre von Berlin eingebrannt. Ich weiß nicht, ob in meiner sportlichen Karriere noch einmal eine Europameisterschaft in Deutschland stattfinden wird. Das sind Gänsehautmomente. Das sind Emotionen und Erinnerungen, die in mir ruhen und mir Kraft geben für die Tage, wenn es im Training mal wieder schwer wird. 

Was hat der Titel mit Ihnen gemacht?
Die tollen Resultate haben mich total aus der Bahn geworfen. Ich war nach der EM erstmal krank, weil da sehr viele Einflüsse waren, die auf mich eingewirkt haben. Der Körper ist ja so, wenn er sich Ruhe nehmen darf, dann macht er es richtig. Ich hatte das leider zweimal im Jahr, wo ich dann überhaupt nicht trainieren konnte. Das Istaf in Berlin habe ich abgesagt, weil ich das Jahr nicht mit einem schlechten Wettkampf beenden wollte. Ich war dann auch relativ lange im Urlaub. Ich habe mich zwar fitgehalten, aber wenig trainiert.

Wann sind Sie wieder ins Training eingestiegen?
Ich bin seit der zweiten Oktoberwoche wieder im Training. Der Anfang war ganz schön schwer, aber jetzt bin ich wieder in meinem Rhythmus. Ich habe mich wieder an viele Kilometer gewöhnt und freue mich auf die Herausforderungen im nächsten Jahr.

Der Weltrekord über die 3000 Meter Hindernis liegt mittlerweile bei 8:44,32 Minuten, aufgestellt von der Kenianerin Beatrice Chepkoech. Ihre Bestzeit (9:11,58 Minuten) ist davon ein Stück entfernt, in der Historie waren 21 Frauen schneller. Wie können Sie sich an die Neun-Minuten-Marke heranpirschen?
Ich würde gerne die 8:44 außen vor lassen. Das ist zu weit weg, als das man sich damit identifizieren kann. Meine erste Hürde, an die ich mich heranpirschen will, ist die 9:10-Minuten-Marke. Die neun Minuten haben nur drei Athletinnen gebrochen, eine weitere wurde des Dopings überführt. Die meisten Athletinnen schwanken zwischen neun Minuten und 9:07 Minuten, da tummelt es sich. Da sind mittlerweile zwei US-Amerikanerinnen angekommen. Bis zur 9:11 Minuten, wo ich stehe, streut es sich dann. Bei einer WM können nur bis zu drei Athleten aus jedem Land starten und so selektiert sich das natürlich schon. Rekorde werden in gemachten Rennen gelaufen. Bei Meisterschaften geht es darum, sich zu behaupten. Ich hoffe, dass ich irgendwann mal in ein Rennen komme, wo ich den perfekten Tag erwische und über meine Grenzen hinausgehen kann. Das nächste Ziel ist definitiv die 9:10. Der Traum ist natürlich die Neun-Minuten-Barriere zu brechen oder in den nächsten Jahren zumindest so nah wie möglich heranzukommen. 

2016 sind Sie in Rio mit persönlicher Bestzeit Sechste geworden. Was haben Sie für Ziele bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokio?
Nächstes Jahr haben wir erstmal eine Weltmeisterschaft in Doha. Das ist die nächste Etappe. Aber ich habe nicht umsonst gesagt, dass ich von einer Olympiamedaille träume. Und so viele Olympische Spiele habe ich auch nicht mehr. Ich hoffe aber, dass Tokio nicht meine letzten sind. Ich versuche mit meinem Trainer, die nächsten zwei Jahre optimal zu gestalten, dass ich diesen Traum verwirklichen kann. Das ist noch ein ganz, ganz weiter Weg. 

Interview: Timur Tinç

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